3. Teil, 6. Kapitel, 1. Szene

Die Lethargie im Lager war mit Händen zu greifen, man hätte das Elend dieser Typen schneiden können, so dick hing es über dem Haufen aus Knochen und Fleisch. Aber Jimmy ließ sein wellengeschliffenes Messer stecken, zog lieber sein freundlichstes Lächeln aus der Scheide.

Der Flitzer hatte ihn ohne viel Federlesen hierher geführt, war vor und zurückgejagt wie ein nach Auslauf lechzendes Hündchen, vor sich herplappernd wie ein menschliches Maschinengewehr, plapp-plapp-plapp-plapp. Die Tankstelle verlassend, die Ausfahrt hinunter, nicht weit, kaum zwei Kilometer, plapp-plapp-plapp, und als Jim Kerk erkannte, wohin ihn Mister Blitz führte, musste er lächeln: ein Einkaufszentrum. Wieder einmal holte die Realität alle Fiktion ein, spielten doch die alten Zombiefilme zu gerne in Malls und Konsumtempeln. Machte ja auch Sinn: Hier gab es genug zu fressen. Was Jimmy dagegen in keinem dieser Filme mitbekommen hatte, war der Gestank: ranziger Schweiß, Pisse und Kot, der müffelnde Dampf nasser Klamotten, die fauligen Böen von Kadavern, Schimmel und ein Hauch von Tränensalz.
Jimmy-Boy sog die Luft tief in sich ein, hielt sie in den Lungen wie einen Joint, atmete aus.
Herrlich.

Die Vormittagssonne deutete mit hellen Lichtstrahlen auf den ganzen Dreck. Der Großteil der Menschen, die sich hier verkrochen oder vereint hatten – wenn es denn einen Unterschied gab – schien Frischluft zu schnappen. Die Frühlingswärme zu genießen. Ihre sinnlose Existenz mit Geplapper zu füllen. Sie standen und hockten auf dem Parkplatz herum wie zu einem bescheuerten Picknick. Jimmy-Boy sah ein paar Typen, die auf rostigen Autodächern hockten und in die Sonne starrten. Kleine Grüppchen Frosties, die für den Satz »Wie geht’s dir heute?« mindestens eine Stunde brauchten. Andere Frosties im Endstadium torkelten in ihren Zeitlupenkörpern über den Parkplatz des Einkaufszentrums, führten ihre eigene Pantomime des Wahnsinns auf. Nur einige wenige Flitzer, die zwischen den Autowracks herumrannten wie Baseballspieler auf einem Sportplatz. Jim zählte zwanzig Kranke, vom kaum gezeichneten Speedie, der sich nur durch einen zuckenden Kopf verriet, bis zum vollständig erstarrten Frostie. Mehr Männer als Frauen.
Mister Spock blieb, leise winselnd, dicht an seiner Seite.
Wo zum Teufel, fragte sich Kerk, kommen die eigentlich her?

Ganz egal, wie stark die Medusa sie schon beherrschte, ihr Blick verriet sie alle: Dieses dumpfe Starren ins Nichts – eine verkackte Kuh hatte mehr Ausdruck in den Glotzaugen. Bevor die Krankheit sich der Körper bemächtigte, packte sie ihre Gedanken. Raubte ihre Erinnerungen. Griff in die Köpfe der Menschen und holte Wörter, Bilder, Ideen und Vorstellungen heraus. Solange, bis nichts mehr übrig war. Nichts außer glotzenden, sehnsüchtigen Augen.

Und sie war unberechenbar, die Gorgone. Manche ihrer Opfer erstarrten innerhalb von zwei oder drei Tagen zur Ganzkörperskulptur. Bei anderen schien die Medusa nur sanft über ihre Haut zu lecken, überwältigte sie erst nach Jahren.
Niemand wusste, wie lange es dauern würde.
Niemand.

Lächelnd näherte sich Jim Kerk den Kranken, ohne dass jemand Notiz von ihm nahm. Im Vorbeischlendern zog er seinen Colt und ballerte einem erkalteten Frostie den Kopf weg.
Keine Reaktion.
Blindes Starren ins Nichts.
Jimmy fuhr mit der Hand durch den roten, nur langsam fallenden Nebel. Lutschte seine Finger ab. Lachte. Hier war eindeutig Motivationstraining gefragt. Schwungvoll kletterte er auf die Kühlerhaube eines Autowracks und hob die Hände. Rief laut: »Hört mal her!«

Niemand scherte sich um ihn.

