Über Bilder & Bücher: van Gogh & Maupassant

Ich mag keine Antihelden. Mit Patricia Highsmith‘ talentierten Mr. Ripley konnte ich nie etwas anfangen, Hamlet schien mir stets ein jammerndes und passives Weichei, Hannibal Lector funktioniert für mich einzig als Anatagonist – und sogar ein Felix Krull ist kein Charakter, den ich gerne begleitet habe. Nein, ich mag keine Antihelden. Abgesehen von einer merkwürdigen – und mich selbst irritierenden – Ausnahme:  Georges Duroy, der „Bel-Ami“ in Guy de Maupassants gleichnamigen Roman. Ihn mochte und mag ich irgendwie. Vielleicht, weil das gesamte Personal der Geschichte unsympathisch ist. Vielleicht, weil ich seine Probleme nachvollziehen konnte, als er vor einem weißen Blatt Papier sitzt und partout kein Wort auf selbiges zu setzen weiß. Vielleicht, weil immer wieder großartige Szenen und Bilder eingewoben sind in diese bittere Gesellschaftskritik.

Ich las den Roman mit 16 oder 17 Jahren, ein Buchjunkie schon damals und einer, der in genau dieser Zeit auch die bildende Kunst für sich entdeckte. Es gehört zur wunderbaren Welt der Kreativität, dass die eine Form wach rüttelt für ihre Nachbarn: Wer Literatur liebt, wird sich auch für Gemälde begeistern können, wer Mozart mag, der liebt auch Monet. Mit 16 oder 17 öffnete ich meine Bücheraugen den anderen Künsten. Wie die meisten von uns verliebte ich mich entweder – ich kam von Science Fiction und Edgar Allan Poe – in die gruselig-phantastischen Bildern von Bosch, Breughel und Piranesi, oder aber in die farbenprächtige Welt des Impressionismus. Bald stolperte ich selbstverständlich über Vincent van Gogh – schließlich wirkten auch seine Sternennächte auf mich wie Science Fiction:

Sternennacht
„Sternennacht“, 1889, MOMA, New York. Quelle: wikipedia

In den Antiquariaten herumstöbernd, holte ich mir ein kleines van-Gogh-Bändchen und entdeckte darin ein Stillleben. Ausgebreitet auf weißen und gelben Tüchern standen und lagen dort eine kleine, weiblich nackte Gipsfigur, eine Rose und – zwei Bücher. Den Titel des zweiten Buches konnte ich nicht erkennen (der Begleittext nannte ihn nicht), aber der Titel des zweiten war zu entziffern: „Bel-Ami“. Mein Bel-Ami, den ich kurz zuvor gelesen hatte. Was für eine Koinzidenz. Zum ersten Mal machte ich mir bewusst, wie unglaublich das eigentlich war, dass diese Romane und Geschichten von so vielen Menschen gelesen werden, dass da offensichtlich dieser verrückte niederländische Maler hundert Jahre vor mir „Bel-Ami“ verschlungen und der Text ihn derart beeindruckt hatte, dass er das Buch im und als Bild verewigte. Er hatte dieselben Zeilen gelesen wie ich, war vielleicht an den identischen Sätzen hängengeblieben, etwa an diese Zeilen der Todesfurcht:

Nie kehrt ein Mensch wieder. Millionen und Milliarden ähnlicher Wesen werden geboren, die auch Augen, Nase, Mund und Schädel mit einem Gehirn besitzen, aber nie kehrt derselbe Mensch zurück, der dort ausgestreckt im Bette liegt.

Würden doch zu van Gogh passen, diese verzweifelten Worte …

Jedenfalls vergaß ich Bel-Ami, las nie mehr etwas von Guy de Maupassant und entdeckte neue Autoren, neue Maler, neue Welten.

Bis vor ein paar Tagen. Da war ich in Potsdam bei Berlin und besuchte das Museum Barberini, das momentan van Gogh ausstellt. Genauer: seine Stillleben.

Und dort hing’s dann an der Wand, das „Stillleben mit Gipsstatuette“ von 1887, eingefasst im obligatorischen Rahmen des Kröller-Müller-Museums in Otterlo:

van gogh1

Ein großartiges Wiedersehen. Die Möglichkeit, das Original nah vor den Augen zu haben, die Pinselführung, die pastose Technik zu studieren und fast noch die Farbe zu atmen, lässt oft die Gänsehaut über meine Arme laufen:

van gogh2

Wie großartig dieser van Gogh die Farben setzte! Wie genau er seine, unsere Welt betrachtete. Wie sensibel und exakt ein Guy de Maupassant unsere andere, die Gedankenwelt beschreibt:

„Man kramt all jene banalen Gedanken und Begründungen aus, die sich in den Köpfen ablagern wie Staub auf den Möbeln.“

Was für ein stimmiges Sprachbild. Malerei, Literatur, Musik – jede Form der Kreativität schenkt uns Gefühle und Gedanken, die wir ohne sie nie gefühlt, nie gedacht – oder einfach nur nie verstanden hätten.

