3. Teil, 4. Kapitel, 2. Szene

Die erste Feuergrube entdeckten sie nach zwei Tagen. Simon und Joshua hatten ihre Rucksäcke mit Vorräten gefüllt, die Zick-Zacks aufgestockt, ihre Waffen mit Patronen gefüttert und so bepackt die einsame Hütte im Nichts verlassen. Richtung Norden, immer noch. Sie folgten dem Stern. Was sonst? Die Spuren des Flitzers hatte nicht einmal Gillroy zurückverfolgen können – die Speedies rannten zu schnell, als dass ihre Füße Abdrücke auf dem Boden hinterließen. Er hätte wer weiß wo herkommen können. Flitzer entwickelten – je schneller sie wurden – einen immer größeren Drang zu Gewalt. Sie töteten gerne. Aber Flitzer waren auch selten. Immer allein unterwegs. Und sie lebten nicht lange.

»Wie geht es dir?«, fragte Gillroy nach den ersten Schritten, die sie hinein in ein menschenleeres, langsam aufwachendes Frühlingsland führten.

»Gut«, sagte Simon.

Dann schwiegen sie. Schritt für Schritt wurde die Stille zwischen ihnen schwerer. Im Takt seiner Füße klangen jetzt wieder die Echos der Namen in Segurs Kopf. Mike, Lorielle und … Theo? Ihm schauderte. Er hatte gezögert in seinem Denken, in seinem Erinnern. Auch ihre Namen werde ich vergessen, überlegte Simon. Er fröstelte. Ja, dachte er. Vielleicht würde der Erinnerungs-Joker ihm manchmal die Namen zuwerfen, aber immer zaghafter, immer seltener. Er würde seine Kameraden vergessen, die letzten Seelords der MS Cohiba.

Schritt um Schritt.

Am ersten Tag liefen sie bis weit in die Dunkelheit, denn ein eingebeulter, heller Mond schenkte Licht. Insekten sangen, laut und metallisch – ein Geräusch nicht weit entfernt vom Summen der Mykros, wenn sie ihren Schwarm in Angriffsformation zusammenfügten. Irgendwann stoppte Gillroy, ließ seinen Rucksack fallen und rollte den Schlafsack aus. Schweigend. Simon tat es ihm nach.

Das Schrillen der Insekten sägte an ihrem Schlaf.

Am nächsten Morgen wechselten sie wieder nur zwei Sätze: »Du bewegst dich langsamer«, sagte Gillroy.

»Ich weiß«, antwortete Simon.

Der Tag verging zwischen Schritten und Echos. Der Ruf des Elmsfeuers sang in ihren Gedanken, lockte sie, führte sie, zog sie wie an unsichtbaren Fäden nach Norden.

Oder waren es Ketten?

Als die Dämmerung und das Kreischen der Insekten über sie herfiel, entdeckten sie die Feuergrube: ein Loch in der Erde, eine mannstiefe Grube. Ein kreisrunder Teich ohne Wasser, und doch schien eine dünne Schicht Eis über ihm zu liegen, eine Oberfläche aus flackerndem Rot und Gelb und Orange.

»Wie Feuer«, knurrte Joshua Gillroy.

»Nur dass da nichts brennt.« Vorsichtig näherte Simon sich der Grube. Ging in die Hocke. »Was zur Hölle ist das?« Er starrte auf die leuchtende, sich in flammenden Spiralen drehende Oberfläche. Streckte die Hände aus. »Keine Hitze.«

Josh kauerte sich neben ihn. »Das Zeug ist durchsichtig.«

Simon nickte. Kniff die Augen zusammen und erkannte, was auf dem Boden des Erdlochs lag. Weiß und kalt schimmernd. »Knochen«, sagte er. Offenbar von Tieren. Kleine Knöchelchen von Ratten oder Vögeln, größere von Hunden und Katzen, ein gewölbter Rippenbogen, der von einer Kuh stammen musste. Ein Berg aus Knochen.

