3. Teil, 3. Kapitel, 2. Szene

Schon am zweiten Tag seiner Wanderung brach ein Sturm los, nicht nur irgendeiner, sondern der Vater aller Stürme. Die Welt wurde durchgeschüttelt als wäre sie eine Christbaumkugel am Tannenbaum – eine zwischen nadelnden Zweigen vergessene Weihnachtskugel an einem Baum, der gerade aus dem Fenster im vierten Stock geschmissen wurde.

Jimmy-Boy mochte Weihnachten.

Er hatte die Stadt noch nicht weit hinter sich gelassen, als der Himmel sich verschattete und Blitze ihre scharfen Keile ins Gewölbe schlugen. Gerade noch rechtzeitig fand er, in einem ausgestorbenen Vorort, ein sicher scheinendes Haus mit Keller. Dort unten verkroch er sich für einen Tag, fand Kerzen und eine volle Kiste Bier, verstaubt aber trinkbar. Fast 24 Stunden trank und rülpste er, lauschte dem heulenden Krachen über ihm, dem wütenden Rütteln an alten Mauern, putzte seine Fingernägel mit dem neuen Klappmesser – Hygiene ist wichtig, hatte sein Daddy ihm eingebläut – und träumte vor sich hin.

Jim T. Kerk wusste, dass er zum Herrscher dieser Welt auserkoren war – auch wenn sein Königreich tot und öde vor dem Thron lag. Jimmy hatte es schon immer gewusst: Seit jenem, lang vergangenem Moment im Stadion, als er vier oder fünf gewesen war, nicht mehr als ein mit Babyspeck behafteter Trampel. Sein Vater hatte ihn auf die Schultern genommen und die Spielregeln erklärt, ohne dass Klein-Jimmy ein Wort kapiert hätte. Aber die geballte Kraft von 70.000 Menschen im Stadion, meist Männer, die hatte er sehr wohl gespürt. Der ekstatische Jubel, wenn ein Tor gelang. Die Verzweiflung, wenn der Ball über die Latte schoss. 70.000 Menschen voller Aggression und Begeisterung, die zwanzig kleinen Punkten auf dem grünen Rasen mit ihren Augen folgten, 140.000 Augen, die einer kleinen, weißschwarzen Kugel hinterher blickten. Wirklich etwas erkennen konnte Jimmy nur dank der großen Leinwand, auf der Kamerabilder übertragen wurden: Nahaufnahmen des nach dem Ball hechtenden Torwarts, Weitwinkel, wenn ein Stürmer vom Leder zog.

Über eine Stunde lang hockte Zwerg Jimmy auf den Schulterfelsen seines Vaters, der zusehends unruhiger wurde. »Wir verlieren«, knurrte er und zerrte so fest an Jims Beinen, dass es wehtat. Die gegnerische Mannschaft führte mit einem Tor, der Schlusspfiff war nah; zum ersten Mal in seinem Leben erahnte Jimmy das Konzept von Zeit und der Endgültigkeit, wenn ein bestimmter Punkt auf dieser unendlichen Linie erreicht war. Wir verlieren, dachte auch er, fühlte sich selbst verloren im Dunst von Schweiß, Bierdampf und Bratwurst. Er kannte den Namen der Mannschaften nicht, wusste nur, dass die weißen gut, die blauen schlecht waren. Wir, das waren die weißen. Aber die blauen lagen vorne. »Noch eine Minute!«, zischte sein Vater. Als nächstes schoss der Ball weit über das Feld, wurde von der Brust eines Weißen gestoppt, landete auf dessen Fuß, wurde getreten, sauste, vom Brüllen des Menschenmeeres begleitet, zwischen den gespreizten Beinen des gegnerischen Torwarts hindurch. Jubel. »Ein Unentschieden langt nicht«, keuchte Jimmys Vater mit neuer Hoffnung. »Nur noch 30 Sekunden.« Baby-Jimmy-Boy ballte seine kleinen Fäuste. Wir gewinnen, dachte er. Wir gewinnen. Wir müssen gewinnen.

Das Tor fiel, als der Schiedsrichter seine Pfeife schon zwischen den Lippen hatte. Die Fans der Weißen jubelten vor Erlösung, und in diesem Augenblick zeigte die haushohe Leinwand, die wie ein Versprechen, eine Vision an einer Seite des Stadions hing, ihn, Jimmy. Jimmy-Boy, wie er auf den Schultern seines Vaters zappelte, die Ärmchen hochgerissen, die Lippen verzaubert mit einem Lächeln, die dünnen Haare gerauft, die Augen glänzend vor Begeisterung. Die Kamera blieb lange auf ihm, konnte sich nicht sattsehen an dem kleinen Kerl, diesem Symbol eines unwahrscheinlichen Sieges, zoomte vor und zurück, das Brüllen der Fans steigerte sich zum Blutrausch. Jimmy sah sich selbst in diesem gigantischen Spiegel, und mit einem Mal wusste er: Sie jubeln mir zu! Ich bin der König dieser Welt. So jung er auch gewesen war, an diesem Nachmittag im Stadion, dieses Erlebnis hatte er nie vergessen.

Über ihm toste der Sturm.

In Jimmy T. Kerk toste der Jubel.

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3 Gedanken zu “3. Teil, 3. Kapitel, 2. Szene

  1. Hierzu fällt mir nur eins ein: Jimmy-Boy erinnert sich! Er erinnert sich an einen Besuch im Stadion als fünf-jähriger mit seinem Vater. Auf der See, wo Simon und die anderen her kommen, war ja schon die Sprache eingeschränkt, weil keiner nix wußte. Lief auf dem Land wohl anders …

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