Ode an einen Fahrraddieb

FahrraddiebAn einem Morgen ohne Zeit
Natürlich
War mein Fahrrad verschwunden
Mein treuer Drahtesel
Mein braves Metallpferdchen
Gestohlen und geklaut

Nur das Zaumzeug lag unter der Laterne
Brutal zerrissen
Mit einem Bolzenschneider gesprengt

Die unausweichliche Abfolge der Gefühle
Unglaube, Zweifel und dann die Wut

Aber ich bin Schriftsteller
Ich denke mir Geschichten aus
Ich glaube an den menschlichen Charakter

Sofort malte ich Bilder im Kopf

Eine Mutprobe unter Kindern
Der junge Dieb gezwungen und voller Scham
Eine Fahrt zum Krankenhaus ohne Fahrzeug
Der verzweifelte Diebstahl mit Happy-End in der Notaufnahme
Eine Liebesgeschichte: Sie sieht ihren Liebsten auf einem E-Roller
Will und muss ihm folgen und übernatürliche Kräfte reißen die Kette auf

Geschichten

Ich bin Schriftsteller
Aber kein Idiot
Natürlich weiß ich, dass der Fahrraddieb
Nur ein gewöhnliches Arschloch ist
Einer von tausend Blödmännern
Der mein geliebtes Gefährt auf dem Flohmarkt vertickt
Dem andere Menschen völlig egal sind

Ich weiß das
Schaue auf die zerfetzte Fahrradkette
Kniee mich auf den Boden
Und bin traurig.

 

Schreiben ist auch deshalb etwas so Wunderbares, weil jede Erfahrung – so schrecklich oder auch nur nervig sie sein mag – verzaubert werden kann in einen Text. Nichts ist dann sinnlos oder ärgerlich, alles können wir sublimieren und in Kunst verwandeln. Und dafür, das muss ich ehrlich sagen, bin ich in unserer verrückten Welt wirklich sehr dankbar …

23 Gedanken zu “Ode an einen Fahrraddieb

  1. Egal, wo ein Fahrrad steht und wie es gesichert ist. Es gibt immer einen, der es gerade meint zu brauchen und gewaltvoll entwendet.
    Vor einigen Jahren wurde mir ein Fahrrad an einer Hauptstrasse mitten in der Stadt geklaut. Das beste an dem Ganzen: Der Dieb hat das komplette Verkehrsschild umgebogen (!) und das Fahrrad mit samt dem Schloß darüber gezogen und entwendet. Anzunehmen, dass hier mehrere Schurken zu Gange waren. Wenn nicht gar eine Diebesbande.

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  2. Bei mir war es mal im Winter. Schnee lag. Und mir wurde das Fahrrad von vor der Haustür weg gestohlen. Immer hatte ich damit gerechnet.
    Denn es war ein besonderes Geschenk. Von einer guten Freundin. Ein wunderschönes, uraltes Fahrrad. Nicht auf Vintage gemacht, es kam aus der alten Zeit. Die Lampe vorne mit einem 3-Wege-Schalter: Aus-An-Aus. Vermutlich in tiefster Nacht entführt. Samt Schloss in einen Bully eingeladen. Möglichkeit zum Ankettten gab es ja nicht.
    An diesem Morgen und weiteren zum Bus fahren verurteilt.

    Ja, da ist was dran, so etwas in einen Text zu fassen. Lass Dich drücken!

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  3. Och Simon, du Armer!
    Hier muss ich dich aber mal zitieren:“… verzaubert werden kann in einen Text. Nichts ist dann sinnlos oder ärgerlich, alles können wir sublimieren und in Kunst verwandeln …“
    Das Verwandeln in Kunst und Verzaubern in einen Text ist dir auf die übliche, sehr charmante Weise gelungen, und der trauernde, vor dem geknachten Schloss kniende Dichter hat mich tief gerührt … Aber dass du das Ereignis nicht ärgerlich fandest und immer noch findest, das kann ich mir nicht vorstellen. Ich jedenfalls würde zürnen, bis ich ein neues Fahrrad hätte.
    Um die Fantasien ein bisschen weiterzutreiben:
    Ich träume davon, dass der Unhold deinen Text liest und reuevoll hier einen Kommentar postet, in dem er dir mitteilt, wo er das Fahrrad abgestellt hat 😢.

    Gefällt 2 Personen

    1. Ha, das wäre wirkliche Urban Fantasy: Wenn der Dieb sich hier meldet 🙂 Aber ein wunderbarer Gedanke. Danke für Deine Worte und schön, dass Dich der Text berührt hat – so soll es sein. Dann hat schon mal dieses Ereignis seinen Sinn gehabt!
      Liebe Grüße!

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      1. na, manchmal gibt es einfach auch nur Glück im Unglück (ich kenne eines sehr witzige Geschichte eines Kommiltonen, der das seiner Freundin gestohlene Auto samt Dieb verfolgte, so dass es genau vor einer
        Polizeistation eingekeilt stehen bleiben musste 😉 – was das Karma angeht, das ist eine recht unzuverlässliche Größe, das sehe ich auch so. Schönen Sommertag wünsche ich Dir! Doris

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  4. Wenn einem was geklaut wird, ist das immer mit Vertrauensverlust verbunden, der alles natürlich noch viel schlimmer macht. Weil man einfach nicht glauben kann, dass jemand so rücksichtslos und scheint’s gewissenlos oder was auch immer sein kann. Es geht einfach drum, warum tun Menschen einander weh? Und jemanden etwas zu entwenden, egal ob groß oder klein, „wertvoll“ oder nicht, bedeutet immer, dass irgendwo Mangel und Neid herrscht und ein Ungleichgewicht, das aber durch Diebstahlt eben nicht ausgeglichen, sondern nur vergrößert werden kann … seufz. Ich finde es großartig, dass du so schöne Geschichten um den Diebstahl erfindest, es hilft ja alles nichts, und wir dürfen bei allem Verlust nicht die Fähigkeit zu vertrauen verlieren …. herzlichen Morgengruß aus Wien!

    Gefällt 2 Personen

    1. Liebe Silvia, ganz lieben Dank für Deine Gedanken. Ja, dieser Vertrauensverlust macht tatsächlich alles noch schlimmer. Bei solchen kleinen wie großen Schlägen verlieren wir immer ein Stückchen unseres Urvertrauens, so Eltern und Erziehung uns das schenkten. Und genau wie Du sagst: Es hilft ja alles nichts. Weitermachen. Hoffen. Und Geschichten erzählen, in Texten und Bildern und Musik.
      Herzliche Morgengrüße zurück nach Wien!

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    1. Lieber Joachim, schade, dass dieses Lied ein Trauermarsch ist. Besonders dieser sinnlose Vandalismus ist traurig. Ein Rad zu klauen, um es zu verkaufen, okay, das macht ja noch einen – wenn auch egoistischen – Sinn. Aber einfach kaputtmachen, was anderen gehört? Strange World.
      Da freut es mich umso mehr, dass es engagierte Leute wie Dich gibt, die uns die Welt erklären.
      Liebe Grüße zurück!

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