Auf der Jagd

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Ich bin hungrig. In meinen Eingeweiden knurrt die Kreatur. Rasch setze ich die Schritte, ich bin nahe, die Glastür schiebt sich lautlos auf. Ich trete ein in mein Jagdrevier. Schon zucken meine Augen hin und her. Die Beute wie immer reglos und starr, sie versteckt sich. Die Beute ist nicht das Problem. Es sind die anderen, die mir Sorgen machen, die anderen Jäger mit fiebrigen Augen und Hunger im Kopf. Jeder von ihnen könnte mir wegschnapen, was ich begehre. Ich pirsche mich vor, rasch aber lautlos. Meine Augen fliegen umher. Die Augen sind das wichtigste Werkzeug auf dieser Jagd. Lauernd schiebe ich mich, wie unbeabsichtigt, zu dem Regal mit den Neuzugängen. Und verharre keuchend. Blicke mich rasch um, nein, niemand hat mich bemerkt. Ich komme näher, kann es kaum glauben, aber Diana scheint mir hold heute, die Jagdgöttin beschenkt mich mit besonderer Beute. Gelb-orange leuchtend ruft mich ein Rechteck, will meinen Hunger stillen. Mein Atem geht schneller, ich packe zu. Ich habe es. Es wehrt sich nicht, oh nein. Es liegt in meiner Hand, schon besiegt: „Harry Potter und das verwunschene Kind“. Noch einmal blicke ich mich um. Keiner meiner Konkurrenten scheint diese ruhmreiche Beute bemerkt zu haben. Aber wenn es vorbestellt ist? Rasch! Bei der Jagd zählen manchmal Sekunden. Die Augen sind die wichtigste Waffe, aber mein Bibliotheksausweis ist die entscheidende. Ich leihe das Buch aus. Es gehört mir. Für vier Wochen, aber so lange brauche ich nicht, um meinen Hunger zu stillen. Ein wohliges Gefühl im Bauch ersetzt ihn. Was für ein Erfolg. Aber er weckt meine Gier, die Instinkte sind wach. Ich ändere die Strategie: Manchmal muss man auf der Jagd geduldig sein und Spuren lesen, bis das ersehnte Wild erlegt ist. Seit Wochen klicke ich immer wieder online die Bestände durch. Der neue Stephen King war nicht aufgeführt. Noch nicht. Aber vielleicht heute, wenn Diana mir hold ist? Ich tippe den Titel ein: „Mind Control“. Ein Treffer! Äußerlich bleibe ich stumm, innerlich jubelt ein ekstatischer Schrei. Meine Augen huschen über den Eintrag. Titel, Autor, Signatur. Dann: Standort. Die Pupillen weiten sich: Nicht im Regal. Ha! Als gewiefter Jäger kann ich diese Spur lesen, weiß diesen Hinweis zu deuten. Betont lässig schlendere ich zur Theke, frage die Bibliothekarin nach dem Buch. Nein, sagt die Wildhüterin dieses Jagdgebiets, noch nicht eingestellt. Wann denn?, frage ich. Sie schaut mich an, dieser Ranger im Naturpark. Dann steht sie auf, verschwinden in den Katakomben und kehrt mit meiner Beute zurück. Mein Dank ist überschwänglich. Der neue Stephen King ist mein. Diana war mir abermals gnädig.
Noch auf dem Heimweg stille ich meinen Hunger: Ich fange an zu lesen.

Kennt Ihr dieses Jagdfieber? Liebt Ihr es? Und welches sind Eure liebsten Jagdgründe – Buchhandlung, Bibliothek, Antiquar oder der Online-Dschungel?

