Prousts „Recherche“ – ein überbewertetes, fantastisches, monumentales Fragment

Wahrscheinlich gibt es für jede Leserin, für jeden Leser einen papierenen Sechstausender, der noch nicht zu besteigen gewagt wurde, einen Büchergipfel, der uns abschreckt und anzieht zugleich. Romangebirge wie „Ulysses“ oder „Zettels Traum“, Goethes „Faust II“, die ungekürzten Fassungen von „Moby Dick“ oder „Don Quijote“, jene schwindelerregenden Lesehöhen, die von Thomas Manns Josephs-Romanen bis zu David Foster Wallace‘ „Unendlicher Spaß“ reichen.

Einer meiner seit Jahrzehnten umkreisten Sehnsüchte hieß „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“. Immer mal wieder startete ich einen Anlauf, las mich durch den Anfang des ersten Bandes („In Swanns Welt“), genoss die Sprache – und scheiterte an ihrer Geschwätzigkeit. Um im Bergsteiger-Bild zu bleiben: Die Luft wurde mir zu dünn, zu langsam entwickelte sich die Geschichte, zu penetrant ausführlich wurde mir da erzählt. Ein ums andere Mal brach ich das Basislager ab und wandte mich anderen Lesezielen zu.

Aber wir sind ja – manchmal zumindest – lernfähig. Sollte es mir auf diese Art nicht möglich sein, meinen Traumgipfel zu ersteigen, mochte es eine andere geben. Zufällig (was uns eben so „zu“fällt) hörte ich im Radio irgendwann eine wunderbare Stimme, die nicht minder wunderbare poetische Sätze vortrug: Peter Matic, der von 2003 bis 2011 im Auftrag des RadioBerlinBrandenburg die gesamte „Rechere“ eingelesen hatte.

Hörbücher. Ich bin kein großer Freund von ihnen. Ich bin zu ungeduldig für sie, lese schneller mit meinen Augen als meine Ohren hören können, blättere gern in Büchern zurück oder überspringe Absätze. Auf die Dauer waren Hörbücher also nichts für mich. Dann aber spielte der Zufall (schon wieder!) mir einen Job in Hände und Füße, der mich einmal in der Woche drei Stunden lang eine einsame, denkschwache, körperliche Arbeit auszuführen hieß. Drei Stunden Leerlauf im Kopf. Was tun?

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Proust im Jahr 1895 (Otto Wegener)

Und so fing ich an, mir Marcel Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ anzuhören. Sieben dicke Bände, insgesamt 4195 Seiten, 140 CDs oder 17 mp3-Scheiben, genau 9379 Minuten fein geschliffene Sätze, rund 156 Stunden meines Lebens.

Tja, und jetzt bin ich durch. Nach knapp zwei Jahren hörte ich die letzten Zeilen des abschließenden, siebten Bandes und wage mich an ein Fazit. Der Titel dieses Beitrags fasst selbiges ja bereits zusammen: Ich empfand die „Recherche“ als zwar großartiges, aber auch überbewertetes und vor allem unfertiges Werk.

Denn nur die ersten vier Bände konnte Proust vollenden. „In Swanns Welt“ erschien 1913 (noch auf eigene Kosten – Proust begann als Self-Publisher!), „Im Schatten junger Mädchenblüten“ dann 1917, „Die Welt der Guermantes“ wurde 1920/1921 in zwei Teilbänden veröffentlicht, bis 1922 folgte schließlich „Sodom und Gomorra“. Am 18. November dieses Jahres starb der 51-jährige Proust. Sein Bruder Robert und der Verleger Jacques Rivière brachten die abschließenden drei Bände 1923 – 1927 heraus: „Die Gefangene“, „Die Entflohene“ und endlich „Die wiedergefundene Zeit“.

