Die Weltkriege: Wenn Künstler jung sterben

Bei uns im Bad steht der Kunstkalender von Harenberg. Die Mischung aus bekannten und unbekannten Künstlern gefällt, die Auswahl alter und moderner Kunst ist trefflich, die erklärenden Texte auf der Rückseite sind erstaunlich gewandt und informativ. Jeder neue Morgen beginnt so mit einem neuen Kunstwerk – und vor einigen Tagen begrüßte mich dieses Bild:

Harenberg_Kunstkalender

Fritz Schulze – wer kennt schon Fritz Schulze? Ich nicht. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich das Bild mochte: ein wenig zu monumental, ein Tick zu plakativ. Dann las ich den Text auf der Rückseite. Schulze war ein in Dresden studierender, linkspolitischer Maler, der 1942 wegen seines Widerstandes gegen die Nazis in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde. Mit nur 39 Jahren war Fritz Schulze tot.

An diesem Morgen, in unserem Badezimmer, den kleinen Abreißkalender in der Hand – da wurde ich traurig. Ich meine, man kennt das ja. Man weiß um den Irrsinn, um die Toten, um den Weltenbrand dieser Zeit. Man hat Anne Frank gelesen, seine Großeltern zur Nazizeit befragt und auf die eigene, ganz private Art um, keine Ahnung, vielleicht Walter Benjamin oder Stefan Zweig getrauert. Und trotzdem. Fritz Schulze, 39 Jahre. Was wäre noch aus ihm geworden? Oder, ein paar Jahrzehnte und einen Weltkrieg zurückgehend, aus Franz Marc und August Macke, die mit 36 beziehungsweise 27 Jahren starben? August Macke hatte tatsächlich nur 27 Lebensjahre Zeit – wie hätte er wohl weitergemalt? Oder Wilhelm Morgner? Noch ein Jahr früher – mit 26 – starb 1917 auch dieser Ausnahmekünstler in den blutgierigen Stacheldrahthänden des 1. Weltkriegs.

Frau_mit_karre_morgner
Wilhelm Morgner: Frau mit Karre

Auch Wilhelm Morgner mag ich nicht wirklich. Aber faszinierend ist er. Kreativ. Visionär. Großartig. Was hätte er noch alles machen und schöpfen können, welche künstlerischen Ideen hätte er noch verwirklicht?

Müßig, ich weiß.

Aber eben nicht egal.

Und so denke ich, seit ich vor vier Tagen den Kunstkalender in der Hand hielt, an die toten Kreativen dieser beiden Weltkriege. Ich denke und gedenke. Weil’s eben nicht egal ist.

Ich gedenke  André Caplet: Schüler und Mitarbeiter Debussys, Opfer eines Gasangriffs, an dessen Folgen er 1925 starb.

Ich gedenke Otto Braun, dessen Talent Thomas Mann, Alfred Polgar und André Gide begeisterte, der aber nur ein einziges Gedicht veröffentlichte: Mit 20 traf ihn 1918 eine Granate.

Ich gedenke der beiden Lyriker Georg Trakl und Ernst Stadler, beide gestorben 1914, der eine durch eigene Hand, der andere von einer Granate zerrissen.

Und ich wende mich voll Grausen dem zweiten Weltkrieg zu, gedenke den großarigen LyrikerInnen Gertrud Kolmar (gestorben 1943 im KZ Ausschwitz), Robert Desnos (1945 in Theresienstadt) und Selma Merbaum (1942 im Zwangslager Michailowka).

Ich gedenke dem Maler Felix Nussbaum (der 1944 im KZ Auschwitz starb) oder Carl von Ossietzky, dem Herausgeber der „Weltbühne“ (1938 in einem Berliner Krankenhaus).

Und die Liste wird länger, man kennt das, man weiß das, man grämt und, ja, langweilt sich bald. Man hat all das schon gewusst, getan, gedacht.

Müßig, ich weiß.

Aber eben – immer wieder, immer noch – nicht egal.

Wer kennt schon Fritz Schulze, ermordet mit 39 Jahren, Spanienfreund, Franco-Hasser, Gründer (zusammen mit seiner Frau Eva Knabe) der Dresdner Kunstgruppe ASSO? Ich glaube, ich hätte ihn gern kennen gelernt. Und zumindest weiß ich jetzt um seine Existenz. Denke an ihn. Sage ihm meinen Dank.

