Welcher AutorInnen-Typ bist Du? (6)

Teil 6: Hermann Hesse oder Klaus Modick

Dieser vorerst letzte Beitrag meines kleinen Rundumschlags zum Thema Autorentypus beschäftigt sich noch einmal mit einer zentralen Frage: Worüber schreibe ich? Dabei stelle ich zwei Typen gegenüber, die ich Statue und Chamäleon taufen möchte. Wie immer gilt, dass es dabei natürlich kein „gut“ oder „schlecht“ gibt …

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Hesse 1929, Foto von Gret Widmann

Mein favorisierter Autor für das Yin dieser Gegenüberstellung – für den von mir Statue genannten Typus – wäre John Irving gewesen, aber den hatte ich ja schon. Gleiches gilt für Günter Grass. Gut passen würden auch Balzac, Donna Leon und Thomas Bernhard. Oder eben Hermann Hesse. Sie alle haben Folgendes gemeinsam: Diese AutorInnen schreiben und schrieben letztlich stets ihr eines Buch noch einmal, sie beackern ein bestimmtes Thema, von dem sie nicht lassen können und wollen. Irving schreibt über die schrägen Typen des amerikanischen Way of Life, Günter Grass versuchte stets an seine „Blechtrommel“ anzuknüpfen, Balzac stellte einen Querschnitt durch die französische Gesellschaft dar, Donna Leon tippt an einem unendlichen Venedigbuch, Thomas Bernhards zentraler Inhalt ist grantelnde Sinnkritik. Hermann Hesse (1877-1962) schließlich interessierte der Übergang eines jungen Menschen zum Erwachsenen. Egal ob „Siddhartha“, „Steppenwolf“, „Peter Camenzind“ oder „Unterm Rad“, ganz gleich ob „Demian“, „Narziss und Goldmund“ oder „Das Glasperlenspiel“ – stets steht dieser Moment des Übergangs im Zentrum seiner Geschichten. Nicht umsonst wurde Hesse lange von Germanisten als „Schriftsteller für Pubertierende“ abgestempelt – was natürlich ein ausgemachter Blödsinn ist. Hesse war, wie nicht nur seine Briefe zeigen, ein intelligent politischer Mensch, schrieb wunderbare Lyrik und half Generationen von Lesern bei der Suche nach Sinnhaftigkeit. Dennoch habe und hatte ich bei der Lektüre stets das Gefühl, dass ich ähnliche Gedanken und Emotionen schon in seinen anderen Büchern lesen konnte. Hesse gehört deshalb für mich zu den statuarischen Autoren, die groß und großartig aufragen wie ein Denkmal, sich aber nicht um Bewegung bemühen. Sie konzentrieren und fokussieren sich auf eine Thematik, bleiben sich bestimmten Strukturen, meinetwegen auch ihrem Stil treu.

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Modick 2011, Foto von Dontworry via Wikipedia

Ganz anders die Chamäleons unter den AutorInnen, von denen es erstaunlich wenige gibt. Ich meine damit nicht das Bedienen unterschiedlicher Gattungen – Kinder- und Jugendbücher etwa sind beliebte „Ausflüge“ von so unterschiedlichen Autoren wie Isabel Allende oder Dean Koontz – sondern tatsächlich unterschiedliche Stile und Themen, differierende Ansätze in Form und Herangehensweise. Mein persönlicher Favorit in dieser Gruppe ist der 1951 in Oldenburg geborene Klaus Modick. Ich bin schon lange begeistert von dem Mann, schreibt er doch stets gute, aber immer wieder überraschend „andere“ Bücher. Zuletzt stürmte er (endlich) die Bestsellerlisten mit einem eher schmalen biografischen Worpswede-Roman um Heinrich Vogeler und Rainer Maria Rilke: „Konzert ohne Dichter“. Weitere, aber dickleibigere Klassiker von ihm sind für mich „Das Grau der Karolinen“, „Der Flügel“ und „Der Kretische Gast“ – alles großartige Romane, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Modick spielt gerne mit Formen und Farben, veröffentlichte mit „Bestseller“ eine Satire auf den Literaturbetrieb oder mit „24 Türen“ einen Adventsgeschichten-Roman. Für mich ein echtes „Chamäleon“ innerhalb der deutschsprachigen Literatur – und ein weithin nach wie vor unterschätzter Autor.