Und genau das fand ich problematisch: Die „Recherche“ bleibt letztlich ein Fragment. Die letzten drei Bände sind definitiv zu unausgereift und – zu lang. Gerade die Liebesgeschichte zwischen dem Ich-Erzähler Marcel und seiner Albertine zieht sich endlos, wiederholt sich bis in einzelne Sätze hinein, wirkt zutiefst unsympathisch (weil bloß egoistisch) und endet noch dazu unbefriedigend (nach fast 1000 Seiten hin und her, mal will er sich trennen, mal sie, mal beide – fällt Albertine einfach vom Pferd und ist tot). Ich möchte glauben, dass Proust da noch drastisch gekürzt hätte. Und sieht man sich seine Korrekturen noch auf den Druckfahnen (!) an, scheint das nicht unwahrscheinlich – hier zwei Seiten aus dem ersten Band „In Swans Welt“:

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Insgesamt war mir die „Recherce“ zu ausgewalzt – fünf Bände anstelle der sieben hätten mir vollauf genügt.

Über den Inhalt will ich hier nichts weiter sagen – das großartige Zeitpanorama führt vom Fin de siècle bis in die Wilden Zwanziger hinein und bildet mehr oder weniger autobiographisch Prousts Leben nach. Ich möchte nur kurz auflisten, was mich begeisterte:

Natürlich gehörte dazu jene berühmte Szene, in der ein Stück in Tee getauchtes Gebäck eine ganze Erinnerungsflut auslöst. Dieses Erinnern bleibt zentrales Thema des Werks: Rückblenden werden so kunstvoll eingesetzt, wie ich es selten erlebt habe. Ebenso großartig sind Prousts Beschreibungen – sowohl von Natur wie Kunst oder seinen Figuren. Während mir die jammerige Innenschau des Protagonisten immer wieder auf die Nerven ging, beeindruckte mich der Blick auf etwas oder jemanden – die Charakterisierung eben. Eindringlich und atmosphärisch inszeniert Proust auch das stückweise Eindringen der Technologie: Aus Droschken werden Automobile, das Telefon erobert die Welt, die Eisenbahn dampft und am Himmel faszinieren die ersten Flugzeuge. Große Kunst! Gleiches gilt für die beiden schwierigen Themen Antisemitismus und Homosexuialität. Auch hier kann ich nur bewundernd meinen Hut ziehen ob der kunstvollen wie ausgewogenen Bearbeitung solcher Fragen.

Und schließlich ist da noch der letzte Band, „Die Wiedergefundene Zeit“, der mich über die Ödnis von „Die Gefangene“ und „Die Geflohene“ mehr als hinwegtröstete. Denn dieser siebte Band bildet tatsächlich einen fulminanten Schlusspunkt. Hier wird dem Ich-Erzähler mit einem Paukenschlag bewusst, dass er alt geworden ist. Die „verlorene Zeit“ erklärt sich auf simple Weise: Es ist die unbewusst erlebte Zeit des Erwachsenseins, des hektischen Treibens und Tuns. Prousts Reflexionen und Beschreibungen des Alters – sowohl was Körperlichkeit wie Gefühlslagen angeht – empfand ich als exzeptionell großartig.

Wer sich auf die „Recherche“ einlassen will, muss also nicht nur Durchhaltevermögen mitbringen, sondern auch ein gesteigertes Interesse an der Gesellschaft der letzten Jahrhundertwende, an bildender Kunst (sonst laufen unendlich viele Vergleiche mit Werken aus der italienischen Renaissance, der französischen Gotik oder dem Impressionismus ins Leere) und schließlich an mäandernder, weitschwingender Sprache. Und dennoch wird – so erging es jedenfalls mir – ein Schwanken zwischen Langeweile und Begeisterung nicht zu vermeiden sein. Vielleicht erschließt auch nur das französische Original den Gesamtklang – möglich wär’s.

