Elizabeth George über den Schauplatz einer Story

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Copyright: Michael Stadler via http://www.elizabeth-george.de

Die amerikanische Queen of Crime Elizabeth George wurde durch ihre mittlerweile 21 (wenn ich richtig gezählt habe) Inspector-Lynley-Romane bekannt, die seit 1989 die jeweiligen Bestsellerlisten stürmen. Auch die BBC-Verfilmungen (leider habe ich noch nie eine gesehen) sollen so qualitätsvoll wie erfolgreich sein. 2004 schrieb George den Ratgeber „Write Away. One Novelist’s Approach to Fiction and the Writing Life“, der im selben Jahr bei Goldmann unter dem Titel „Wort für Wort oder Die Kunst, ein gutes Buch zu schreiben“ veröffentlich wurde. Ein interessanter und hilfreicher, stellenweise vielleicht mit leichten Scheuklappen behafteter Einblick ins Handwerk ihres Schreibens. Mir hat das Buch nicht nur Spaß gemacht, sondern auch viele Anregungen geschenkt. Eine davon umschließt folgendes Zitat:

„Bevor wir uns mit dem Plot beschäftigen, wollen wir uns dem Schauplatz zuwenden, der, gründlich erforscht und geschickt eingesetzt, nicht nur Teil einer Figur, sondern auch ein Schlüssel zum Plot sein kann. Der Schauplatz kann Quelle von Ideen sein, wenn der Autor sich selbst an den Ort des Geschehens begibt. Außerdem kann er Charaktere, Thematik und vieles andere mehr erhellen.“
(Wort für Wort, München 2004, S. 34)

Tatsächlich behandeln wir AutorInnen den Schauplatz unserer Geschichten oft stiefmütterlich. Charaktere und Plot werden minutiös ausgearbeitet, der Ort der Handlung aber bleibt oft mehr oder weniger den eigenen Vorlieben überlassen. Wenn wir nicht aufpassen, wird er – was zum Beispiel oft in Regionalkrimis geschieht – zur reinen Kulisse.

Wie wichtig der Schauplatz für Elizabeth George selbst ist, wird bei ihren Lynsey-Romanen sofort deutlich: Obwohl in den USA geboren und lebend, lässt die Autorin ihre Geschichten in Großbritannien spielen – stellenweise erscheinen sie mir „brititscher“ als jene von manch englischem Kollegen …

Der Handlungsort sollte also immer daraufhin abgeklopft werden, ob er „Teil einer Figur“ sein kann oder gar ein „Schlüssel zum Plot“ – und eben keine Kulisse. Und schließlich: Kennt oder besucht der Autor den Ort seines literarischen Geschehens, entstehen fast zwangsläufig neue Ideen. Auch die Details des Schauplatzes – wie riecht es hier, wie ist das Licht, die Atmosphäre – lassen sich nur durch einen persönlichen Besuch entdecken.

Und jetzt Ihr: Wie wichtig ist Euch der Schauplatz Eurer Geschichten?

Bildquelle: © Michael Stadler, Link.

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22 Gedanken zu “Elizabeth George über den Schauplatz einer Story

    1. Ihre Geschichten, werter Herr Moser, sind ja auch ein Paradebeispiel, wie der Schauplatz grandios zu den Protagonisten und der Story gehört. Mittlerweile sind wir LeserInnen ja praktisch bei Ihnen Zuhause (und in Ihrem Fischkonserven-Büro) 🙂 Allerdings ist dies Ihr Genre innerhalb der Belletristik ja auch eher die Ausnahme …

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  1. Du schreibst wirklich tolle Einträge. Ich interessiere mich ebenfalls sehr für Bücher und Texte und ich habe gerade einen Blog gestartet auf dem ich regelmäßig Kurzgeschichten, Creepypasten und ähnliches poste. Es würde mich sehr freuen wenn du dir meine Texte mal ansehen könntest und wenn ich dich als neuen Leser gewinnen könnte.
    Egal ob du mir folgen willst oder nicht, ich wünsche dir alles Gute mit deinem Blog und noch einen schönen Tag.
    Liebe Grüße Nick.

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  2. Das Buch ist ein kleiner Schatz. Für mich der bislang beste Schreibratgeber! (Also der beste, den ich gelesen habe) man beachte auch den Abschnitt über die Sprache des Erzählers!!! Der Ort also… in meinem Buch Martins Hütte spielt der Ort eine große Rolle auch wenn er nicht real-geografisch benannt ist. Aber in manch anderem, was ich schreibe ist der Ort recht austauschbar. Nicht immer ist ein bestimmter Ort für die Story von Bedeutung, trotzdem tut man gut daran, sich seinen Schauplatz gut auszusuchen.

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    1. Ich glaube schon, dass der Schauplatz immer für die Story von Bedeutung ist. Nicht so stark wie das ortsgebundene Setting (einsame Insel, Gespensterschloss et cetera), aber doch wichtig. Spielte egal welche Geschichte in einem anderen Ort, würde sie auch zu einer anderen Geschichte werden – irgendwie 🙂
      Und ja: Georges Buch ist wirklich ein wahres Schatzkästlein 🙂
      Liebe Grüße!