Gillroy klaubte einen faustgroßen Stein auf und warf ihn in die Grube. Als er die flammende Oberfläche erreichte, zischte und flackerte es, nur ganz kurz, bis der Stein hindurch war und weiter nach unten plumpste: schwarz. Verbrannt.

»Vielleicht«, meinte Joshua, »sollten wir um diese Dinger einen Bogen machen.«

Wieder nickte Simon. Registrierte dabei das leise Knacken in seinem Hals. Mein Kopf, dachte er, liegt schon auf dem Klotz des Henkers.

Mir bleibt, dachte Simon Segur, nicht mehr viel Zeit.

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7 Gedanken zu “3. Teil, 4. Kapitel, 2. Szene

  1. Hast Du mir nicht einmal erklärt, das hier sei erst ein Prolog. Ein Roman-Prolog? Wie gigantisch muss dann das Hauptwerk sein? Dreiteilig? Und aus dieser Sicht ist die Feuergrube wie rätselhaft und ikonisch, doch eine Auflösung habe ich erst in 1500 oder 2000 Seiten zu erwarten? Wenn Simon langsamer wird, ihm selbst bewußt ist, dass ihm wenig Zeit bleibt, endet er als Frostie?

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    1. Hm, ja, das wird schon ein fettes Teil. Fantasy-Leser lieben, warum auch immer, dicke Romane – seit Tolkiens „Herr der Ringe“ eine nicht ausrottbare Genre-Konvention. Ich selbst hasse ja diese – meist vom Verlag zwecks Geldmacherei geforderte – Mehrbändigkeit und bezeichne sie als Krankheit: Trilogieritis. Ausnahmen gibt es nur selten: eben beispielsweise Kings Turm-Saga. Und auch mein Opus soll natürlich in diesem Sinne trefflich werden. Mit dem Romanprolog „Elmsfeuer“ bin ich jetzt fast durch: Ich schätze noch drei oder vier Posts, dann ist die erste Schlacht geschlagen. Danach habe ich drei weitere Bände (nicht mehr als je 300 Seiten) geplant: Im ersten finden sich neue Mitstreiter zusammen, im zweiten wird mit Rückblenden die Entwicklung der Medusa, der Marins und einer weiteren, noch nicht aufgetauchten Hauptfigur erzählt und de Begründung für die Medusa geliefert. Im dritten Band schließlich gehts darum, ob und wie überhaupt ein Überleben möglich ist – der epische Endkampf eben … Und was mit Simon passiert – das wird sich hier noch zeigen 🙂

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      1. Ich werd‘ nicht Kings Turm-Sage lesen, um mir ein Urteil bilden zu können! Du und sicher viele andere seid eben Stephen King Fans. Ich meine, meine Schwester mag keltische Musik und da speziell die keltische Harfe. So wot? Ich begeistere mich ja auch fanantisch für bestimmte Dinge, doch was mir in meinem langen lausigen Leben fremd blieb, kann ja noch eine Weile fremd bleiben, oder? Was ich vielleicht sagen will, dass mir beim „Elmsfeuer“ Sprache und Ideen außergewöhnlich gut gefallen. Ob ich aber den langen Atem habe, die Hauptteile hier online zu verfolgen? Einen Vorteil hat es aber: In einer Buchhandlung würde ich automatisch am Fantasy-Regal vorbeigehen.

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      2. Um Gottes Willen – ich werde natürlich NICHT hier online das ganze Epos veröffentlichen! Nach „Elmsfeuer“ ist mit diesen Häppchen Schluss, die anderen Bände sollen als „fertige“ Bücher erscheinen. Freut mich außerordentlich, dass Du aufgrund von Sprache und Inhalt mal in ein anderes Genre gelinst hast – nochmals an dieser Stelle meinen herzlichen Dank! Und wer weiß, wenn Du irgendwann dochmal an einem Fantasy-Regal vorbei gehst – da gibt et schon schöne Sachen 🙂

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