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Peter Matic 2010 (Manfred Werner)

Zum Schluss bleibt mir nur, mich beim Expeditionsleiter dieser zweijährigen Bergbesteigung zu bedanken, ohne den ich wohl nicht bis zum Gipfel gekommen wäre: Peter Matic. Man kennt ihn als Synchronstimme von Ben Kingsley, ich lauschte ihm aber schon bei Hörspielproduktionen in den 80er Jahren (beispielsweise als Gast der mir als Kind liebsten Krimireihe „Professor Dr. Dr. Dr. Augustus van Dusen“ oder „Die Denkmaschine“). Ohne die nuancenreiche, tanzende, tastende, trommelnde Stimme von Peter Matic hätte ich aufgegeben. (Falls Sie, Herr Matic, dieses hier aus irgendeinem Zufall (!) heraus lesen sollten: Ich sage meinen herzlichen Dank!) Über acht Jahre hinweg reiste der österreichische Schauspieler in den Wintermonaten nach Berlin und sprach die Texte ein – ich denke, ich werde seine Stimme noch lange, lange im Ohr haben …

Die Gesamtausgabe ist leider – obwohl jeden Cent wert – ziemlich teuer (zum Glück konnte ich mich an die Stadtbibliothek halten) und kann direkt beim RBB-Shop erworben werden. Als Hörprobe finden sich dort übrigens – Spoiler sind bei so einem Epos glücklicherweise unerheblich – die beiden letzten Sätze der „Recherche“ – gelesen von Peter Matic (dazu auf der RBB-Seite nach unten aufs Cover scrollen und „Vorschau“ anklicken):

Es kam mir nicht so vor, als werde ich stark genug sein, noch lange die Vergangenheit bei mir festzuhalten, die nun schon unter mir soweit hinunterreichte. Wenigstens würde ich, wenn mir noch Kraft genug bliebe, um mein Werk zu vollenden, in ihm die Menschen, und wenn sie daraufhin auch wahren Monstren glichen, als Wesen beschreiben, die neben dem so beschränkten Anteil an Raum, der für sie ausgespart ist, einen im Gegensatz dazu unermesslich ausgedehnten Platz – da sie ja gleichzeitig wie Riesen, die in die Tiefe der Jahre getaucht, ganz weit auseinanderliegende Epochen streifen, zwischen die unendlich viele Tage geschoben sind – einnehmen in der Zeit.

Diesen Satz musste ich mir übrigens ein Dutzendmal anhören, bevor sich mir Sinn & Syntax wirklich erschlossen – vielleicht gefiel er mir deshalb so gut …

Jetzt komme ich mal wieder runter von meinem Proust. Vieles hat mir gefallen, manches fand ich großartig, anderes ärgerlich und das Werk insgesamt letztlich dezent überbewertet. Ein großartiges Buch bleibt die „Recherche“ aber doch …

Habt Ihr auch ein paar papierene Sechstausender, die noch zu erklimmen sind? Und: Nach zwei Jahren wöchentlichem Proust-Hören falle ich natürlich in ein Loch. Was könntet Ihr mir als nächstes Hörbuch empfehlen? Für Hinweise wäre ich echt dankbar …

Bildquellen:
Proust, fotografiert von Otto Wegener: Wikimedia Commons, Link
Vorabdruck „In Swanns Welt“: Wikimedia Commons, Link
Peter Matic: Tsui (Manfred Werner), Wikimedia Commons, Link

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41 Gedanken zu “Prousts „Recherche“ – ein überbewertetes, fantastisches, monumentales Fragment

  1. Na mein Sechstausender ist eben dieser Proust … und ich weiß halt noch immer nicht, ob ich ihn überhaupt besteigen will. Ich fürchte mich eben vor dieser „Geschwätzigkeit“, die Du andeutest …
    Allerdings gibt es ja den Plan einiger Bloggerinnen, im Alter eine WG zu gründen und dann gemeinsam Proust zu lesen. Mal sehen 🙂

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    1. Das ist doch ein guter Plan 🙂 Und wie gesagt: Letztlich ist die Recherche zwar auf ihre Art bahnbrechend, aber eben auch mit argen Längen und überbewertet. Insofern: Lass Dir ruhig Zeit 🙂

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    1. Nö, das ist jetzt nicht wahr, oder? 😦
      Ich wollte Dich schon seit ein paar Tagen fragen, aber so ein doppeltes Nichts????? Ich hab’s per „Büchersendung“ losgeschickt, das dauert offensichtlich immer ein paar Tage länger, aber soooo lange … Na, vielleicht ja am Montag …
      Dies Grrrrrrrrrrrrr-DHL-Welt. Kommt gleich nach der Bahn!

