3. Teil, 4. Kapitel, 1. Szene

Am nächsten Morgen stieg er stolpernd die rissigen Betonstufen hinauf. Sein Schädel pochte, der Kater dort drinn fauchte und sein Magen rülpste Bier. Jimmy-Boy hatte schlecht geschlafen. Der wirre Traum eines Fußballspiels spann seine Fäden noch immer in seinen Kopf: Gespielt wurde auf einem im Eis gefrorenen Schiff, einem mächtigen Dreimaster, die Mannschaften rutschten und kreischten, nur ein einziges Tor gab es, oben auf dem Hauptmast hängend wie ein quadratischer Ausguck; und stets, wenn der Ball hineinfand, knisterte die Mastspitze auf, hüllte sich in helles, blendendes Licht – ein kaltes Feuer. Und eine Lautsprecherstimme jubelte: »FOLGE DEM STERN!«

Jim schüttelte die Benommenheit aus seinen Gedanken und blinzelte. Die Sonne leuchtete grellweiß, der Himmel blau, glattgewischt und ohne jeden Wolkenfleck. Die Hälfte des Hauses, in dessen Keller er sich verkrochen hatte, fehlte: Der Sturm hatte die Mauern mit einem Ruck abgerissen, so wie Jimmy eine Mandarine schälte.

Jim T. Kerk kicherte. Verließ die Ruine und den Vorort. Folgte den Straßen, wählte bei Kreuzungen jeweils die breiteste, lief auf ihnen entlang wie auf Bächen, die sich mit Flüssen vereinten und schließlich zu einem Strom wurden: der Autobahn. Sein Weg schien ihm beschwerlicher als die Tage zuvor, überall hatte der Sturm wie ein böswilliger Spielgefährte ihm Hindernisse in den Weg gelegt. Jimmy kletterte über Betonbrocken, umrundete Autowracks, kämpfte sich mit seinem Klappmesser durch entwurzelte Bäume. Manchmal nutzte eben die beste Handfeuerwaffe nichts. Dann musste gehärteter Stahl ran, seine Klinge mit Wellenschliff, der Griff poliert, die Arretierung ein Liner-Lock. Scharf und schwer lag das Messer in Jimmys Hand und zerschnitt Äste. Früher hätte man gesagt: wie Butter.

Als es noch Butter gab.

Erst am frühen Nachmittag erreichte er die Autobahn und kam zügiger voran. Kurz danach hörte er das Heulen. Eher ein Winseln. Schnaufen. Tierisch und vollgepumpt mit Angst. Jimmy pfiff die Star-Trek-Melodie und näherte sich neugierig.

Das Monster lag auf der Seite, offenbar erst in der letzten Nacht vom Sturm umgerissen. So einen Truck hatte Jimmy-Boy noch nie gesehen, das musste selbst unter Gigalinern ein Riese sein. Die Schritte zählend, lief er an dem gestrandeten LKW-Wal entlang, bei 30 Metern erreichte er endlich die Fahrkabine. Auch sie lag auf der Seite, Jimmy erkannte in den frischen Schrammen im Straßenasphalt, wie der Sturm gezerrt und gezogen hatte.

Der Hund sah aus wie eine Kreuzung aus Collie und Schäferhund. Ein Mischling mit langen Haaren, ein typischer Straßenköter. Die Medusa machte auch vor Tieren nicht Halt: Manchmal fielen erstarrte Vögel vom Himmel wie glitzernde Kometen, manchmal standen zu Frosties gewordene Rehe am Straßenrand, süß wie Bambi und kalt wie Hass. Einmal hatte Jimmy eine Schlange entdeckt, die als großes, gefrorenes S auf der Straße lag. Er war auf ihr entlang gelaufen wie auf einer zugefrorenen Pfütze mit Luftblasen – so herrlich hatte es auch gekracht.

Die überlebenden Hunde verwilderten rasch. Flüchteten vor den langsam aber stetig in Panik ausbrechenden Menschenresten. Dieser hier winselte und jaulte. Der Gigaliner hatte seinen Schwanz erwischt. Absurd komisch, dachte Jimmy, als er den Hund erreichte. Ein winziges lebendes Fellbündel eingeklemmt von 60 Tonnen Stahl und Kunststoff. Etwas übertrieben, diese Symbolik, dachte Jimmy, ging in die Hocke und streckte vorsichtig seine Hand aus. Der Hund zitterte, winselte, hechelte. Schlabberte schließlich mit der Zunge an Jimmys Fingern herum. Die dunklen Augen glotzten, wie sie es bei Hunden immer taten: wach, hingebungsvoll und dämlich.

Jimmy-Boy zog sein Taschenmesser hervor, klappte die Klinge auf und fuhr über die Schneide. Wellenmuster. Scharf und schwer. Mit der linken Hand drückte er den Kopf des Tieres fest auf die Straße, mit der Rechten begann er zu schneiden. Absichtlich langsam, damit das Vieh auch etwas davon hatte. Zum Glück war es abgemagert und schwach, leistete kaum Gegenwehr. Den Stummelstumpf würde er abbinden müssen. Ein schwanzloser Hund, dachte Jimmy, das war irgendwie witzig. Konzentriert schnitt er weiter, lauschte dem Winseln.

