Was ich von meinem Vater noch weiß

8. August. Papas Geburtstag. Starb vor 21 Jahren. Lange Zeit. Entsetzlich lang. Ich war da 28, kein Kind mehr, zum Glück, wohnte schon lange in einer anderen Stadt, lebte mein eigenes Leben. Schrecklich war’s trotzdem. Das ist der Tod immer. Vor 21 Jahren starb mein Vater, genug Zeit um Erinnerungen zu verwischen. Nicht genug Zeit, um meine Trauigkeit und meine Wut auf den Schnitter auszulöschen.

Die Erinnerungen an einen Menschen teilen sich in zwei Gruppen: Das eine sind die selbst erlebten Stunden, Tage und Jahre mit diesem Menschen. Das andere ist das, was sie uns erzählten über sich, über ihre eigene Kindheit und Jugend. Über die Zeit, als mein Papa noch nicht Papa war.

Geboren noch unter Hitler. Zu jung für den Krieg, alt genug für den Schrecken. Bomber in der Luft oder Jagdflugzeuge mit Maschinengewehren, Tschak-tschak-tschak. Auf den Boden werfen, sich im Kornfeld verstecken. Erzählt man eine Geschichte immer wieder, verfestigt sich die Form, bis der Wortlaut sich einschleift und die Sätze sich nicht mehr ändern. Tschak-tschak-tschak. Selten ging er zur Schule. Als Kind schon im Moor gearbeitet, Torf stechen. Später Sattlerlehre. Ausgestorbene Berufe. Auf dem Land war die Zukunft eng, also brach er auf in die Großstadt. Stopfte seine Lücken in der VHS: Rechtschreibung und Grammatik. Arbeitete bei der Straßenbahn, lernte seine Frau kennen, wechselte ins Büro einer Versicherungsgesellschaft. Mein Bruder wurde geboren, dann ich. Kaum sprechen könnend, rief ich Nacht für Nacht: „Papa, tinken!“ Mein Vater kam und löschte meinen Durst. Viele Nächte lang.

Das sind die Erinnerungen aus zweiter Hand, erzähltes Leben, Anekdoten. Alles andere ist meins. Wie er mir das Fahrradfahren beibringt im Hof. Wie er uns im Auto kutschiert und ich mich sicher fühle, in der Nacht hinten auf dem Rücksitz, durch die Scheiben den wandernden Mond betrachtend. Wie er für uns da ist. Wünsche erfüllt. Mir ein Klavier kauft. Meinem Bruder und mir, wenn wir schon in den Betten liegen, immer noch einmal gute Nacht sagt. Wie er für mich, weil die Wohnung zu klein ist, auf dem Dachboden eine kleine Höhle einrichtet. Urlaub. Baden. Skifahren. Und streiten natürlich. Sich vertragen. Zusammen Abendessen. Zusammen Fernsehen im Wohnzimmer, „Wetten dass“, „Raumpatrouille Orion“ oder „Derrick“. Wie er auf dem Sofa liegt (auf dem Bauch) und Zeitung liest. Wie ich Hilfe von ihm bekomme, immer und immer wieder.

Was ich von meinem Vater noch weiß: Naturmensch. War am liebsten draußen. Nahm sich gern beim Wandern einen Spazierstock vom Wald. Konnte aus einem Stück Weide eine Flöte schnizten.  Wollte immer seinen Geburtstag am 08.08.1988 feiern. Das hat er geschafft. Aber keine 2008. Keine Goldene Hochzeit, keine Enkelkinder. Kein Stolz über meinen ersten veröffentlichten Roman. War hilfsbereit auch allen anderen gegenüber – ihn musste keiner zweimal fragen. Ein bisschen streng manchmal. Hat nie verstanden, was ich eigentlich studiere: „Germanistik, ist das Lehrer?“ Ließ mich trotzdem machen. Rauchte abends am offenen Fenster eine einzige Zigarette. Trank kaum. Legte im Keller eine Regenwürmerzucht an. Radelte zur Arbeit stets mit Fahrradklammern am Hosenbein. War ungebildet, schlug mich aber bei jeder Schachpartie. Wenige und sehr gute Freunde. Eher wortkarg. Eher konservativ. Großes Herz, aber auch kleine Verbitterungen: Gefühle, dass das Leben ihn betrogen habe. Politik, Bürokratie, Geld. Nagte an ihm. Dann ging er angeln. Oft und gerne, tags oder nachts. Naturmensch eben. Lief am liebsten barfuß. Als ich ihn das erste Mal Zuhause mit Socken sah, erschrak ich. Dachte: Papa wird alt.

