2. Teil, 4. Kapitel, 2. Szene

Meter für Meter, die sich aneinanderlegten zu Kilometern. Das Eis schien wirklich dünner zu werden, bald konnten sie Wasser sehen, das unter ihnen dahintrieb, Wasser, kein Eis, ungefroren, lebendig. Und auch eine Luftblase fing sich jetzt immer öfter unter ihnen, ein perfekter Kreis, ein Stück unter dem Eis gefangene Luft.

Sie liefen. Immer wieder knackte das Eis unter ihnen – ein kurzes, aber wütendes Kläffen. Am Nachmittag bellte es unter Simon lauter als bisher, und ein feiner Riss knisterte durch das Eis.

»Zick-Zack-Muster«, grinste Mike, der Bär, und machte selbst einen Schritt. Wieder ein Knacken, und wieder zeichnete ein unsichtbarer Künstler Spinnennetze von kleinen Rissen auf die farblose, waagrecht vor ihnen liegende Leinwand.

»Und jetzt?«, fragte Theo nervös.

»Weiter.« Joshua puhlte sich Schorf von den rissigen Lippen. »Was sonst.«

»Aber das Eis ist zu dünn.« Lorielle nickte Theo zu. »Es trägt uns nicht.«

»Zum Umkehren«, sagte Joshua, »ist es jetzt ein bisschen spät, meint ihr nicht? Schaut euch um. Meint ihr wirklich, wir finden die Cohiba in dieser Eiswüste wieder?«

»Wir könnten ausweichen«, beharrte Theo. »Am Rand entlang gehen, bis wir dickeres Eis finden.«

»Drei Tage, wie an der großen Spalte?« Mike schüttelte den Kopf. »Dann verhungern wir schneller, als du dreimal Aye sagen kannst.«

Sie schwiegen. Simons Gedanken rasten wie ein Schwarm Mykros durcheinander. Sein Herz wollte vorwärts, nach Norden, nach Norden, dem Elmsfeuer folgend. Sein Verstand zögerte, schaute und schmeckte, hielt die Waagschalen in der Hand – und entschied sich.
»Bär, du bist der schwerste von uns. Wenn das Eis dich trägt, trägt es auch uns.«

Mike brummte nur.

»Du lässt den Rucksack hier und wir sichern dich mit dem Seil. Was hältst du davon?«

»Bereit.« Mike entließ den Rucksack von seinen Schultern. Wieder knüpften sie die Seile zusammen und hakten ihn ein.

»Prächtig«, grunzte Mike. »Wie ein Hündchen an der Leine.«
Vorsichtig schob er einen Fuß vor den nächsten. Ignorierte das Splittern unter sich so gut er konnte. Einen Meter schaffte er, fünf, dann zehn.

»Geht doch«, hörten sie ihn rufen. Immer weiter lief Mike, Schritt um Schritt, bald hörten sie nur noch das warnende Knirschen im Eis, ein listiges Knacken.

»Hier wird’s wieder dicker!«, brüllte Mike endlich. »Kommt schon, ihr Angsthasen!« Lachend sprang er in die Luft.

Und brach ein.

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10 Gedanken zu “2. Teil, 4. Kapitel, 2. Szene

      1. Sorry, das war mir entgangen: Ich war ohne Internetanschluss unterwegs (ja, das gibts noch) 🙂
        Kennst Du die Nika Sachs? Habe mir die ersten Seiten ihres Buches „Namenlos“ angeschaut, das gefiel mir schon sehr. Da ich ja selbst grad ein Kurzgeschichten-Bändchen zusammenstelle, muss ich aber erstmal wühlen, was in der virtuellen Schublade noch alles rumliegt 🙂
        Jedenfalls meinen Dank für den Tipp – in welche Richtung geht denn Dein Beitrag?

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      2. Ja, ich kenne sie und bin ganz hingerissen von ihrem Talent. Ihre – übrigens Frankfurter – Novelle ist wundervoll, und ich hatte die Ehre, Testleserin ihres Romanes zu sein. Für die Anthologie habe ich eigens etwas geschrieben, zum Thema Emotionen gelingt mir das immer ganz gut 😉 Der Text geht in Richtung Familiendrama. Und Pflanzen spielen auch mit. Ach, immer Dasselbe bei mir …

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      3. Danke, das hört sich sehr gut an. Sowohl was Frau Sachs angeht (ach ja, wir Hesse!), als auch Dein pflanzlich emotionales Familiendrama 🙂 Ich bin sehr gespannt. Dann werd ich wohl tiefer wühlen …

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