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  3. Als absoluter Newbie kann ich nicht viel über Settings sagen. Ich messe ihnen noch!
    nicht viel Bedeutung bei. Aber auch als Leser ist es mir meist egal wo es spielt, ausser es ist was Regionales, bei dem ich die angegebenen Orte und Objekte kenne.. Die Kulisse ist was anderes. Eine gut beschriebene Kulisse versetzt mich direkt ins Geschehen. Aber die kann in Alaska oder Zimbabwe sein. Bisschen zu oberflächlich vielleicht….:-/

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    1. Nö, mit „oberflächlich“ hat das nix zu tun 🙂 Wenn dann mit Definitionsfragen. Für mich ist „Kulisse“ negativ besetzt, einfach austauschbare Orte ohne Bezug auf die Geschichte. Ein „Schauplatz“ ist für mich etwas anderes, da „schwappt“ die Atmosphäre und die Eigenart des Ortes in die Geschichte ein … Liebe Grüße!

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  4. Schönes Thema! Meine Schauplätze sind größtenteils erfunden oder allenfalls aus Versatzstücken der Realität zusammengepuzzelt. Trotzdem sind sie für mich mehr als die Folie auf der die Geschichte abläuft. Sie verankern sie durch Farben, Gerüche, Geräusche und andere Sinnesreize in Zeit und Raum und tragen so dazu bei, die Illusion von Realität zu erzeugen. Dabei liegt für mich der Fokus nicht auf den objektiven Gegebenheiten, sondern ich versuche wiederzugeben, was meine Figuren in ihr sehen, fühlen, erleben.

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    1. Ja, der fiktive Schauplatz ist noch einmal eine ganz andere „Geschichte“ 🙂 Er bekommt durch seine Einzigartigkeit noch mehr Gewicht und spiegelt, genau wie Du schreibst, die Sinneserfahrungen der Figuren wieder. Vielleicht könnte man sagen: Je „ausgedachter“ ein Schauplatz (bis hin zu Fantasy- oder Science-Fiction-Welten), desto wichtiger wird er für die Story … Liebe Grüße!

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  5. Bei mir kommt es stark darauf an, was genau jetzt eigentlich der Schauplatz ist.

    Für „Der Morgen danach“, das in Freiburg und Umgebung spielt, ist das Lokalkolorit nicht so groß ausgefallen, dass man von einem Lokalthriller reden könnte. Die Geschichte würde in ähnlicher Form auch anderswo funktionieren.

    Im Romantrio „Der Beobachter und der Turm“, „Der Ruf des Hafens“ und „Die Welt der stillen Schiffe“ habe ich mir die Nordseeinsel Nordersand mit dem vorgelagerten Festland ausgedacht. Hier achte ich sehr stark auch auf Kleinigkeiten und der Schauplatz ist mir sehr wichtig. Es fließen natürlich auch jede Menge Nordseeerfahrungen mit ein ;-).

    Generell neige ich allerdings dazu, den Schauplatz erst einmal zu vernachlässigen. Leider. Da kann es schon mal passieren, dass ich nicht mehr als eine vage Idee davon habe, wie ein Ort oder ein Haus eigentlich jetzt genau aussieht. Auch hier gibt es eine Ausnahme: Für „Darkride“, der in einem Freizeitpark spielt, habe ich sogar einen Parkplan gezeichnet – den ich größtenteils dann natürlich nicht gebraucht habe.

    Wie man es macht …

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    1. Geht mir genauso: Genrell rangiert der Schauplatz nicht besonders weit oben in meinem Schreibbewusstsein – deshalb fand ich das Zitat ja auch so spannend. Dennoch – scheint mir – läuft da viel im Unterbewussten ab. Das schließt gezeichnete Parkplätze mit ein 🙂
      Freiburg und Nordsee, hm, kenne ich beides gut – macht mich natürlich noch neugieriger …!
      Liebe Grüße!

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      1. Hehe, gute Frage 🙂 Was die Sprayergeschichte angeht, da hat sich der „andere“ Krüger in Frankfurt ausgetobt 🙂 Und, wie gesagt: ich denke, dass mir zwar klar war, wie wichtig der Schauplatz, aber nicht unbedingt bewusst. Oder so 🙂

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      1. Ich habe sonst noch: Louise Doughty „Ein Roman in einem Jahr“ und Ro Peter Clark: „Die 50 Werkzeuge für gutes Schreiben“, aber noch nicht ausführlich gelesen. Von Sol Steins und Stephen Kings Werk gibt es hier glücklicherweise in der Unibibliothek jeweils eine Ausgabe – ebenso von James Woods „Die Kunst des Erzählens“.

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  6. Das ist ja in der Lyrik nicht so ein Thema, sogar ein Gedicht über einen Ort müsste den nicht unbedingt beschreiben, könnte dessen Stimmung und Charakteristik auf anderer Ebene erfassen. Doch auch dazu sollte man die Atmosphäre des Ortes am eigenen Leibe erfahren haben, meine ich. Internetrecherche reicht da nicht, wenn’s gut werden soll.
    In Härtlings „Schumanns Schatten“ gibt es Beschreibungen von Innenräumen, dass man meint, sich dort blind orientieren zu können. Und in einer Sprache, die ein einziger poetischer Genuss ist.
    Bin etwas monomanisch zur Zeit, fürchte ich 😊

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