Ich persönlich beneide die „Statuen“ um ihre Stringenz und Beharrlichkeit. Außerdem, so glaube ich, verkaufen sie sich besser als ein „Chamäleon“: Denn die LeserInnen wissen genau, was sie bekommen. Bei jemanden wie Modick greifen sie jedes Mal aufs Neue in eine Wundertüte – und werden zwangsläufig in ihren Erwartungen enttäuscht. Andererseits wäre mir persönlich die Beschränkung auf ein Thema/Genre wohl viel zu langweilig. Insofern ändere ich jetzt mal ein bisschen die Farben und bekenne, ein Chamäleon zu sein.
Und Ihr?

Bildquellen:
Hermann Hesse: Fotografie von Gret Widmann (†1931), gemeinfrei, commons-wikimedia-Link
Klaus Modick: Fotografie von „Dontworry“, eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, commons.wikimedia-Link

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25 Gedanken zu “Welcher AutorInnen-Typ bist Du? (6)

  1. Wenn man ein Werk von so eine/m Statuen-Autor/in aufschlägt, weiß man in etwa, was man bekommt. Das hat durchaus seine Vorteile. Bei Autoren wie Hesse kann man sich auf Qualität freuen vor bekanntem ideologischen Hintergrund und bewährter Philosophie. Dennoch sind die handelnden Personen vielfältig und facettenreich.
    .
    Die negative Seite der „Statuen“ findet man bei den Kitsch-Autoren: einen in Details abgewandelten aber ewig-gleichen plot und stereotype Figuren …

    Übrigens liebe ich Hesse !!

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    1. Ja, ein Hesse-Fan bin ich auch. Besuchte letztes Jahr sein (selbstgebautes) Haus am Bodensee und las mal wieder 🙂 Und wie gesagt: negativ/positiv – das gibts überall. Auch ein „Chamäleon“ kann Probleme haben, etwa wenn er sich überschätzt (nicht jede(r) kann alles oder flatterhaft von einem zum anderen schmetterlingt …
      Liebe Grüße!

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  2. Mir gefällt, wie du hier Autoren zusammenfasst, gerade bei Hesse und Modick finde ich meine Einschätzung komplett wieder, ohne dass ich sie je auf solche Weise in Worte gefasst oder auch nur die beiden unter irgend einem Aspekt zusammen gedacht hätte.
    Sich selber so zu verorten? Schwierig … Ich erlebe immer wieder große Überraschungen, wenn andere formulieren, wie sie meine Gedichte sehen. Sie finden andere typische Themen, als ich sie sehe, manchmal aus Oberflächlichkeit, aber auch oft viel tiefer, als ich sie selbst gesehen habe.
    Einerseits glaube ich schon, in meinen Gedichten einige wenige Fixsterne zu haben, um die ich immer wieder kreise (auch oft implizit), aber in der Breite meiner verschiedenen Leidenschaften halte ich mich doch für ein Chamäleon (Kurzgeschichten eher leicht, Gedichte oft etwas verschlüsselt, Fotos, hm, weiß nicht). Sowas kann man wohl nur anhand eines relativ umfangreichen Gesamtwerkes mit einiger Sicherheit sagen.

    Was mich im Moment vor allem interessiert: Was du über meinen heiß verehrten John Irving schreibst …

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    1. Interessant, oder? Die Selbsteinschätzung ist wirklich schwierig. Vielleicht müsste man auch noch stärker differenzieren, was Inhalt und Form angeht. Sicher gibt es zum Bleistift ein(e) AutorIn, dessen Textformen eine große Bandbreite einnehmen (Chamäleon), thematisch aber immer um einen Fixpunkt, wie Du schreibst, kreisen (Statute). Aber wurscht: Ich wollte ja hier keine germanistischen Topoi aufstellen, sondern nur ein bisschen zur Selbstreflexion anregen. Liebe Grüße!

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      1. Das wollte ich von dir auch nicht fordern – aber spannend ist das jedenfalls und anregend, auf die eigene Arbeit zu schauen. Spätestens wenn Lyriker einen Gedichtband zusammenstellen und inmitten all ihrer Gedichte stehen, die um sie herum auf dem Fußboden liegen, begeben sie sich auf die Suche nach verbindenden Merkmalen.