Aber wie er alt wurde, das habe ich nie erlebt.

Es tut immer noch weh, aber ich gewöhnte mich daran. Der Mensch gewöhnt sich an alles. Fluch und Segen unserer Art.

Mir gefällt der Gedanke, dass jetzt ein Foto von ihm im Internet herumgeistert, von diesem großartigen Menschen aus einer anderen Zeit, der nie ein Handy benutz, nie eine Mail geschrieben und nie bei Amazon eingekauft hat. Vielleicht brauchen wir mehr Bilder von dieser Generation, mehr Erinnerungen. Mehr Danksagungen an sie.

Happy Birthday, Papa!

Papa_Stadtwald_1969_klein

 

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57 Gedanken zu “Was ich von meinem Vater noch weiß

  1. Es bewegt mich sehr, wie du über deinen Vater schreibst. Mein Vater wurde in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts geboren – wohl ähnlich wie deiner. Ich habe das riesige Glück, dass er und meine Mutter noch leben und wirklich fit sind. Und sie wohnen nur 20 Minuten von mir entfernt. Ich bin dankbar für jeden Tag.

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    1. Danke für Deinen lieben Kommentar! Ich find’s wunderbar, dass Du Dich freuen kannst über Deine Eltern und dankbar bist – manchmal denke ich, viele nehmen so etwas viel zu selbstverständlich! Ich wünsche Dir und Euch, dass die beiden noch lange fit bleiben!
      Liebe Sonnensommergrüße an Dich!

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    1. Ja, da hast Du sehr recht. Meine Eltern haben mir Urvertrauen gegeben, mit dem im Leben alles leichter ist. Erst relativ spät wurde mir bewusst, dass solche Eltern eben nicht „selbstverständlich“ waren, sondern zwar eigentlich etwas ganz normales darstellten, so wie’s sein sollte, aber eben doch etwas außergewöhnliches. Seit diesem Augenblick, als ich das kapierte, wie schwierig manche Kinder-Eltern-Beziehungen sind, war und bin ich dankbar dafür.
      Danke für die Geburtstagswünsche! Und herzliche Grüße an Dich (und hoffentlich nicht allzu viel Arbeits-Stress nach Deinem Urlaub)!

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      1. Ich kann gegen meine Eltern eigentlich, in diesem Sinne, auch nichts vorbringen. Die Schwierigkeiten, die aufgekommen sind, zeigten sich erst später und hatten mit meinen eigenen Kindern zu tun. Man kommt da auf einmal noch einmal in eine ganz neue Rollenverteilung und wenn dann dazu noch ein krankes Kind mit involviert ist, wird es kompliziert. Aber ich weiß durchaus, dass es genügend Eltern gibt, denen ihre Kinder, egal in welchem Alter, auf gut deutsch sch***egal sind, um zu würdigen, dass es bei mir und meinen Eltern so nie gewesen ist.

        Lieben Dank für die Grüße! Der Stress hält sich in Grenzen *auf Holz klopf*.

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    1. Genau so ist es. Wir setzen uns letzlich zusammen aus diesen Erinnerungen und Prägungen. Und irgendwann ist der letzte Mensch, der sich an einen anderen noch erinnerte, gestorben. Auch dafür – bzw. dagegen – dient dieser Text 🙂
      Herzliche Grüße!

