3. Teil, 6. Kapitel, 2. Szene

Die Gorgone war unberechenbar. Keiner wusste, wie viel Zeit ihm bleiben würde, wenn sie zubiss. Niemand wusste, wie lange es dauern würde.

Bei Simon Segur ging es schnell. Mittlerweile bewegte er sich mit der Geschwindigkeit einer ausgetrockneten Schnecke; schlurfend folgte er Joshua durch das Minenfeld der Feuergruben. Auch sein Denken fror ein. Simon konnte dabei zuschauen, wie seine Erinnerungen irgendwo hinter ihm zurückblieben. Wie seine Gedanken jegliche Komplexität verloren und er sich in ein von Bedürfnissen und Trieben gelenktes Tier verwandelte. Hunger. Durst. Müdigkeit. Und das funkelnde Leuchten des Elmsfeuers, das ihnen den Weg leuchtete. Der körperliche Drang, diesem Stern zu folgen war auch stärker als seine Angst. Stärker als diese kichernde Panik in seinem Bauch, die ihm zuschrie: Bald ist es vorbei! Bald bist du ein Frostie! Aber selbst diese Angst wurde langsamer und schlief ein. Angst ist mit dem Denken zusammengekettet, so wie zwei Verbrecher auf einer Gefängnisflucht: untrennbar vereint. Und wenn die Gedanken abstarben, verlöschte auch die Furcht – bald war Simons Kopf leer wie das gefrorene Eis um die MS Cohiba. Manchmal regte sich erst nach Stunden ein Funken Bewusstsein in seinem Kopf, registrierte seine volle Blase oder den Beginn eines neuen Tages. Manchmal merkte er erst nach vielen Kilometern, dass Joshua ihn trug. Gillroy schleppte ihn jetzt immer öfter und länger, damit sie überhaupt vorankamen. Damit sie das Ziel ihrer Reise erreichten, bevor Simon …
Ich … will … nicht, dachte er mühsam.
Oh nein, er wollte nicht. Ein Frostie werden, erstarrt im Nichts einer nackten Gedankenleere, ganz gleich ob lebendig oder tot – so wollte er nicht enden.
Wollte keiner.

Simon wurde immer langsamer, Joshua immer stiller. Anfangs hatte er noch viel geredet. Simon Mut zugesprochen, über die Länge ihres Marsches spekuliert oder die Beschaffenheit des Elmsfeuers. Aber je langsamer Segur sich vorwärtsquälte, desto wortkarger wurde Josh. Packte Simon auf seine Schultern, schleppte ihn mit, solange er konnte. Die Zahl der Feuergruben stieg weiter; Gillroy schien es, als wollten sie zusammenwachsen zu einem einzigen, alles verbrennenden Meer. Die Tage waren hell, die Nächte waren dunkel. Und doch war das nicht mehr die Welt, die Joshua kannte. Der Kugelblitz führte sie nach Norden. Schweigend, flammend, erbarmungslos.

Bis das Elmsfeuer stoppte. Über einer Feuergrube schwebend, die so groß war wie ein Tümpel, ein kleiner Teich. Joshua ließ sich auf den Boden fallen. Legte den Rucksack ab und wartete auf Simon, der wie ein tattriger Greis hinterherzitterte.

Das Elmsfeuer bewegte sich nicht.

»Das kann nicht sein!« Josh hörte das Jammern in seiner Stimme. Er hasste sich dafür.

»Doooooooocccccchhhhhh«, entgegnete Simon, die Vokale langgezogen wie das Heulen eines Geistes. Langsam, verzerrt. Voller Grauen.

»Du meinst, wir sind da? Das ist unser Ziel?«, fragte Gillroy, deutete dabei auf die sanft vor sich hinglimmende Feuergrube. Groß wie ein Teich.

»Aaaaaaaaaye.«

»Scheiße, Mârin. Dann sind wir am Arsch.«

Segur antwortete nicht. Stand schwankend neben Joshua und starrte das Elmsfeuer an.

Zeit ging weiter, ging weg. Die Sonne näherte sich dem Horizont, färbte den Himmel ein. Mit zunehmender Dunkelheit leuchteten die krankhaften Feuer am Boden heller auf. Auch Joshua starrte jetzt das Elmsfeuer an, versuchte es mit seinem Willen anzutreiben. Warum bewegte sich das verfluchte Ding nicht? Warum hatte es sie hierher geführt, zu einem Feuerloch in der Erde, flammend und tödlich wie hunderte andere?
Aber der beschissene Lichtball bewegte sich nicht. Leuchtete nur, geduldig und strahlend. Still und spöttisch. Und Simon, der stand immer noch genauso da wie vor Stunden. Einen Schritt von der Feuergrube entfernt, leicht schwankend, den irren Blick auf das Elmsfeuer geheftet. Joshua überlegte, ob Segur das Endstadium erreicht hatte. Ob er genauso festfrieren würde, in dieser stehenden Pose, das erstarrte Gesicht in eine kleine, grell leuchtende Sonne gerichtet.

Gillroy begann zu lachen. Aus Kichern wurde Wiehern, galoppierte weiter zu einem hysterischen Gackern.
Die Sonne war untergegangen.
Die Feuergruben leuchteten.
Das Elmsfeuer strahlte.
Und Joshua Gillroy lachte sich Tränen ins Gesicht.
Dann rappelte er sich auf, stellte sich, immer noch kichernd, neben Simon. »Wir sind wirklich am Arsch, Mârin!«

Unendlich langsam drehte Simon den Kopf zu Josh. Blinzelte. Die Augenlider blieben so lange unten, dass Gillroy glaubte, er würde schlafen. Dann öffneten sie sich wieder. Zufrierende Augen.

»Waaaaaaaaaaaas?«, fragte Simon.

Josh grinste ein letztes Mal. »Was wohl? Deine Mission ist gescheitert, Arschloch. Wie Verrückte sind wir deinem Traum hinterher gehetzt. Folge dem Stern. Ein Scheiß!« Jedes Lächeln war jetzt aus seinem Gesicht verschwunden. Die Tränen blieben. »Wir haben dir vertraut, Segur! Wir sind dir gefolgt. Sind für dich gestorben, verdammt! Mike, Theo und Lorrie. Sie sind umsonst gestorben. UMSONST!«

Simon hob seinen Arm, wollte Josh am Arm berühren, doch seine Bewegung kam nie zu einem Ende.

»Fass mich nicht an, Bastard!« Joshuas Augen spiegelten das Licht der Feuergruben. Reflektierten das Elmsfeuer. Spuckten Wut und Zorn und Verzweiflung aus.

»DU!«, brüllte er und stieß Simon beide Hände vor die Brust. Segur schwankte. »Du bist Schuld an alldem!«

Noch einen Schubs. Wenig Gewalt, kaum Kraft.

Segur taumelte, schwankte hin und her, ein gefrorenes menschliches Etwas im Wind, und kippte dann um.

Hinein in die Feuergrube. Groß wie ein Teich.

Simon Segur stürzte.

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17 Gedanken zu “3. Teil, 6. Kapitel, 2. Szene

  1. Ein stimmiges Kapitel. Ein gutes Kapitel. Die ganze Zeit leide ich schon an dem absehbaren Ende „meines“ Simon! Mein Sympathieträger soll zum Frostie werden? Dennoch muss auch ich anerkennen, dass durch ihn so viele seiner Kameraden zu Tode kamen. Nun so etwas wie Sühne?

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