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      1. Okay, warten wir noch, sagen wir bis Dienstag – wenn wir dann nix voneinander hören, starten wir nen zweiten Versuch. Und: Bei der Revolution bin ich dabei!

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  2. Bei mir ist es der Ulysses für den ich schon etliche vergebliche Anläufe gemacht habe. Irgendwann ….. Die recherche kenne ich in langen Ausschnitten, aus irgendwelchen Gründen gefällt sie mir französisch besser, vielleicht weil die französischen Schachtelsätze einfacher zu überblicken sind als die deutschen oder wegen der Satzmelodie…. eine Gesamtlektüre habe ich aber nicht geplant

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    1. Danke fürs Feedback! Ja, das schwa(a)nte mir schon – auf französisch klingt’s wahrscheinlich noch besser. Wobei ich ja keine Probleme mit dem Satzbau hatte, sondern eher mir der endlos aufgedröselten, sich ständig wiederholenden Liebesgeschichte und dem jammrrigen Snob 🙂
      „Ulysses“ gelang mir übrigens auch über Kopfhörer. Nach ein paar Leseabbrüchen hörte ich den Monolog der Molly Bloom im Radio (ewig her, als Student) und „zog“ mir dann so auch den Rest rein. Finde ich übrigens – obwohl jemand mal einen solchen Roman in solcher Form schreiben MUSSTE – ebenfalls überschätzt 🙂

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    1. Wie hat man Dich denn um Sonnenblumen willen durch den Proust quälen können? Durch alle 7 Bände??? Das grenzt ja schon an Folter … Und der halbe Proust ist doch genug. Lass Dir noch das Schlusskapitel (den Bloom-Monolog) vorlesen, dann ist’s wahrlich genug 🙂
      Dennoch und gerade deshalb: Liebe Grüße!

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  3. Ach, der Proust. Wie oft habe ich mir schon vorgenommen, seine Bücher zu lesen!? So langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass das wohl nichts mehr wird. 😉

    Persönliche Sechstausender habe ich so einige. Spontan fallen mir da „Die Entdeckung des Unendlichen“ von David Foster Wallace und „Lemprières Wörterbuch“ von Lawrence Norfolk ein. An beiden Büchern bin ich auf ganzer Linie gescheitert. 🙂

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    1. Puh, an die „Unendlichkeit“ vom Wallace traue ich mich auch nicht ran. Habe mit viel Freude, aber auch Anstrengung seinen „Unendlichen Spaß“ gelesen – das war mir genug. Ein mathematisches Buch von ihm … ne 🙂 Norfolk dagegen gefiel mir sehr, halt ein Krimi – der war für mich eher Spaziergang als Besteigung 🙂
      Liebe Grüße!

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      1. Norfolk war ein Spaziergang? Ich hatte während der Lektüre das Gefühl, nicht auch nur einen seiner Sätze zu begreifen! 🙂

        Ähnlich erging es mir bei „Das Foucaultsche Pendel“, das ich seinerzeit versucht habe – und die Betonung liegt auf „versucht“ – unter Zuhilfenahme eines Lexikons zu lesen, wodurch ich teilweise erst ganze Abschnitte verstanden habe. Auf Dauer war mir das aber zu mühsam und ich habe eingesehen, dass ich einfach zu blöd für das Buch bin. 🙂

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      2. Ach, da bin ich lockerer: Ich muss ja nicht jeden Satz begreifen. Und was zu langschweifig wird, überblättere ich auch schon mal – da ist der Autor schuld und nicht ich 🙂 War bei den Eco-Romanen genauso (nicht nur beim Pendel): Wenn’s abdriftet, drifte auch ich schneller über die Seiten, bis wieder ein Erzählanker für mich da ist.