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25 Gedanken zu “Auf der Jagd

  1. Ich stöbere gerne in Antiquariaten. Da ich gerne philosophische Texte lese, suche ich dort immer nach besonderen Leckerbissen. Letztes Jahr habe ich Freiburg in einem Antiquariat Texte von Focault und Luhmann gefunden, nach denen ich z.B. Online nie gesucht hätte. Mein bester Fund damals war ein Buch, dass Essays über die Philosophie von Hannah Ahrendt und Theodor W. Adorno enthielt. Beide verfolgen unterschiedliche theoretische Ansätze und persönlich waren sie sich eher spinnefeind. (Ahrendt über Adorno: „Der kommt mir nicht ins Haus“) Ich finde beide als Typen und Philosophen großartig. Und in den Texten traten viele Gemeinsamkeiten zu Tage. Als ich es zwischen tausenden von Büchern zufällig gefunden habe, ist mein Herz höher geschlagen und ich war vollkommen gebannt. Darüber habe ich die Zeit vergessen und als ich nach einer Stunde mit einer vollen Plastiktüte mit Büchern aus dem Laden kam, war ich ein bisschen wie in Trance.

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    1. Ja, ein Gefühl der Trance und des Glücks. Irgendwie glaube ich, dass da wirklich urzeitliche Triebe aus unserer Jäger-und-Sammler-Zeit durchkommen. Und Antiquariate: Nach wie vor der Traum jeder/jedes Leserin/Lesers. Bei Foucault und Ahrendt kann ich Dir folgen, Adorno habe ich nie wirklich kapiert – seine Texte waren mir zu verquer 🙂
      Ich wünsche Dir noch oft solche Schatzfunde auf den einsamen Antiquariats-Inseln!

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    1. Jaaa, dieser Beutezug war wirklich toll 🙂 Ich fand nämlich außerdem noch den neuen Leon de Winter (Geronimo), den neuen Philipp Kerr (Der Winter-Transfer)! Dafür gehe ich oft genug aus der Bücherei mit leeren Händen – leergefischt 🙂

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  2. Ersehntes kaufe ich meist online, mit Vorbestellung :),
    Lustkäufe im Buchladen, und Perlen finde ich manchmal ganz zufällig hier, in den unendlichen Weiten des Netzes…
    Liebe Lesegrüße!
    Übrigens finde ich den neuen King unverschämt teuer, wie vieles als Hardcover. Wie ist er so?

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  3. Hochgradig amüsant! 😉 Und ja, dieses Gefühl kenne ich! Allerdings bin ich weniger in Büchereien unterwegs, denn das Angebot der heimischen Bücherei meiner niedersächischen Pampa hält sich in Grenzen. Und Antiquariate hat es hier erst gar nicht. Und Bücher online zu bestellen, finde ich ähnlich verwerflich wie die Benutzung eine eBook-Readers, oder wie auch immer man diesen Antichristen des Literaturbetriebs schreibt. Bleibt nur die Buchhandlung! 😉

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    1. Kampf gegen Koffeinabhängigkeit? 🙂
      Natürlich bestelle auch ich mal online, aber das „richtige“ Jagdgefühl kommt doch erst auf, wenn ich die Objekte meiner Begierde anschauen und packen kann. Außerdem kann ich online alles kriegen was ich will: In der Bibliothek (oder auch in kleineren Buchhandlungen) werde ich davon überrascht, was gerade da ist (oder eben nicht).
      Liebe Grüße!

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  4. Dein Eintrag macht Spaß 🙂 wie ist das Buch denn nun?????
    Am liebsten halte ich mich in Buchhandlungen auf, allerdings kaufe ich die meisten dann doch online. Jetzt warte ich begierig auf zwei neue Exemplare, die in den kommenden Tagen mit der Post eintrudeln sollten 🙂

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    1. Zu „Mind Control“ – siehe meine Antwort zu Julia. Zum neuen Harry Potter: Also ich fand’s nett. Schön nostalgisch, clever alle (auch die toten) Figuren eingebaut. Die Story war natürlich hahnebüchen, die Logik an Kaninchengehirnen ausgerichtet und der Vater/Sohn-Konflikt von Harry und Filius arg kitschig und platt. Trotzdem: Mir hat’s gefallen, das alte Feeling kam auf. Außerdem fand ich die Form großartig: Endlich, endlich, endlich, lesen Leute mal wieder ein Theaterstück. Das finde ich fantastisch!
      Dir wünsche ich, dass der Postbote denn auch schnell kommt 🙂