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      2. Was für ein tolles Bild: “ … inmitten all ihrer Gedichte stehen, die um sie herum auf dem Fußboden liegen“! Das gefällt mir sehr, ist schon fast wieder ein Gedicht 🙂 Wird mich heute begleiten, dieses Kopf-Foto: meinen Dank!!

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  3. Wundervoll geschrieben!

    Ich liebe alles von Hesse, die Variantionen seiner Schreibkunst werden mich wohl lebenslang begleiten…

    Aber was mich selbst angeht, da wäre das Kamäleon passender, das finge schon bei meinen wechselnden Gravataren an und würde bei meinen diversen Poemen und Texten nicht aufhören…

    Ich glaube, jetzt ist die Zeit gekommen, auch mal von diesem Moddick was zu lesen!

    Dankeschön für den tollen Post, liebe Grüße zur Nacht vom Lu

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  4. Das ist wirklich ein krönendes Finale dieser Gegenüberstellungen. Bemerkenswert finde ich dabei, dass es letztlich in jedem Schreibstil Konstanz und Variation gibt. Aber beide Elemente sind flexibel. Es ist nicht zwingend ein Entwederoder – obwohl sich, wie die Beispiele hier zeigen – sehr starke Ausprägungen in eine Richtung finden können. Autoren können auch sehr starke konstante Komponenten sozusagen als Basis für einen ausgeprägten Variationsreichtum nutzen. Als Beispiel fällt mir hier Karin Fossum ein. Grenzbereiche der menschlichen Psyche ziehen sich als roter Faden durch ihr Werk – aber sie spielt damit auf ausgesprochen vielfältige Weise. Die Konstante ist da. Dennoch weiß man nie im Voraus auch nur annähernd, was einen erwartet.
    Das Statue/Chamäleon-Prinzip könnte aus meiner Sicht auch eine Erklärung für das „Mann-Phänomen“ sein. Ich habe mich immer wieder gewundert, warum Thomas Mann wesentlich populärer ist, obwohl Heinrich Mann doch (wie ich finde) wesentlich mehr zu bieten hätte.

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    1. Danke – freut mich wirklich außerordentlich 🙂 Ebenso außerordentich spannend finde ich Deine Weiterspinnung sowohl in Richtung Manns wie was die Vermischun angeht. Wie ich oben in einem Kommentar schon mal schrieb, müsste man tatsächlich wohl doch nochmal zwischen Form und Inhalt unterscheiden und sich mögliche Mischformen anschauen: ein Thema/unterschiedliche Formen, eine Form (Gattung)/unterschiedliche Themen (Andreas Eschbach fällt mir da ein) oder sowas …
      Ganz herzlichen Dank für Deinen spannenden Kommentar und liebe Grüße!

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      1. Das ist mit ein Grund, warum dieses Thema ganz wunderbar als (vorläufiger) Abschluss dieser Gegenüberstellung gegensätzlicher Autorentypen geeignet ist: Es lässt sich besonders gut weiterverfolgen und in seinen vielfältigen Aspekten untersuchen. Ich denke, wenn man sich mal mit dieser „Chamäleonstatue“ im Hinterkopf auf die Reise begibt, lässt sich da allerhand entdecken. Vor diesem Hintergrund wage ich auch die Annahme, dass wir dem Thema auf deinem Blog irgendwann wieder begegnen werden. 🙂

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    1. Das ist schön. Ich bewundere die Stringenz und Fokussierung von Euch (vielfältig im Schreiben bist Du aber schon – da brauche ich mir nur Deine letzten Beiträge bei Dir anschauen 🙂 ). Ich selbst bin da aber viel zu flatterig, möchte alles ausprobieren und hüpfe dadurch halt auch haltlos in der Gegend herum 🙂 Ich wünsch Dir einen schönen Sonntag!

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    1. Ja, komischerweise ist Modick (noch) nicht wirklich im Kanon der Leser angekommen – aber er lohnt sich wirklich! Und noch ein Ja: Manchmal denke ich: Das hat doch nicht sie/er geschrieben, das muss doch jetzt ein Ghostwriter gewesen sein 🙂 Liebe Grüße!

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