Über Nebenfiguren

Ich liebe Nebenfiguren. Sie hauchen Leben in fiktive Welten ein, zaubern Atmosphäre, sie spiegeln den Helden und spielen ihn – in manchen Fällen – auch mal an die Wand. Nebenfiguren können als Kontrast oder Verstärkung zum Protagonisten fungieren oder das Thema einer Geschichte verdeutlichen. Als Autorin und Autor müssen wir allerdings auch aufpassen, dass wir unseren Lesern nicht zuviel Personal auftischen – ein echtes Problem bei Epen wie Tolstois „Krieg und Frieden“ oder Martins „Game of Thrones“.

Mit einer genauen Definition will ich nicht dienen – für mich sind alle Figuren, die nicht Protagonist oder Antagonist sind, Nebenfiguren. Wer sich für die graduelle Unterschiede interessiert (vom sogenannten Statisten bzw. den Staffage-Figuren bis zur „zweiten Garde“), der sei etwa auf die Seite von Richard Norden verwiesen. Ich will hier vielmehr die große Bandbreite dieser Figuren zeigen und ein kleines Plädoyer für sie halten: Schreibende dieser Welt, kümmert euch mehr um eure Nebenfiguren! Hätschelt sie, macht sie interessant, gebt ihnen eigene Backstorys, Wünsche und Träume, lasst sie nicht hängen! Was schon beim Namen anfängt: Meist brüten wir monatelang über dem Namen unseres Helden, suchen jenen für eine Nebenfigur aber mit dem Telefonbuch aus. Was fatal sein kann: Da Nebenfiguren naturgemäß nicht so viel (Seiten-)Raum einnehmen wie die Hauptakteure, erinnern sich Leser schlechter an sie. Da kann ein trefflich treffender Name sehr helfen. Ron Weasley etwa aus dem Harry Potter-Universum trägt das „Wiesel“ (noch deutlicher im Englischen: weasel) schon im Familiennamen – und er wieselt wahrlich durch die Geschichten.

Dass die Unterscheidung zwischen Haupt- und Nebenfiguren nicht immer einfach ist, zeigen schon die zahlreichen Spinn-Offs: Aus einer Nebenfigur, so sie denn lebendig und interessant genug gezeichnet ist, kann schnell ein eigenständiger Held, eine „richtige“ Heldin werden. Robin, der ewig jugendliche Sidekick von Batman, bekam beispielsweise in den frühen 90er Jahren als „Nightwing“ ein eigenes Comicheft spendiert, das bis heute weitergeschrieben wird. Die diversen Spin-Offs aus Star-Wars sind Legion; schon früh wurden einem Han Solo eigene Romane gewidmet. Und auch TV-Serien entlassen manchmal ihre Nebenfiguren in eigene Staffeln: „Buffy, die Vampierjägerin“, war derart erfolgreich, dass eine Nebenfigur zur neuen Heldin avancierte: „Angel: Jäger der Finsternis“. Als aktuelles Beispiel – wieder aus dem ungemein erfolgreichen Batman-Universum – sei die Serie um Batmans Butler Alfred Pennyworth genannt (auf die ich dezent gespannt bin). Der in den Comics und Verfilmungen stets als alter, meist weiser Diener-Freund gezeigte Alfred – in „Pennyworth“ bekommt er eine Frischzellenkur verpasst und darf seine Jugendzeit erleben:

Versucht man keine graduelle Einteilung der Nebenfiguren, sondern eine thematische, lassen sich immer wiederkehrende zentrale Typen benennen:

Der klassische Sidekick: Robin gehört zu Batman, Dr. Watson zu Sherlock Holmes und Sancho Pansa zu Don Quichotte. Der klassische Sidekick ist bester Freund, guter Kumpel, engster Vertrauter, eben jener Partner, ohne den die Hauptfigur nicht strahlen kann. Auch der Antagonist umgibt sich mit Sidekicks, die allerdings als Lakeien und tumbe Schergen oft klischeehaft dünn gezeichnet werden.

Die Nebenfigur als Ich-Erzähler: Eine der ersten Sidekick-Figuren in der modernen Literatur ist sicherlich der Ich-Erzähler in Edgar Allan Poes „Doppelmord in der Rue Morgue“. In dieser 1841 veröffentlichten Detektivgeschichte (einer der ersten überhaupt) ist dieses „Ich“ kaum mehr als ein Stellvertreter – für die Leserinn und Leser. Diese Figur stand nicht nur Pate für Sherlock Holmes Freund Dr Watson, sondern mag auch Melvilles berühmten Ich-Erzähler in „Moby Dick“ inspiriert haben: „Call me Ishmael“. Der (eigentlich austauschbare) Ich-Erzähler als Nebenfigur funktioniert bis heute bestens – man denke nur an Adson von Melk in Umberto Eccos „Der Name der Rose“. Dieser Typus wird als Kniff gern dann eingesetzt, wenn der eigentliche Held (eben Sherlock Holmes oder William von Baskerville) dem Erzähler (und damit dem Leser) viel erklären muss.

