Carlos Ruiz Zafón über das Orchester aus Worten

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Carlos Ruiz Zafón. Foto: The Washington Post/Getty Images

In der letzte Woche hatte ich das Vergnügen, mich durch Carlos Ruiz Zafóns „Das Labyrinth der Lichter“ zu lesen, besser es aufzuschlürfen wie einen exquisiten Wein, es einzuatmen wie frühlingsblütenduftende Luft. Mit diesem Roman schließt Zafón seine große, insgesamt vier Bände umfassende Erzählung um den Friedhof der Vergessenen Bücher in Barcelona ab. Und auch wenn für mich die überragende, einzigartige Magie seines Erstlings „Der Schatten des Windes“ in den Folgebänden nicht ganz erreicht wurde, so ziehe ich doch meinen Hut und verbeuge mich tief: Chapeau! Wie sicher und stimmig dieser spanische Autor seine Leser durch Jahrzehnte und Perspektiven führt, das ist schon große Kunst. Selten hatte ich als Leser das Gefühl, so leicht, so „richtig“ von einer Figur zur anderen geschickt, so selbstverständlich über knapp 1000 Seiten an der Hand genommen zu werden. „Das Labyrinth der Lichter“ ist ein verteufelt guter Abschluss seiner Tetralogie.

In diesem Zykus geht es nicht nur um einen Friedhof der Bücher, sondern auch um jene Menschen, die eben diesen füllen: um Schriftsteller. Insofern überrascht es nicht, auch kluge Sätze über das Schreiben zu finden. Zwei davon haben mich besonders fasziniert:

Mit jedem Tag sah ich deutlicher, dass gute Literatur wenig oder nichts zu tun hatte mit trivialen Schimären wie „Inspiration“ oder „etwas zu erzählen haben“, sondern mehr mit der Ingenieurskunst der Sprache, der Architektur der Erzählung, der Beschreibung von Texturen, Timbres und Farben der Konstruktion, mit der Fotografie der Vorstellung und mit der Musik, die ein Orchester aus Worten produzieren konnte.
(Das Labyrinth der Lichter, Fischer Verlag, 2017, S. 891)

Solche Aussagen sprechen mir aus der Seele: Hinfort mit dem Geniekult des Künstlers! Weg mit dem Gequatsche von Inspiration! In den Orkus mit jenen gut gemeinten Aussagen, man müsse etwas Bestimmtes „zu erzählen haben“! Natürlich existiert Kunst nie ohne ihren Inhalt – aber das macht sie nicht aus. Inhalt, Überzeugung, Meinung, Leben – all das existiert ja auch außerhalb der Kunst, außerhalb der Literatur. Aber eben nicht jene Musik, die ein „Orchester aus Worten“ zum klingen bringen kann, nicht jene architektonische Schönheit einer gelungenen Erzählung, nicht jene „Fotografie der Vorstellung“. All das kann nur Literatur leisten.

Und wie Zafón als Autor dieser Forderung sie selbst in seinen Romanen einlöst, wie er die „Ingenieurskunst der Sprache“ auf hohem Niveau zeigt – das ist, ich wiederhole mich gerne, meisterhaft.

Ein zweites Zitat zum Schreiben aus dem „Labyrinth der Lichter“ mag ich vielleicht noch lieber:

„Schreiben heißt umschreiben“, rief er mir immer wieder in Erinnerung. „Man schreibt für sich selbst, und für die anderen schreibt man um.“
(a.a.O.:S. 921)

Zafon_Labyrinth der LichterEin Satz, den ich mir hinter die Ohren „schreiben“ werde, habe ich mir diese Unterscheidung bisher doch nie wirklich bewusst gemacht. Für mich war „umschreiben“ stets die Verbesserung eines Textes – mehr nicht. Jetzt ist mir klar, dass diese Überarbeitung tatsächlich weniger für mich oder den Text selbst geschieht, sondern „für die anderen“. Für die Leserin, für den Leser.
Für uns.

© des Fotos: The Washington Post/Getty Images. Mit freundlicher Genehmigung des S. Fischer Verlags. Webseite: http://www.carlosruizzafon.de/zafon/autor

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15 Gedanken zu “Carlos Ruiz Zafón über das Orchester aus Worten

    1. Freut mich. Zwei Einschränkungen noch zum „Labyrinth der Lichter“: Erstens kommt es, wie schon gesagt, nicht ganz an „Der Schatten des Windes“ heran. Und zweitens läuft die Zeitschiene vom zweiten Weltkrieg bis in die 90er Jahre, also auch viel fiese Franco-Zeit. Dabei gibt’s einige, meiner Meinung nach unnötig ausführliche Szenen um Brutalität und Folter. Von diesen beiden Punkten abgesehen: ein wirklich schönes Buch. Liebe Grüße!

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      1. „Schatten des Windes“ ist auch schwer wiederholbares Niveau. Danke für die Warnung jedenfalls – dramaturgisch nicht notwendige Brutalität ärgert mich auch immer wieder, jedoch spricht einiges dafür, dass ein Teil der Leserschaft bereits so hyposensibilisiert ist, dass man in höherem Grad konkretisieren muss, um sie noch zu erschüttern. Vielleicht sind wir „Schöngeister“ da nicht repräsentativ mit unserer Empfindlichkeit.

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      2. Wahre Worte: Dieses Überangebot an Gewalt in Film und Büchern ist scheußlich-schändlich. Und schraubt sich wohl tatsächlich mit jeder Abstumpfung mehr in die Höhe. Andererseits war die Franco-Zeit wohl sicher eben brutal … Abermals liebe Grüße!

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  1. Oh, ich hatte Carlos Ruiz Zafóns nach „Der Schatten des Windes“ irgendwie aus den Augen verloren, obwohlmir das Buch sehr gut gefallen hatte. Scheint so, als hätte ich nun einiges nachzuholen. Danke für die Anregung!
    lg. mo…

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