»Ich kann euch helfen!«, brüllte er. »Ich weiß genau, was euch fehlt!«

Nichts. Die Flitzer flitzten weiter über ihr Baseball-Feld, die noch nicht hirntoten Frosties murmelten einander ihr Gemurmel zu. Sogar die Sonne zog gelangweilt ihre Wolkenvorhänge vors runde Gesicht.

»Ihr wühlt in euren Köpfen, nicht wahr? Ihr sucht nach Erinnerungen, ihr wisst noch, dass da irgendwas sein sollte – hab ich recht? Ihr wühlt im Müll eurer Schädel nach euch selbst! Nach dem Gestern. Nach eurer scheiß Welt. Aber ihr findet nichts. Alles weg!«

Ein Zittern ging durch die Menge. Jimmy konnte spüren, wie sie den Atem anhielten, voll Hunger und Sehnsucht, gierig nach Erinnerungen, Süchtige auf Entzug. Yeah – er hatte sie an der Angel.

»Dann freut euch! Denn ich habe sie, all eure Erinnerungen, eure Namen, eure Vergangenheit! Ich werde euch helfen. Ich werde sie euch schenken. Scheiße Mann, ich habe genug Erinnerungen und Wörter für euch alle!«

Langsam, zögernd wie verängstigte Kätzchen, kamen die Zombies näher. Lauschten nun dem Rattenfänger Captain Jim Kerk. Ihr König würde sie leiten. Ihr Erlöser war zu ihnen gekommen.

»Ich helfe euch! Ich …«

Ein Knall. Und ein Schmerz. Sein rechtes Bein knickte ein, der Rest folgte. Jimmy-Boy kippte von der Kühlerhaube. Flammen in seinem Oberschenkel. Blut. Sein Blut.
Die Zombies näherten sich langsam, schlurfend, stumm.
Mister Spock kroch ängstlich heran, schleckte über sein Gesicht und bellte. Der einzige Klang, abgesehen vom Scharren der Stiefel. Vom Rascheln alter Zeitungen, die ein leichter Wind über den Parkplatz wehte. Abgesehen vom Keuchen der Medusa-Opfer.
Abgesehen von einer Stimme: »Hältst dich wohl für einen Messias, was Kleiner?«

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11 Gedanken zu “3. Teil, 6. Kapitel, 1. Szene

  1. Uhhh, was haben wir denn da? Bescheuertes Picknick – Oh ja! Und sehr schöner Cliffhanger wieder einmal 😉 Gibts eigentlich ein deutsches Wort dafür, welches angemessen wäre? Spannende Ausblende? LeseranfütterndesabruptesEnde?
    Ich habe aber ein bisschen zu mosern in diesem Kapitel, wenn es genehm ist. Wo kommen denn die ganzen Bilder her, die ganzen Vergleiche? Deine Sprache brilliert ja sonst eher durch karge Nüchternheit. Nicht, dass ich was dagegen hätte, aber hier erschlägt es mich beinahe und es unterscheidet sich auch vom üblichen Text. Da sind eine Menge „Wies“ – bildliche Vergleiche. Die tragen ziemlich auf 😉 Und so wulstige Dinge wie: Verkackte Kuh. Pantomine des Wahnsinns. Die Sonne zieht den Vorhang vors runde Gesicht.
    Im Buch würde ich jetzt nachschauen, ob dieses Kapitel vielleicht jemand anderes geschrieben hat, ist das nicht interessant? Womit wir wieder zu King kommen … Ich lese grad Revival, kennst Du es schon?
    Neugierige Grüße, Julia

    Gefällt mir

  2. Spannend: Das ist mir gar nicht aufgefallen 🙂 Die letzten Kapitel habe ich sehr schnell runtergeschrieben und leider nicht viel überarbeiten können. Prinzipiell liebe ich ja Metaphern und Vergleiche, denke aber wie Du, dass ein Zuviel davon eher erschlägt. Insofern kille ich diese Darlings regelmäßig 🙂 Vielen, vielen Dank für den Hinweis!
    Ja, Revival kenne ich. Gefiel mir gut, fand ich ein bisschen zu lang und die Charakterzeichnung mal wieder genial. Nicht mein Lieblingsbuch von ihm, aber: Jeder King ist besser als vieles andere 🙂
    Liebe Grüße zurück!

    Gefällt 1 Person

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