Die komische Figur: Einer meiner Favoriten. Und vielleicht eine der am schwierigsten zu entwerfenden Figur. Denn so gut Humor jeder Geschichte tut, so sehr schadet ein Zuviel an Klamauk und Possenreißerei. Ich verliebte mich in diese Art Nebenfigur, deren (wichtiger) Zweck sich auf ein Atemschöpfen, eine kleine Pause zentriert, als ich folgende Szene sah:

Der 2013 gestorbene Eddi Arent tritt zwar oft auch als nerviger Trottel auf, hier aber zeigt er große komische Kunst. Gerade im Film waren witzige Nebenfiguren lange Zeit ein Muss – gerne erinnere ich mich etwa an Mr. Stringer, dem trotteligen Freund in alten Miss Marple-Filmen – oder an diesen Herrn hier:

Sam Hawkens oder sein Pendant Hadschi Halef Omar in Karl Mays „Durch die Wüste“ galten lange als unverzichtbar für eine Heldenreise. Und solche komischen Begleiter funktionieren nach wie vor, können aber auch durch modernere Äquivalente ersetzt werden:

Der ewige Nörgler: Eigentlich nur eine Variante der komischen Figur – aber ich mag ihn. Mein Liebling aus Film & Fernsehen ist John Casey aus der Serie „Chuck“:

Der Gefährte, meist die Gefährten: Das A-Team, ohne das ein Held seine Reise nie vollenden könnte. Harry Potters Freundeskreis, die gesamte Abenteuer-Gruppe im „Herr der Ringe“. Auch bei vielen Kriminalromanen ist der Hauptkommissar nur so gut wie seine Mitarbeiter. Außerdem spricht der Protagonist mit seinen Freunden und enthüllt so – abermals für den Leser – seine Gefühle und Gedanken, ohne dass ein allwissender Erzähler nötig wäre (ja, ja: Show, don’t tell!).

Die Geliebte, der Geliebte: Auch das sind tatsächlich – so es sich nicht um Geschichten wie „Romeo und Julia“ handelt – keine Hauptfiguren. Sie dienen oft als auslösendes Moment (gerne wenn sie sterben) und helfen uns Autoren ansonsten, die gefühlvolle, weiche Seite unseres Protagonisten zu zeigen.

Kanonenfutter: Es gibt letztlich nur zwei große Themen in der erzählenden Kunst: Liebe und Tod. Schon aus diesem Grund wird nicht nur heftiger geküsst in Büchern und Filmen, sondern auch häufiger gestorben als in unserem realen Alltagsleben. Die Hauptfigur darf natürlich – wenn überhaupt – nur am Ende einen tragischen Abgang hinlegen (denkt nur an Winnetous heroischen Tod), sodass das große Sterben stets an Nebenfiguren hängenbleibt. Da aber gibt es sehr große Unterschiede: von der Nebenfigur, die mit einer halben Seite eingeführt und dem Lesenden sympathisch gemacht wird, nur um auf der restlichen Seite zu sterben – bishin zu echten Gefährten des Helden, die uns fast bis zum Ende des Buches begleitet haben.

Der weise Mentor: Ebenfalls ein Klassiker unter den Nebenfiguren. Und auch er oder sie stirbt recht häufig. Ein Mentor wirkt nicht nur als Lehrer des Protagonisten, sondern oft auch als Katalysator der Geschichte. Dumbledore aus „Harry Potter“ oder Alfred aus „Batman“ mögen genügen, um die Spannbreite zu zeigen. Oft agieren solche Mentoren aber auch als „richtige“ Protagonisten – man denke etwa an die Filme „Club der toten Dichter“ oder „Forrester – Gefunden!“. Mein Lieblingsmentor aus der Filmwelt bleibt nach wie vor dieser hier:

Die Eltern: Auch diese Nebenfiguren lassen sich trefflich einbinden: Sie geben dem Protagonisten Background und Kindheit, spiegeln ähnliche Marotten oder Charaktereigenschaften wider. Großartig gelungen fand ich etwa den von Henning Mankell erschriebenen Vater des Kommissar Wallanders (der immer wieder die gleiche Herbstlandschaft malt, mal mit Auerhahn und mal ohne). In TV-Serien sind Eltern als Nebenfigur ebenfalls sehr beliebt – ich erinnere mich noch gern an die Eltern in „Gilmore Girls“ oder an die Mutter des exzentrischen Krimiautors Richard Castle:

Tiere als Nebenfigur: Als letzten Typus möchte ich einen besonders interessanten vorstellen, sind doch Tiere immer Nebenfiguren – auch wenn der jeweilige Buch- oder Filmtitel etwas anderes suggeriert. All die Flippers, Lassies und Schimpanskis sind nie die wirklichen Protagonisten, sondern deren Frauchen und Herrchen. Und auch Moby Dick ist nicht wirklich der Handlungsträger, sondern eine Naturgewalt. Ein Mysterium. Als Nebenfiguren funktionieren Tiere aber wahrlich ganz ausgezeichnet: Neulich las ich Backmans „Ein Mann namens Ove“ und amüsierte mich sehr über die nicht unbeträchtliche Nebenrolle, die dort eine Katze spielt.

