2. Teil, 4. Kapitel, 1. Szene

Auf die Freude folgte die Angst, und der Hoffnung schlich der Zweifel hinterher. Land – dieses magische Wort der Seelords in frühen Zeiten, als es noch Begriffe gab wie Heimathafen und Landurlaub, als manche Seeleute jene Erde küssten, die ihre Füße nach langer Schifffahrt wieder betraten. Land. Jetzt verhieß es keine glückliche Ankunft mehr, denn auf diesem, auf jedem Land herrschte die Gorgone, grassierte der Blick der Medusa. Die Menschheit war geflüchtet auf die Ozeane, dreimal Aye, Kap’tai, rettete sich zu tausenden auf das Meer.
Nun kehrten die letzten fünf zurück.

In dieser Nacht drängten sie sich in einem Zelt zusammen, sie wollten sich sehen und riechen, wollten gemeinsam ihre Zick-Zacks mit den letzten Riegeln bestücken und essen, reden, schweigen.

»Was meint ihr«, fragte Lorielle, »wie lange wir brauchen werden?«

»Schwer zu sagen.« Simon wiegte den Kopf. »Drei Tage, vier vielleicht?«

»Eher fünf.« Mike blickte grimmig auf den Rest seiner Mahlzeit, drückte den Mickey-Maus-Kopf zurück. Zick-Zack. Schluckte den Rest seiner Ration. »Und länger darf es auch nicht dauern, Mârins. Ist euch das klar?«

Keiner antwortete ihm.

Und wieder hüllte die Monotonie des Eises sie ein. Sie marschierten vorwärts als liefen sie durch einen Traum, weiter, einfach nur weiter, aber immerhin mit einem Ziel, mit einem buckligen Flecken in der Ferne, der zwar nicht größer werden wollte, aber da war. Sichtbar. Bald fassbar. In vier Tagen oder fünf.

Das Eis unter Theos Stiefeln begann zu knistern.

Seit der Sturm den gefrorenen Ozean poliert hatte, war das Rumpeln und Stöhnen des Eisgangs verstummt. Nur ihr Atem hatte sie begleitet, der Herzschlag in ihrer Brust – und der flüsternde Wind. Als jetzt das Eis unter Theos Schritt knackte, klang es lauter als Gewitterdonner oder ein Schuss aus ihrer P 12.

Sie hielten, stoppten ihre Bewegung brutal. Seit die fünf Mârins ein echtes, ein wirkliches Ziel vor Augen hatten, achtete keiner von ihnen mehr auf den Boden – sie schauten nur nach vorne, zum Gebirgszug, zum Land.

Unachtsamkeit, dachte Simon, schon wieder! Leutnant Ross hatte Recht – das ist die größte Schwäche überhaupt. Müdigkeit ist schlimm, falsche Entscheidungen, ein schlechter Schuss. Aber das Übel Nummer eins ist Unachtsamkeit. Ich bin ein schwacher Seelord geworden, dreimal Aye, Kap’tai.

»Vorsichtig weiter«, sagte Simon und hasste sich für diesen Satz, für diesen Ausstoß zweier unnützer Wörter, als wüssten die anderen nicht genauso gut, was sie zu tun hatten. Vorsicht, die hätte er ihnen früher einbläuen müssen. Nicht hinterherschieben wie ein freundliches Tätscheln.

Ein schwacher Seelord, dachte Simon Segur, ist ein toter Seelord.

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10 Gedanken zu “2. Teil, 4. Kapitel, 1. Szene

      1. Was zu erwarten war. Gekürt wird nicht der Text, sondern die Vernetzung des Autors. Nuja …
        Danke für den Link – das Literaturcafé ist schon letztes Jahr so herrlich über die Texte hergefallen 🙂
        Liebe Grüße!

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  1. Mickey-Maus-Kopf, soso… 😀
    Schönes Detail!

    Was anderes, mittlerweile glaube ich nämlich tatsächlich, dass ich irgendetwas Grundsätzliches an deinem Werk nicht verstehe: „Die Menschheit war geflüchtet auf die Ozeane, dreimal Aye, Kap’tai, rettete sich zu tausenden auf das Meer“ – weshalb das „dreimal Aye, Kap’Tai“? Also welchen literarischen Zweck hat es hier?

    Bin jetzt wirklich gespannt, was es mit den Gorgonen auf sich hat… ob das tatsächlich mythische Schlangenwesen sind? Oder hast du in deinem Roman Kritik an der globalen Erwärmung versteckt und die Gorgonen sind irgendwelche Wetterphänomene?

    Gefällt 1 Person

    1. Jaaaaa, schon gut, Du brauchst mich nicht weiter überzeugen, die Dreimal-Aye-Dinger werden dezimiert 🙂 Hier an dieser Stelle fand ich es reizvoll, einen Dialogspruch in die Erzählerstimme zu hieven. Auktorial schnappt er sich einen Satz seiner Figuren und benutzt ihn als Erzählgott, der er ist. Die Idee gefällt mir weiterhin gut – aber wohl nicht mit diesem Spruch 🙂
      Lieben Dank und liebe Grüße!

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      1. Aber nein, überhaupt nicht – wie kommst Du denn darauf? Im Gegenteil helfen mir die kritischen Anmerkungen am meisten – noch dazu, wenn sie so konstruktiv und freundlich wie von Dir sind! Also halte Dich bitte bloß nicht zurück 🙂

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