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  4. Interessant wieder dein Beitrag…
    musste schmunzeln…
    vor allem auch über einige Kommis *g*

    Am Proust werde ich immer „scheitern“,
    der liegt mir einfach absolut nicht *hehe*
    aber den Ulysses habe ich schon dreimal gelesen,
    und jedes Mal mit noch mehr Freude,
    ein sagenhaftes Buch!!!

    Hab einen schönen Tag!
    Herzliche Grüße
    vom Lu

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  5. Das ist wieder mal ein typischer SimonSegur-Beitrag: zum Schmunzeln und Nachdenken, differenziert, respektvoll, ohne Furcht, von gängigen Bewertungen abzuweichen. Du ermutigst mich zu einem neuen Versuch mit Proust, vielleicht über diesen anderen Wahrnehmungskanal.
    „Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares“ von Fernando Pessoa ist der literarische Sechstausender, an dem ich gescheitert bin, obwohl mir dessen Sprache sehr gefallen hat: ich konnte das wehleidige Kreisen um die eigene Befindlichkeit im inneren Monolog des Protagonisten einfach nicht mehr ertragen.
    Norfolk habe ich eingeatmet, wie einen Krimi, vor allem das „Nashorn für den Papst“ damals. (Übrigens deiner Empfehlung folgend in der letzten Zeit auch Zafons drei Folgebände zu „Schatten des Windes“ – andere Liga, aber begeisternd jedenfalls.)
    Bin gerade auf der Heimreise von der Minipressmesse in Mainz; wenn ich aus diesem Wackelzug raus bin, werde ich versuchen, mich an meine weiteren Lektürepläne zu erinnern und auf deine weiteren Beiträge hier freuen.
    Gruß
    Ule

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    1. Liebe Ule, Du bringst mich regelmäßig zum Erröten – Danke für die lieben Worte. Interesanterweise finde ich selbst, dass ich als Simon Segur hier auf dem Blog eine eigene Sprache entwickelt habe – und das ist natürlich extremst spannend 🙂
      Stimmt, Pessoa! Der kam mir durch einen guten portugiesischen Freund unter die Augen, begeisterte mich erst ob der Sprache und langweilte dann zusehends – da kann ich Deinen Eindruck nur unterschreiben …
      Freut mich, dass der Zafón Dir gefällt. Und: Wird es auf Deinem Blog einen Eintrag zur Mainzer Messe geben?
      Herzlichen Gruß zurück!

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      1. Hab ich noch gar nicht drüber nachgedacht – einen Beitrag über die Minipress? Warum nicht, ein paar schöne Fotos habe ich auch … Zunächst bin ich noch dabei, meine Erschöpfung zu verarbeiten, gesammeltes Papier zu sichten, Weblinks zu verfolgen, Eingekauftes zu lesen … was man nach Messen eben so tut. Ich glaube aber, dass deine Anregung mir gefällt.

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    1. Liebe Andrea, Danke für die Bestätigung (manchmal schieben wir ja zu gerne unsere Leseschwierigkeiten auf die eigene Dummheit)! Hattest Du bei der Lektüre einen Lieblingsband? Mir hat neben „Swann“ und dem letzten Band („Wiedergefundene Zeit“) am besten „Die Welt der Gouermantes“ gefallen (jetzt hätte ich fast „… der Gourmands“ geschtieben 🙂 ).
      Liebe Grüße zurück!

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  6. Mit deinen Zeilen hast du bei mir alte Erinnerungsschichten berührt. Auch ich habe die Recherche vor vielen Jahren gelesen, auf Französisch, mit einem ähnlichen rationalen Nebengedanken: Wenn schon die Informationsdichte nicht besonders groß ist, dann soll wenigstens die Sprache dadurch gefördert werden. Ich hatte mir dafür einige antiquarische Bände gekauft, bei denen man die Seiten noch aufschneiden musste, denn nur der erste Band war bis zu einem Drittel etwa bereits gelesen. Auch wenn ich deinen Eindruck teilen kann, dass es lange Durststrecken gab, so wurde man doch immer wieder durch sprachliche Glanzstücke belohnt, die ich zu den Schönsten rechne, das ich in der französischen Literatur kennengelernt habe. Jedenfalls ist das der bleibende Eindruck, der allerdings nach den vielen Jahren nicht mehr ist als ein schönes Gefühl. Die Zeit war also nicht verloren. Vielen Dank für deinen wieder einmal sehr (zu)treffenden Text.