 

Bildquelle: Wilhelm Morgner, via Wikimedia Commons, Link

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31 Gedanken zu “Die Weltkriege: Wenn Künstler jung sterben

    1. Bitte, sehr gerne. Und ich habe zu danken: fürs Lesen und Kommentieren. Und dann sowas wie der „Club der 27“, von Janis Joplin über Jim Morrison zu Hendrix – das ist fast noch trauriger. Die haben’s von ganz allein geschafft …

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  1. Der Welt entgeht viel durch den Wahnsinn Krieg und Terror. Vielleicht hätte schon längst jemand ein Heilmittel gegen Krebs entdeckt, wäre er oder sie nicht im Bombenhagel oder im KZ umgekommen. Oder gar nicht erst geboren, weil seine Eltern. …. na ihr wisst worauf ich hinaus will.

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  2. Danke für diesen so wichtigen Beitrag. Es ist nicht egal, was passiert ist. Jeder gewaltsame Tod reißt eine Lücke ins Jetzt. Das Schicksal des englischen Dichters Wiliam Owen ist auch so eines, das niemals egal sein wird: Da sind Menschen, die mit ihrer Empfindsamkeitkeit hineingeworfen sind in eine Welt, in der eine quasie „zivilisierte“ Form brutaler Gewalt zur Tagesordnung gehört. – Jeder solche Tod ist eine Wunde, die nicht heilen kann, wenn sie übergangen wird.

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  3. Es ist schon interessant und macht sehr sehr nachdenklich wenn politisch, autoritäre Funda-mental-listen (nicht nur die Nazis) Kulturleistungen und Kulturschaffende, die ihnen nicht in den Kram passen … u.s.w. verfolg(t)en, verbieten, einsperren, und ermorden … (leider wieder aktuell) die Angst vor Entlarvung muss ja groß sein.

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  4. danke für diesen wertvollen beitrag!
    ja, welch ein verlust, jeder einzelne von ihnen.
    zu wilhelm morgner habe ich eine besondere beziehung, weil er wie mein vater aus soest stammt und meine großmutter die mutter wilhelm morgners gut kannte.
    ich gedenke mit dir!
    herzlichst,
    diana

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    1. Das ist ja spannend – so ein persönlicher Bezug ist so selten wie wichtig. Für mich ist Morgner unglaublich genial und seiner Zeit voraus, nur lassen mich seine Werke oft mit einem merkwürdig „schlechen“ Gefühl zurück. Aber vielleicht ist gerade das eine zusätzliche große Leistung: Den Betrachter unwohl sein machen … Vielen Dank fürs Mit-Gedenken!

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  5. Man muss an diese Künstler erinnern, weil wir ihre Namen kennen können, weil wir, wenn wir an sie erinnern, wir auch an die anderen, die namenlosen Oper der Kriege und Verfolgung denken, die, die nicht einmal die Chance hatten, ihren Beitrag zu leisten, sich zu entwickeln. Und selbst der unwichtigste, unauffälligste Mensch, dessen Leben genommen wurde: Wir dürfen nicht vergessen, was Menschen Menschen antun.

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  6. Ein schöner und wichtiger Beitrag. Ich beschäftige mich viel mit den Geschichten und Geschehnissen der beiden Weltkriege und es ist schon so, wie du schreibst, dass viele kreative Menschen auf die eine oder andere Art aus dem Leben gerissen wurden. Mir fällt da spontan noch Saint-Exupéry ein, der ja mit seiner Jagdmaschine verloren ging.

    Das Bild von Schulze war mir sogar bekannt, aber den Maler hätte ich beim allerbesten Willen nicht benennen können. So habe ich ganz nebenbei auch wieder etwas gelernt. Danke dafür!

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    1. Oh, ich danke Dir: Für Deine Erinnerung an Saint-Ex etwa. Was mich bei jeder Bewusstmachung halt stark schockt, ist: Wie jung die waren. Und ich, ich lebte bald doppelt solang wie sie und jammere ob Ablenkung, Alltagsstress und Co …
      Ganz liebe Grüße!