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      1. Ich muss gestehen, dass ich keinen einzigen Harry Potter gelesen habe, was ich jetzt im Nachhinein zutiefst bereue. Die Filme habe ich selbstverständlich alle geschaut, aber das füllt nicht diese Lücke, dieses Wissen etwas großartiges verpasst zu haben. Vielleicht in 20 Jahren, wenn die Geschichte in den Hintergrund rückt und die Filme nicht mehr in meinem Kopf herum spucken 🙂

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      2. So lange brauchst Du nicht zu warten – die Romane als solches lohnen sich schon (auch abseits der reinen Story). Das erste Mal las ich die Bücher im Erscheinungs-Rhythmus, also mit langen Pausen dazwischen und gefühlt ewig auf den nächsten Band wartend. Erst vor einem halben Jahr oder so las ich sie das zweite Mal in einem Rutsch durch – und (warum auch immer) es machte abermals viel Spaß. Liebe Grüße!

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      1. Hm, ich verstehe, wie du es meinst. Für Fans des früheren Stephen Kings sind die ersten beiden Bände eindeutig zu unmysteriös, der Horror-Faktor kommt sehr kurz. Aber ich finde die Trilogie dennoch sehr gelungen, gerade *weil* sie zeigt, dass ein Autor selbst im Alter von fast 70 Jahren noch einen stilistischen Wandel hinbekommt. Das imponiert mir.

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      2. Aber grad stilistisch finde ich das gar nicht so anders – der kingsche Schreibsound ist für mich immer gleich großartig. Ich fand einfach, dass es genug Detektiv-Krimis gibt: Da müssen weder die Rowling (mit ihren Cormoran-Strike-Büchern) noch King für meinen Geschmack auch noch was machen. Beide Reihen – um das noch mal zu betonen – gefallen mir schon ziemlich gut. Aber beide bleiben hinter ihren Möglichkeiten zurück.

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  5. Schöner Artikel!

    Ich muss gestehen, dass ich inzwischen vom Jäger vollends zum Sammler mutiert bin. Deswegen gab es den King am Erscheinungstag per Post. Der Potter reizt mich, wie seine Vorgänger, so gar nicht.

    Aber ich wünsche dem erfolgreichen Jäger natürlich viel Spaß beim Lesen!

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    1. Wurde natürlich – um im Bild zu bleiben – schon alles verschlungen 🙂
      Für den Sammler fehlt mir halt sowohl Platz wie Geld – da verneige ich mich tausendmal vor der Stadtbibliothek! Denn ich habe wirklich und immer großen Appetit … Wie fands Du denn den King – wolltest Du nicht einen Beitrag drüber schreiben?
      Liebe Grüße!

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      1. Dann hoffe ich, dass es wohl gemundet und kein Aufstoßen verursacht hat ;-).

        Platz schaffe ich gerade im Übermaß, aber das Geld, was dadurch hereinkommt (eBay) ist auch schon wieder verplant. Na ja.

        Ja, über den King möchte ich noch einen Beitrag schreiben. Kommt diese Woche – so ist der Plan. Um ehrlich zu sein, ich bin mir immer noch nicht so sicher, wie ich ihn fand. Als Einzelroman hätte er mir vielleicht besser gefallen, als Abschluss speziell dieser Trilogie ist er mir zu sehr aus dem Rahmen gefallen. Ich glaube, so kann man das am besten in Kurzform ausdrücken.

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  6. Stimmt, da finden sich wirklich fantastische Sachen – aber nur bei bestimmten Bücherschränken. Ich kann natürlich in keiner Stadt an soetwas vorbeilaufen und staune immer über die Unterschiede. Es gibt schon viele öffentliche Bücherschränke, die außer Simmel und Co gar nichts im Regal haben … Wo hast Du denn, wenn ich fragen darf, gute Erfahrungen gemacht (Gier!)? Mein eigener Lieblinskasten steht in Münster – nur leider komme ich da äußerst selten hin 🙂

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