Das gefährlichste Wort für Schriftsteller

Und.

Ein kleiner, fieser Teufel.

Viele Schreibbücher reiten ja noch immer, teilweise auch nicht unberechtigt, auf dem Verbot von Adjektiven herum. Aber Adjektive sind wie Farbtupfer auf einem Gemälde: „Klein“ und „fies“ machen den Teufel im ersten Satz oben noch markanter.
Das „und“ aber ist eine ganz andere Sache. Gefährlich, weil es sich unbemerkt einschleicht. Schwierig, weil es als Konjunktion (mindestens) eine Doppelfunktion übernimmt: als Verbindung mehrerer Personen oder als zeitliche/logische Verknüpfung.

Ein Beispiel: Jan und Marie joggen und unterhalten sich dabei.

Grässlich wird dieser Satz einzig ob dieser Doppelfunktion des Teufelchens „und“.

Und (ha, da ist es schon wieder!) es ist eines der inflationär verwendeten Wörter. Ein beliebiges Beispiel aus einem beliebigen Krimi:

“ (…) Während er ihm den Arm um den Hals legte und so fest wie nur möglich zudrückte, sah er aus den Augenwinkeln die Dose im Gras liegen. Er stieß Huntington zur Seite und warf sich auf die Dose, bekam sie zu fassen und schleuderte sie mit aller Kraft in den Wald hinein. In diesem Augenblick warf sich Huntigton von hinten auf ihn, und sie stürzten zu Boden“.
Arne Dahl: Hass, München, 2015, S. 531.

Still gelesen, fällt der kleine Teufel nicht auf. Laut gelesen aber, vielleicht sogar mit einer absichtlichen, gar übertriebenen Betonung auf „und“, zeigt sich deutlich der hölzerne, kurzsatzige, fast aliterarische Stil. Übrigens: Nichts gegen Arne Dahl – seine Romane um die A-Gruppe habe ich geliebt. Insgesamt finde ich seine die Geschichte fortsetzenden OpCop-Bände zwar um einiges schwächer, im Vergleich zu anderen Krimis aber immer noch ziemlich gut.

Und (!) was mache ich jetzt mit dem „und“?

Die deutsche Sprache ist reich an Möglichkeiten und Varianten – für den Ersatz des kleinen Teufels bietet sich etwa das Partizip Präsens an: Man könnte den Satz „Er joggte durch den Park und hörte Musik dabei“ beispielsweise leicht umwandeln in ein „Durch den Park joggend, hörte er Musik.“ Als weitere – kontextabhängige – Variante, wären zwei Hauptsätze denkbar (gegebenenfalls durch ein Semikolon getrennt): „Er joggte durch den Park. Er hörte Musik dabei. Er stolperte, als Jimi Hendrix sein All Along The Watchtower begann“. Manchmal lassen sich auch Synonyme wie „ferner“, „plus“ oder „außerdem“ nutzen.

Am wichtigsten ist hier wie bei fast allen Überlegungen zum Schreiben: Egal, wie du schreibst und schreiben willst – sei dir bewusst, was du tust.

Denn ich will hier keinesfalls nur gegen den kleinen Teufel wettern: Geschickt eingesetzt, zumal am Anfang eines Satzes, bekommt das Wörtchen „und“ eine stark betonende, fast mythische Kraft. Besonders deutlich lässt sich das bei Lyrik erkennen. Hier die ersten Zeilen von Erich Kästners Gedicht „Die Maulwürfe“, gelesen vom Meister selbst:

Als sie, krank von den letzten Kriegen,
tief in die Erde hinunterstiegen,
in die Kellerstädte, die drunten liegen,
war noch keinem der Völker klar,
daß es der Abschied für immer war.
Sie stauten sich vor den Türen der Schächte
mit Nähmaschinen und Akten und Vieh,
daß man sie endlich nach unten brächte,
hinab in die künstlichen Tage und Nächte.
Und sie erbrachen, wenn einer schrie.
Und sie erschraken vor jeder Wolke!
War’s Hexerei oder war’s noch Natur?
Brachte sie Regen für Flüsse und Flur?
Oder hing Gift überm wartenden Volke,
das verstört in die Tiefe fuhr.
Sie flohen aus Gottes guter Stube.
Sie ließen die Wiesen, die Häuser, das Wehr,
den Hügelwind und den Wald und das Meer.
Sie fuhren mit Fahrstühlen in die Grube.
Und die Erde ward wüst und leer.

Die Schreibregel „Nie einen Satz mit ‚und’ beginnen“ können wir also schon einmal getrost vergessen. Im Gegenteil: Bewusst am Satzanfang eingesetzt, bekommt die Konjunktion einen geradezu biblischen Sound.

Kästner nutzt das „und“ außerdem zur Rhytmisierung: Der Vers „ … den Hügelwind und den Wald und das Meer“ käme in prosaischer Form gänzlich ohne das erste „und“ aus.

Hoch interessant übrigens, dass der Schöpfer beispielsweise von „Emil und die Detektive“ offenbar selbst über das „Und-Problem“ Bescheid wusste: In der vorliegenden Tonaufnahme liest Kästner: „Und sie erschraken vor jeder Wolke!“ Im gedruckten „Original“text heißt es dagegen, sicherlich weil ihm das zweimalige „und“ am Satzanfang direkt hintereinander doch sauer aufstieß: „Ach, sie erschraken vor jeder Wolke!“

Schon ein kleines, fieses Teufelchen, unser „und“.

Und (!) ich schrieb diesen Text, weil ich selbst tagtäglich, Seite für Seite, Zeile für Zeile, mit ihm kämpfe. Weil ich ihn dennoch schätze und (!) immer wieder gern einsetze.

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3 Gedanken zu “Das gefährlichste Wort für Schriftsteller

  1. Ich stehe auf Und! Bockig fange ich grundsätzlich jeden zehnten Satz mit diesem wunderbaren Wort an. Es verbindet, klingt wunderbar rund! Du hast recht, man kann mit entsprechender Technik viel ändern, aber ich habe das Gefühl, zuviel würde der Seele des Textes schaden. Und von …durch den Park joggend, … nehme ich Abstand. Das klingt nicht authetisch und nach gewollt. Nur meine Meinung 😉
    Liebe Grüße und Danke fürs Folgen, Julia!
    P.S.: Das Projekt finde ich fantastisch.

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    1. Jeder zehnter Satz – das ist doch noch ein guter Schnitt 🙂 Und ja, die „Vermeidungs“-Konstruktionen passen manchmal nur schlecht. Es geht mir auch nur um die bewusste Nutzung. Und so 🙂
      P.S.: Vielen Dank für’s P.S.

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