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    1. Wow, das ist eine literarisch umzusetzende Erinnerung: Proust auf französisch, dann noch selbsts aufschneidend die alten Bücher, wie neugierig Du gewesen sein wirst auf die erste, noch nicht aufgeschnittene Seite 🙂 Da solltest Du wirklich (zumindest) eine Kurzgeschichte draus machen!
      Mein Französische ist mitnichten proust-bereit, aber ich ahnte ja schon, dass eine Lektüre im Original nochmals den Genuss steigern würde. Und letztlich war es ja auch die Sprache, die mich bei der Stange hielt. Mit dem zweiten Band des Don Quijote ging’s mir übrigens ähnlich: Tolle Sprache, die ich stellenweise im alt-spanischen Original vergleichen konnte, aber e i n f a c h viel zu lang 🙂
      Liebe Grüße und meinen herzlichen Dank für die geteilte Erinnerung aus nicht-verlorener Zeit!

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      1. Zu viel des Lobes! In Erinnerung ist nicht mehr viel da. Ich habe mir gleich einmal „Un Amour de Swann“ vorgenommen. Mal sehen, wie weit ich komme. Was Don Quijote betrifft, so teile ich deine Einschätzung. Ich habe ihn gerade entstaubt und stelle fest, dass meine Ausgabe ein Geleitwort von Heinrich Heine enthält (Geschrieben zu Paris im Karneval 1837). Mal sehen, vielleicht schaffe ich ja die 1000 Seiten auch noch mal. Auch dir liebe Grüße.

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  7. Hörbüchern lausche ich sehr gerne und ich könnte ich Dir eine lange Liste erhörenswerter Hörbücher nennen. Auf meinen Leselebenszeichen füllen sie eine eigene Besprechungskategorie …

    Da Du Dich in diesem abwechslungsreich-interessanten und informativen Blogbeitrag mit einem Klassiker auseinandersetzt, mit dem ich mich noch nicht näher beschäftigt habe, werde ich Dir einen Klassiker empfehlen, mit dem ich mich ausgesprochen gerne vergnügt habe.

    Aus dem Stegreif könnte ich keinen Roman benennen, in dem die Figuren beredter aneinander vorbeireden als in „Leben und Ansichten von Tristram Shandy, Gentleman“ von Laurence Sterne (*1713 †1768). Dieses schelmische Stilmittel bietet sich selbstverständlich in besonderer Weise für eine Hörspielfassung an, da es sich mit der entsprechenden Schauspielkunst wunderbar verstimmlichen läßt.
    Alle Sprecher dieser Hörspielinszenierung artikulieren ganz hervorragend: Einfühlsam, fein akzentuiert und hörbar spielfreudig kommen ihnen altertümliche Wortwendungen und all die sprachlichen Umgangsförmlichkeiten des Erzens, Siezens und Ihrzens so leicht von den Lippen, als hätten sie ihrer Lebtag niemalen anders gesprochen.

    Meine ausführliche Rezension nebst Links zur Hörprobe findet sich hier:
    https://leselebenszeichen.wordpress.com/2016/02/17/leben-und-ansichten-von-tristram-shandy-gentleman/

    Und als stilvolles Leselockhäppchen noch ein feines Zitat:

    „Schriftstellerei – so sie denn recht betrieben – ist nur eine andere Bezeichnung für Konversation.“ (Laurence Sterne)

    Nachtaktive Grüße von
    Ulrike

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    1. Liebe Ulrike,
      tausend Dank für Deine Tipps – in Deiner Hörbuch-Kategorie werde ich ausgiebig stöbern! Den Tristam las ich im zarten Alter von 16 Jahren und konnte so gar nichts damit anfangen – vielleicht ein guter Zeitpunkt, um diesen schelmigen Roman noch einmal anzugehen (ich bin seeeehr gespannt). Dein Häppchen macht mir jedenfalls arg Lust 🙂
      Nochmals Dank und morgennasse Grüße!

