3. Teil, 3. Kapitel, 1. Szene

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»Runter!«, rief Simon.
Joshua stand noch immer mit dem Rücken zur Tür, verschwendete aber keinen Blick über die Schulter sondern warf sich ohne jedes Zögern zur Seite.
Segur sah das Messer wie eine blitzende Scherbe in der Luft, sah die vibrierende, haltende Hand und die verschwommene Gestalt dahinter. Drei kontrollierte Schüsse gab er ab, dreimal hustete die P12 des Mârins, drei Löcher stanzten die Projektile in die Hüttenwand.
Zu langsam, staunte es in Simons Kopf. Ich bin zu langsam.
Oder der Flitzer zu schnell.

Flitzer. Manche nannten sie auch Speedies. Sie gaben den dunklen Zwilling zu den Frosties, das zappelnde Gegenstück zu Vergessen, Verstummen und Erstarrung. Als wolle die Medusa die Menschheit verlachen, verlief die Krankheit in seltenen Fällen in die entgegengesetzte Richtung: Flitzer bewegten sich nach dem Gorgonenblick mit irrsinniger Geschwindigkeit. Nicht, dass sie rannten, oh nein. Sie schienen vielmehr in einer anderen Zeit, in einem anderen Raum zu existieren. Als würde die Zeit selbst zusammengequetscht, huschten Flitzer wie lichtschnelle Schemen durch das Sein, schneller und noch schneller werdend. So wie Frosties stetig langsamer wurden, so beschleunigten die Flitzer ihren Bewegungsablauf. Sie starben rasch, aber grausam: Irgendwann wurden Luftwiderstand und Reibung zu groß – die Flitzer entzündeten sich. Flammen leckten an ihrer Haut auf, orangerote Zungen schleckten die Glieder entlang. Sie verbrannten.
Der Fluch der Gorgone war ein zweischneidiges Schwert.

Simon erkannte den Flitzer nur als menschlichen, mit einem Mal viel zu nahen Umriss. Schon schoss das Messer auf seine Kehle zu, nicht mehr als ein verschwommener Blitz aus Stahl – eine Bewegung, zu schnell, als dass seine Augen die einzelnen Bilder zusammensetzen konnten. Der Seelord wich im letzten Moment aus. Spürte den Schnitt an seinem Hals. Und schoss ein viertes Mal.

Blut spritzte. Der Angreifer, bis jetzt stumm wie eine Welt unter Wasser, stieß einen schrillen, hohen Schrei aus. Endlich griff Joshua ein, rammte den Flitzer von der Seite, warf sich auf ihn und drückte den zitternden, schwingenden Körper zu Boden. Blut vermischte sich mit Staub. Mit Grauen beobachtete Simon, wie die verwischten Bewegungen, die grotesken Schatten aus Licht langsamer wurden. Auch die Frequenz der Schreie sank, die Stimme klang tiefer. Simons Ohren fischten einzelne Buchstaben heraus: »Dertodschreitmichanerschreitsolautersollstillsein …«

Zusammen mit dem Blut aus der Schusswunde schien auch die Geschwindigkeit aus dem Mann zu fließen. Noch tiefer wurde seine Stimme, die Buchstabenreihe zerfiel zu Wörtern und Sätzen. Simon beugte sich über ihn. Lauschte angespannt. »Der Tod schreit mich an. Er schreit so laut. Er soll still sein, still sein …«

»Still!«, ächzte der Flitzer ein letztes Mal und erschlaffte.

Joshua rappelte sich auf. Wischte Blut und Staub von seiner Jacke. Tippte mit dem Stiefel an die Leiche, nickte grunzend. Drehte sich endlich zu Segur und musterte dessen Hals. »Du blutest«, erklärte er leise. »Ist aber nur ein Kratzer.«

Benommen nickte Simon. »Das macht mir keine Sorgen.«

»Sondern?«, fragte Gillroy.

Simon schloss die Augen, atmete tief den Gestank von Blut und Schweiß und muffiger Hüttenluft. Riss die Lider auf und starrte in Joshuas Gesicht. »Ich war zu langsam«, sagte Simon Segur. »Warum war ich so langsam?«

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3 Gedanken zu “3. Teil, 3. Kapitel, 1. Szene

  1. Warum Simon so langsam war? Tja, ein Flitzer wird er wohl nicht werden … Ich finde, hier, wie zwar schon bei dem Vater von dem jungen Kerl angekündigt, noch mal so ein bisschen Grusel einzuführen, mag Liebhaber des Genres zwar freuen, doch ich will endlich Antworten! Die bisherigen Protagonisten konnten die Dinge schlecht erhellen, denn sie litten ja alle an Amnesie und sind fast alle tot. Also was ist nun mit der Medusa, den merwürdigen Insekten? War es ein Gen-Experiment, das schief ging? Ich würde den Figuren gerne folgen, auch wenn ich weiß, was los ist.

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    1. Ich fürchte, da muss ich Dich abermals enttäuschen. Wie gesagt, ist „Elmsfeuer“ nur der erste Band einer sehr viel größeren Geschichte – das Rätsel um die Medusa (nein, kein Gen-Experiment 🙂 ) wird noch nicht gelöst. Aber es wird Hinweise geben. Und clever sowie literarisch versiert Du bist, ahnst Du ja dann vielleicht, wohin die Reise gehen wird. Meinen herzlichen Dank und liebe Grüße!

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