Ich hoffe, Euch hat dieser Eintrag beim Lesen genauso viel Spaß gemacht wie mir beim Schreiben. Meine liebsten Nebenfiguren sind übrigens – um das auch noch zu sagen – Marquis de Posa aus Schillers „Don Carlos“ (der den titelgebenden Prinzen locker abhängt) und der Hobbit Samweis Gamdschie (der mir im „Herr der Ringe“ immer besser gefiel als der jammrige Frodo). Was mich jetzt aber brennend interessiert: 1) Habe ich eine typische Nebenfigur vergessen? 2) Welche Nebenfiguren in Büchern oder Filmen findet Ihr besonders spannend, wichtig für die Geschichte oder einfach nur besonders sympathisch?

17 Gedanken zu “Über Nebenfiguren

  1. Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah – so viel Zeit muss sein … 😉

    Ein spannendes Plädoyer für die Ausgestaltung der Nebenfiguren. Etwas ganz Ähnliches könnte man meinetwegen auch gerne mal über die Antagonisten schreiben, die aus meiner Sicht, zumindest in der heutigen Unterhaltungsliteratur, nahezu stiefmütterlich behandelt werden, insbesondere, was ihre Entwicklung und ihre Motive angeht.

    Gefällt 5 Personen

    1. Du hast natürlich völlig recht – so viel Zeit muss einfach sein 🙂 Aber ich war einfach zu faul nachzuschauen, wie man „Gossarah“ schreibt …
      Und auch was die Antagonisten angeht, hast Du recht – differenzierte Fieslinge wie Darth Vader mit seiner ganzen Backgeschichte sind extrem selten geworden. Obwohl … manchmal liebe ich einfach das platte, eindimensionale Böse. Aber das muss halt gut gemacht sein. Um bei Batman zu bleiben: Joker ist halt einfach nur ein durchgeknallter Irrer, aber ein perfekter Irrer.

      Gefällt 3 Personen

  2. Du hast ein überaus anregendes Comeback geschrieben, lieber Simon, damit uns noch mal ganz bewusst wird, was wir so lange vermisst haben. Da bin ich doch gespannt, an was für Nebenfiguren du in der Zwischenzeit gebastelt hast …
    Mir ist nach der Fülle von Beispielen in deinem Beitrag und denen in den Kommentaren ( fast alle Beispiele ließen mich entzückt und zustimmend lächeln) erst mal gar nicht Neues mehr eingefallen, aber es fehlte doch jemand: Maggie Smith als Countess of Grantham in der Serie Downton Abbey. Ja, ich gebe es zu, auch ich habe eine Lieblingsserie (sie ist im Original fantastisch vielstimmig, was englische Regionalsprache betrifft), und Maggie Smith ist die Schauspielerin, die ich nie erwarte (weil ich die Besetzungsliste vorher selten lese) und immer begeistert begrüße. In Downton Abbey ist sie für mich die unbestreitbare Hauptdarstellerin!
    Und Hadschi Halef Omar … (die Autokorrektur wollte Haschisch… Oma draus machen 😮) … war natürlich mein erster Kandidat, aber derzeit war schon vergeben.

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    1. Liebe Ule, meinen herzlichen Dank nicht nur für die metaphorischen Blumen, sondern auch für Deine wie stets feinen Weiterführungen (inklusive der herrlichen Autokorrektur: Haschisch-Oma). Danke auch für den Hinweis auf „Downton Abbey“ – die Serie wollte ich schon immer mal nachholen. Und mit Maggie Smith, die ich ebenfalls großartig finde – habe ich nun einen besonders guten Grund.
      Ganz liebe Grüße!

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      1. Kleine Empfehlung, lieber Simon: als kleine Hilfe in der Vielstimmigkeit habe ich die Originalfassung mit ENGLISCHEN Untertiteln gesehen, ich fand das hilfreich, zumindest, bis ich mich sprachlich eingeschwungen hatte.

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      2. Ja, das ist eine gute Idee. Der Chor der Dialekte geht ja leider stets verloren mit der Synchronisierung. Merci für den Tipp – jetzt bin ich noch gespannter 🙂 Ich wünsche Dir ein sonnenvolles Wochenende!

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