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      1. Lieber Simon,
        es freut mich sehr, daß Dich meine Hörbuchhinweise interessieren.
        Im zarten Alter von 16 Jahren hätte ich wohl mit Tristram Shandy auch noch nicht so recht warm werden können. Ich glaube, mit gereifter Lebens-und Leseerfahrung und mehr Menschenkenntnis ist die Lektüre oder Auditüre wesentlich ergiebiger.
        Sonnige Grüße 🙂

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  8. Proust, bzw. die „Recherche“ war mein Examensthema. Nö. Nicht im Hauptfach. Die Romanisten hatten zu meiner Studienzeit beinharte Vorgaben (ich meine, es war ein Thema von dreien…). Ich musste also. Keine gute Voraussetzung. Aber eine anderes Perspektive. Denn, ob mir der Text gefalle oder nicht, war lange einfach keine Frage. Ich will auf die „Geschwätzigkeit“ hinaus. Die natürlich der entscheidende Kniff der „Recherche“ ist. Ich kann es nicht anders sagen, auch mir hat sie arg zugesetzt. Es war, als wenn man immer mit angezogener Handbremse lese. Oder wie wenn man (als Kind) die letzten Stunden vor der weihnachtlichen Bescherung verbringt in einer sich endlos dehnenden Zeit. Proust legt den Finger auf eine Stelle, die uns Menschen scheinbar universal empfindlich ist: die Ungeduld. Eine um zwei oder drei Bände gekürzte „Recherche“! Wie viele Leser/innen mögen davon träumen. Und dabei vergessen, dass es das Ende der „Recherche“ wäre. Der Text ist wie die anderen „überlangen“ Romane jener Epoche ein Experiment. Er richtet sich gegen die Konvention, dass ein Romantext große Zeiträume in verschiedenem Tempo erzählt, so dass die Leser/innen nach ein paar Stunden ganze Epochen durchlebt haben. Gleichzeitig ist Proust ein enorm gewiefter Beobachter. Er verknüpft die Innenwelt mit der Außenwelt, langatmig vielleicht, aber wie ein Anatom am Seziertisch. Wir ahnen bei Proust (und auf andere Weise als bei Freud), wie komplex so ein menschliches Innenleben sein kann, wie enorm eine scheinbar unscheinbare Existenz ist, wie falsch auch die genauesten Gefühle oder gezogenen Schlüsse sein können. Es ist ein großes Buch des Scheiterns und des aus dem Scheitern gelingenden Lebens. Es ist eben der romaneske Antiroman an sich und, wie Ulrike so treffend bemerkt, eine andere Form der Konversation.

    Gefällt 3 Personen

    1. Liebe Stephanie, tausend Dank für Deinen tiefgehenden Kommentar, der mir „meinen“ Proust noch ein wenig klarer gemacht hat. Ich denke, dass die letzten drei Bände (vor allem die beiden vorletzten) dennoch daran leiden, dass Proust sie nicht vollenden konnte. Vielleicht hätte er noch gekürzt, vielleicht (wachrscheinlich sogar?) wären sie nur noch länger geworden, aber bestimmte sich wiederholende Formulierungen und Bilder hätt‘ er bestimmt rausgekürzt 🙂 Und wie Recht Du damit hast, dass Proust ein genialer Beobachter ist. Gerade diese Beobachtungen und Beschreibungen der Figuren (Welt der Gouermantes) fand ich psychologisch großartig, die endlose Innenschau des Marcel-Ichs ging mir dagegen auf die Nerven. Und ein „Buch des Scheiterns“ – auch diesen Deinen Gedanken fand ich wahnsinnig spannend, da ich den nie gedacht. Nochmals: Meinen herzlichen Dank!

      Gefällt 1 Person

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