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      1. Nun ja, die meisten dieser Menschen dürften einen Teil ihrer Zeit ebenso verbracht und „vertändelt“ haben, wie wir es tun. Bis auf die, die nun sprichwörtlich außer ihrer Kunst gar nichts im Leben hatten. Insofern gräme dich nicht zu sehr.

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  7. Ich erinnere an Wolfgang Borchert, zwar nicht im Krieg, aber letztlich an Kriegsfolgen gestorben, dessen Gedicht „Dann gibt es nur eins“ alles zusammenfasst, was es zum Krieg zu sagen gibt. Es hat mich und meine Einstellung sehr geprägt.
    Danke Simonsegur, für diese so notwendige Erinnerung!

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    1. Meinen herzlichen Dank für die Zustimmung! Und ja: Kam wohl nicht von ungefähr, angesichts der Wahlen in den Niederlande, in der Türkei und jetzt in Frankreich, dass ich an diese Zeiten dachte. Synchroniziät 🙂 So oder so, jetzt und heute erst recht: Ich wünche Dir (und allen Franzosen auf der Welt) noch einen hoffentlich schönen Abend !

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  8. Es ist so tröstlich, in dieser oft trostlos erscheinenden Welt Menschen zu entdecken, die sich solche Gedanken machen. Ich weiß nicht, ob ich unnötig dramatisiere, aber mir scheint in diesen Monaten der Frieden, die Freiheit und die Verbundenheit zwischen den Menschen sehr labil und von einem Trend zu Feindbildern bedroht. Um so wichtiger ist die Erinnerung an die Opfer düsterer Zeiten des Krieges und der Tyrannei. All die Namen derer, die mir lieb sind, habt ihr schon genannt; ich glaube, August Stramm fehlt hier noch, der mit 41 Jahren 1915 im Ersten Weltkrieg getötet wurde: sprachmächtiger Lyriker, mutiger Moderner, fast vergessen, obwohl manche der hier Genannten ihn verehrten.

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  9. Liebe Ule, vielen Dank für Deine Ergänzung: Ja, der surreal sprachtanzende Stramm fehlt hier noch! Ich erinnere sehr gut, wie mich sein Endlos-Poem „Die Menschheit“ beeindruckte, das (passend zum Beitrag hier) folgendermaßen beginnt:
    „Tränen kreist der Raum!
    Tränen Tränen
    Dunkle Tränen
    Goldne Tränen
    Lichte Tränen
    Wellen krieseln
    Glasten stumpfen
    Tränen Tränen
    Tränen
    Funken
    Springen auf und quirlen
    Quirlen quirlen
    Wirbeln glitzen
    Wirbeln sinken
    Wirbeln springen
    Zeugen (…)“
    Ganz liebe Grüße! Und je mehr auch ich Angst bekomme vor dem Wachsen der Ängstlichen, Wütenden, Ichbezogenen, desto mehr glaube ich an die vielen anderen, die einen Gegenentwurf versuchen …

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      1. Oh ja, das stimmt. Da geht’s einem als Künstler besser, wenn man genau den Puls der Zeit trifft, Goethes „Werther“ oder Rowlings „Harry Potter“. Voraus zu sein, das ist dort wo’s leer ist. Und einsam eben … Ich wünsche Dir ein wunderbares Wochenende!

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    1. Krieg ist ja immer sinnlos, aber wenn das wie bei diesen beiden eine „Tradition“ hat, ist’s wahrlich noch sinnloser … Von Alain kenne ich kaum was – der hat viel für Orgel komponiert, oder? Grad mal nachgeschaut: 29 Jahre alt geworden, 1940 im Krieg getötet (wofür es ja dieses grässlich euphemistische Wort „gefallen“ gibt, das mich immer an hinpurzeln erinnert oder ans „Gefällt mir“), drei Kinder. Herzlichen Dank für das Erinnern und Gedenken an ihn!

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  10. Liebe Gabriele, ich habe zu danken für Deine Worte und Sätze. So ein schönes Gefühl, wie viele von uns trotz allem zu Achtung, Gedenken und Empathie fähig sind – das macht Mut! Ich wünsche Dir herzlich noch ein schönes Wochenende!

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