Die Ausstellung im Museum Barberini läuft noch bis zum 2. Februar 2020 und lohnt sich trotz der Menschenmassen. Durch die Beschränkung auf das Stillleben-Fach bekommt man einen ganz eigenen, fast privaten Blick auf den Maler geboten: angefangen bei seinen braundunklen Bildern der Erde bis hin zu den Farbexplosionen des Spätwerkes.

Auf „meinem“ Bild zeigt van Gogh ja zwei Bücher: Unter Guy de Maupassants „Bel Ami“ liegt (wie ich mittlerweile weiß) ein Roman der Brüder de Goncourt: „Das Dienstmädchen Germinie“. Eine schnelle Recherche ergab, dass dieses Buch 1928 ins Deutsche übersetzt wurde und nur in dieser einen Ausgabe antiquarisch erhältlich ist. Deshalb meine Frage an Euch da draußen: Kennt jemand dieses Buch? Lohnt es sich? Gibt es keinen Markt für die Goncourts in Deutschland, wo doch alle anderen französischen Klassiker wie Balzac, Hugo oder Dumas stets nachgedruckt werden?

Bildnachweis zur „Sternennacht“: https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25498286

 

8 Gedanken zu “Über Bilder & Bücher: van Gogh & Maupassant

  1. Lieber Simon, du nimmst uns mit auf zwei wunderbare Ausflüge: einen in dein Jugendleben und einen heutigen in die Van-Gogh-Ausstellung, beide literarisch bezaubernd verknüpft durch Bel Ami. Diesen Titel kannte ich als junges Mädchen nicht durch das Buch, sondern durch die damals schon uralte Aufnahme des Schlagers „Bel Ami“, den Lizzi Waldmüller in den 30er Jahren (?) in einem Film gesungen hatte. Und dies war dann der dritte Ausflug heute Abend, auf den ich dich mitnehme.
    Wie gerne lese ich immer deine (leider seltenen) kostbaren Essays über Themen aus dem kulturellen Leben. Auch dieser war wieder ein reiner Genuss!

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Ule, Du siehst mich virtuell wie real erröten ob Deines Lobs – meinen ganz herzlichen Dank! Und einen speziellen Zusatz-Dank auch für Deinen dritten Ausflug: Ich hörte mir gerade eine Waldmüller-Aufnahme (übrigens von 1939) auf youtube an – wie schön diese Verquickung von Vergangenheit und Gegenwart ist…
      Die allerbesten Grüße sendet Dir
      Dein Simon

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  2. was für ein schöner, stimmiger, sich-ineinander-fügender beitrag, ja, auch ich lese diese deine essays sehr gern, lieber simon, du verstehst es, so viel hineinzulegen – auch von dir. im kröller-müller-museum (da du es erwähnst) war ich mal vor etlichen jahren, eigentlich müsst ich mal wieder hin, damals hat es mich sehr angesprochen. danke fürs erinnern!
    und danke für einen zauberhaften lesegenuss am morgen! 🙂
    liebe grüße von diana

    Gefällt 1 Person

    1. Liebe Diana, auch Dir kann ich nur meinen Dank sagen für Deine lieben Worte (Erröten die zweite)! Ich kenne Otterlo noch nicht – aber es scheint ja eine Reise wert zu sein (obwohl mich die Bilderrahmen tatsächlich ein bisserl irrittiert haben) …
      Einen ganz herzlichen Abendgruß
      sendet Dein Simon

      Gefällt 1 Person

  3. Mit diesem Text ist dir wieder einmal eine einfühlsame, mit persönlichen Empfindungen verknüpfteGeschichte gelungen: eine stimmige Zusammenschau von mehren Bereichen der Kunst, die meist zu Unrecht in verschiedene Schubladen gesteckt werden. Im Übrigen teile ich deine Einschätzung von van Gogh und Maupassant. Eine meiner ersten Geschichten die ich als Jugendlicher in Französisch las war „La Parure“ von Guy de Maupassant – werde ich nie vergessen. Liebe Grüße, Joachim.

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    1. Erröten die Dritte 🙂 Ganz herzlichen Dank, lieber Joachim, für Deinen Kommentar. Ja, ich liebe das, diese Verbindung von allem, wofür Du und Dein Blog ja ein Paradebeispiel bist, zeigst Du Doch Natur und Wissenschaft immer wieder in (notwendiger?) Kombination und Verknüpfung mit Literatur und Kunst. Und Alltag. Und Leben.
      Ganz liebe Grüße zurück nach Münster
      von Deinem Simon

      Gefällt 1 Person

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