»Ich werde dich Mister Spock nennen«, sagte Jimmy und sägte an der eingeklemmten Rute herum.

Sehr, sehr langsam.

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11 Gedanken zu “3. Teil, 4. Kapitel, 1. Szene

  1. Hierbei fiel mir auf, dass die ganze Katastrophe, also weltweit, noch innerhalb eines Menschenlebens stattgefunden haben muss. Dieser Jim muss daher noch alle Anfänge bewußt wahrgenommen haben, auch wenn er noch ein Kind war. Das wäre für Erwachsene überschaubar, sofern sie überlebt hätten oder, wie die Marines, keine Amnäsie hätten. Als Autor könnte man sicher tausende Variationen dieser einen und selben Katastrophe zeigen. Ich persönlich finde es nicht mehr spannend. (Mein Herz hing eh mehr an Simon und seinen Kameraden.) Mich interessert die Auflösung des Ganzen. Doch die liegt noch in weiter Ferne.

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    1. Schade, dass Du mit meinem Jimmy-Boy so gar nichts anfangen kannst 🙂 Spannend sollten diese beiden Szenen mit ihm auch nicht sein, mir gings da um die Charakterzeichnung der Figur … und einfach um die Sprache: Wie beschreibt man einen solchen Mensch, eine solche Welt?
      Liebe Grüße! Übrigens habe ich Dich für den Versatile-Award nominiert – falls Du bei sowas mitmachst: https://einbuchwiekingsturm.wordpress.com/2017/02/04/versatile-award/ Liebe Grüße zum zweiten!

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      1. Ich glaube, es ist gar nicht Jimmy-Boy! Da hätte eine Oma kommen können, oder eine andere Frau, vielleicht einfach nur ein Nerd, was auch immer. Jetzt ist es eben ein Teenager (oder Twen).Ich hatte einfach das Gefühl, nach dem die Soldaten – zwar stark dezimiert – das Festland erreichten, gäbe es ein großes Finale und die ersehnte Auflösung. Das wäre für mich homogen gewesen. Eine neue Figur einzuführen, erhöht für mich persönlich, also da kann ich eben nur für mich sprechen, nicht die Spannung. Klar die neue Figur braucht ihre Geschichte, muss eingeführt und aufgebaut werden, muss eben auch einiges erleben. Doch das bringt m. E. die Story nicht weiter, es ist eher so als müsse man noch mal eine ganze Runde um den Flugplatz fliegen, bevor man landen darf. Da kann eben einem schon mal der Sprit ausgehen. 😉
        Diesen Award schaue ich mir morgen an, ok?

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      2. Klar, wann immer und wenn überhaupt Du willst! Das mit dem „Sprit ausgehen“ ist ein schönes Bild, das leihe ich mir vielleicht mal irgendwann 🙂 Verstehe auch gut, was Du meinst und kann nur noch einmal wiederholen: Das „Elmsfeuer“ ist tatäschlich nur ein Prolog. Da ich prinzipiell keine Prologe mag, kleckere ich nicht damit sondern klotze gleich: ein ganzer Prologroman 🙂

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  2. Uh – mein erster Gedanke – Lust auf ein Bier hätte ich jetzt auch. *Seufz* Keins da…Na gut. Ich hasse Jimmy. Obwohl er ja den armen Hund rettet. Aber mit welch einem Vergnügen er ihm Schmerz antut. Garstig. Ich hätte mehr Angst vor Jimmy als vor den Marines. Solche Typen sind immer so unscheinbar und hinterlistig. Ich finde ihn gut getroffen.

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    1. Jetzt wo Du‘ sagst, bekomme ich auch Durst 🙂
      Freut mich sehr, dass Du Jimmy authentisch findest. Empfand ich schon schwer, so einen Charakter irgendwie lebendig zu gestalten … Meinen herzlichen Dankf fürs Feedback! Wünsche ein schönes Wochendende. Und: Prost 🙂 !

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  3. Ich liebe den Typen! Weil er halt … Na Du weißt schon. King und so.
    Jimmy holt das Beste aus der Geschichte raus, einfach, weil er ein pefekter Gegenpart ist. Und Du schreibst ihn so herrlich! Ich finde, Typen wie er – unberechenbar und völlig moralfrei – sind wichtig in einer komplexen Welt, wie Du sie aufbaust. Sie sind total echt, man muss sich nur mal umschauen. Und echt sein ist für jede Geschichte wichtig.
    Ach, der Traum am Anfang, da war ich etwas verwirrt. Vielleicht würde hier die zweite Vegangenheit passen, oder alles in kursiv? Ich meckere hier nur auf hohem Niveau. Kann ja nicht nur schwärmen 🙂

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    1. Danke für die Blumen 🙂 !! Jimy-Boy spaltet die Leserschaft ein bisschen: die einen finden ihn großartig, die andern können nix mit ihm anfangen. Perfekt 🙂 Guter Hinweis mit der Traumszene: Beim Wiederlesen jetzt holperts auch für mich. Gute Idee mit dem Plusquamperfekt – merci!!

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