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    1. Wie schön, dass der Text viele Lesende zu ihren eigenen Vätern zurückkehren lässt. Wie schwierig manchmal, oft, immer, die Beziehung zwischen Eltern und Kindern. Meinen herzlichen Dank für Deine Worte.
      Liebe sonnenuntergangsstimmige Grüße!

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    1. Liebe Constanze, meinen herzlichen Dank für Deinen Kommentar. Es macht mich glücklich, wenn der Text über mein eigenes Erleben und Erinnern hinausgeht und die LeserInnen zu ihren eigenen Eltern führt. Das ist schön. Ganz herzliche Grüße zurück!

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  2. Dieser Beitrag hat mich zutiefst berührt, hatte selbst mit 35 Jahren keine Eltern mehr, da diese bei meiner Geburt schon sehr alt waren (45 und 47). Zum Glück 🍀 hatte ich fünf ältere Geschwister. Aber ich denke oft voller Liebe an meine Kindheit zurück und bin meinen Eltern sehr dankbar alles, was sie uns mitgegeben haben.

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    1. Meinen allerherzlichen Dank für Deinen Kommentar. Es freut mich sehr, dass mein Text Deine eigenen Erinnerungen zum Schwingen bringen konnte. Und großartig, dass diese Erinnerungen schön sind und Du Dankbarkeit bewusst werden lassen kannst.
      Ganz liebe Grüße!

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    1. Geht mir ganz genau so: Einerseits schon so lange her, andererseits gefühlt erst gestern. Verrückt, oder? Relative Zeit eben. Und auch bei den Welten kann ich nur nicken: „Nur“ zwanzig Jahre, eigentlich, und doch eine ferne, fast schon unwirkliche Vergangenheit …
      Herzlichen Dank fürs Feedback und liebe Grüße!

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  3. Beim Lesen musste ich eben mehrmals schlucken.
    Mein Vater starb am 15. August vor 17 Jahren, am Geburtstag meines Mannes.
    Vieles, was du von deinem Vater schreibst, finde ich auch in meinem wieder, vieles geht auch in eine andere Richtung.

    Aber sie haben ihren Weg gemacht, haben Jahre des Krieges erlebt, die uns zum Glück nur aus Erzählungen und anderen Quellen bekannt sind.
    Und sie haben uns mit in die Welt gesetzt.
    Egal, was war, das haben sie doch großartig gemacht, findest du nicht?

    Herzlich
    Anna-Lena

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    1. Meinen Dank für Deine feinen, llieben Worte. Schon erstaunlich und spannend, wie viele Erinnerungen (bei allen Unterschiedden natürlich) sich doch wieder ähneln. Das ist wie bei Fotos aus den 70ern und 80ern, bei denen bestimmte Haltungen und Posen überall auftauchen 🙂
      Und wie sehr Du recht hast mit Deinen Worten: Oh ja, sie haben das großartig gemacht!
      Ganz liebe Abendgrüße für Dich!

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  4. Lieber Simon, dein schöner Text, ganz liebevoll und unpathetisch, schickt auch mich auf die Reise zurück zu den Menschen, die heute mein Leben nicht mehr teilen können. Oft frage ich mich, wie sie unsere heutige Welt wohl fänden, die uns schon im vergangenen Jahrtausend verlassen mussten. Und oft habe ich das Gefühl, manche Gespräche seien im Grunde noch nicht zuende geführt, solche flackern in meinem Kopf immer wieder auf.

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    1. Liebe Ule, wie so oft sage ich Dir meinen herzlichen Dank. Und Deine beiden weiterführenden Gedanken sind wie stets spannend: Was würden die Altvorderen wohl sagen zu unserer lauten, technisierten, aber saubereren, kriegslosen (in Europa) Welt? Und ja, auch ich unterhalte mich immer noch mit meinen Eltern oder Großeltern …
      Herzliche Abendgrüße sendet Dein Simon!

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