3. Teil, 2. Kapitel, 2. Szene

Simon war so weit davon entfernt wach zu sein wie die MS Cohiba draußen in ihrem Bett aus Eis vom Festland. Noch viel zu tief steckte der Schlaf in seinem Körper, ein zweites Skelett, das sein Denken und Handeln verlangsamte. Als die P 12 endlich in seiner Hand lag und ihr metallisches, schwarzes Loch auf die Tür zeigte, war sie bereits – leise knarrend – weit aufgeschwungen. Hatte ein Rechteck aus Sonnenlicht freigegeben, in der sich ein menschlicher Schatten abzeichnete, die schwarze Silhouette eines Mannes.

Sie machte einen Schritt vorwärts.

»Halt!«, krächzte Simon.

»Oder was?«, fragte der Schatten.

Segur erkannte die Stimme, ließ seine Waffe sinken. Gegen Gespenster waren Kugeln machtlos.

»So schnell wirst du mich nicht los«, sagte Joshua Gillroy und trat in die Hütte, verwandelte sich von einem Schattenriss in ein atmendes, menschliches Wesen. Schob mit einem Fuß die Tür zurück ins Schloss.

»Beim schwarzen Sturm!«, rief Simon und sprang auf. »Du lebst!«

Umarmungen waren Seelords so fremd wie einem Wurm die Freuden des Fliegens. Von Kindheit an wurden sie trainiert, lernten ihren Körper zu beherrschen, zu kontrollieren bis in die Zehenspitzen hinein, ihn als Waffe einzusetzen. Umarmungen gehörten nicht zu diesem Programm. Jetzt aber stürzte Simon auf seinen Freund, packte den Mârin und drängte sich an ihn, fast zu eng, einem Liebhaber gleich, verschränkte seine Arme hinter Joshua, legte sein Kinn auf dessen Schulter.

Gillroy tätschelte Simons Rücken. »Mârin, du vergisst dich!« Ein schwaches Lächeln. „Du stinkst wie ein Fischkadaver in der Sonne.“

Simon ließ los und rückte ab. Musterte Joshuas struppig langgewachsenen Bart, die Ringe unter seinen Augen, die bleiche, kränkliche Haut. »Ich sah dich sterben.«

Joshua zuckte nur mit den Achseln. Grinste sein Gillroy-Grinsen. Sagte nichts.

Noch einmal berührte Simon ihn, boxte ihm schließlich an die Schulter, vergewisserte sich, dass da keine Traumgestalt vor ihm stand. »Wie hast du mich gefunden?«

»Ach, Segur«, antwortete Joshua. »Ich war immer der beste Aufklärer von uns allen – hast du das vergessen? Deinen Spuren hätte ein Kind folgen können.« Er trat einen Schritt zurück, schaute sich in der Hütte um. »Deiner Spur«, wiederholte er und betonte das erste Wort dabei. »Singular.«

Diesmal war es Simon, der schwieg.

»Lorielle?«

Nun machte auch Simon einen unsicheren Schritt zurück. Schüttelte den Kopf.

Gillroy rieb sich mit beiden Händen über das Gesicht. »Segur, du verfluchtes, ehrloses Arschloch. Du …« Weiter kam er nicht.

Denn hinter ihnen knarrten es leise.

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12 Gedanken zu “3. Teil, 2. Kapitel, 2. Szene

  1. Wer hat Dir eigentlich erlaubt, eine so kurze Szene zu schreiben? 😉 Vielleicht kommt es mir auch nur so vor … Es ist ja auch alles da: Hochspannung, Wiedersehen von Joshua und Simon plus Cliffhanger! Und eben auch ein Rätsel. Warum ist Simon so müde – wird er zum Frostie??? (Damit hätte ich nie gerechnet! Oder will es nicht wahrhaben.) Alles klasse!

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    1. Puh! Endlich mal eine gänzlich kritikfreie Szene 🙂 Meinen herzlichen Dank! Da ich mich langsam dem Ende von Band 1 nähere, überlege ich tatsächlich, ob ich die Frequenz der Texte erhöhe. Bis jetzt poste ich jeden zweiten Tag – auf eine Manuskriptpassage folgen zwei Blogbeiträge zum Thema Schreiben und dann wieder Manu. Was wäre Dir/was wäre Euch lieber? Häufiger Manuskriptseiten? Oder in diesem Rhythmus weitermachen?
      Liebe Grüße!

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