Welcher AutorInnen-Typ bist Du? (5)

Teil 5: Annette von Droste-Hülshoff oder Andreas Eschbach

Dieser Teil meiner kleinen Typologie setzt sich noch einmal mitten hinein in die wohlige Whirlpool-Wärme von Schriftsteller-Klischees. Es geht um den Unterschied zwischen dem leidenden Künstler, der getrieben wird (und deshalb schreiben muss) und dem fröhlichen Handwerker, dem diese genialische Pose herzlich fremd ist: Er schreibt, weil er Spaß daran hat.

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Quelle: Stefan Kühn via Wikipedia

Als Beispiel für den getriebenen, den manisch-zwanghaft Schreibenden drängt sich mir neben Franz Kafka die Droste auf (außerdem fehlt in dieser Rubrik bis jetzt die Lyrik). Ihre Biografie zeichnet sie als für damalige Zeiten typisch „gefangene“ Frau, die sich einzig in ihren Gedichten befreien kann. Wie etwa auch bei Hölderlin hat ihr Schreiben etwas Lebensnotwendiges und von großem Leid Geprägtes. Am deutlichsten empfand ich das stets in ihrem Gedicht „Am Turme“, das mit folgenden Strophen beginnt:

Ich steh‘ auf hohem Balkone am Turm,
Umstrichen vom schreienden Stare,
Und lass‘ gleich einer Mänade den Sturm
Mir wühlen im flatternden Haare …

In den nächsten Zeilen schaut das lyrische Ich hinab auf das Meer, stellt sich vor, wie es sich jagend im Wasser tummelt oder auf einem Schiff kämpferisch das Ruder hält. Aber all das ist nur Imagination. Droste-Hülshoffs Gedicht endet seufzend in der Realität:

Wär‘ ich ein Jäger auf freier Flur,
Ein Stück nur von einem Soldaten,
Wär‘ ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der Himmel mir raten;
Nun muß ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,
Und darf nur heimlich lösen mein Haar,
Und lassen es flattern im Winde!

Der letzte, hoffnungslose Satz ist von monumentaler Kraft: Annette von Droste-Hülshoff kann in ihrem wirklichen Leben nicht mehr tun, als in aller Einsamkeit ihren kunstvoll aufgetürmten Haar-Käfig zu lösen.

Und in/durch/mit ihrem Leid schreibt sie. Muss sie schreiben.

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Quelle: Martin Kraft via Wikipedia

Mein Beispiel für die Gegenposition ist Andreas Eschbach: Auf einen Geldschein hat er es noch nicht gebracht, aber sehr wohl zu einem der erfolgreichsten deutschsprachigen Autoren. Bekannt wurde er mit seinem (später verfilmten) Thriller „Das Jesus-Video“. Auf seiner übrigens so hilfreichen wie lesenswerten Homepage schreibt er unter der Rubrik ‚Übers Schreiben‘: „Wenn einem die Tätigkeit des Schreibens an sich keinen Spaß macht, dann sollte man es lassen. Wenn man es nicht liebt, zu schreiben, sondern geschrieben zu haben, dann quält man sich nur unnötig. Mir persönlich geht es so, daß ich es einfach genieße, zu schreiben – auf den Tasten herumzuhacken und zu sehen, wie sich da Worte formen …“

Hier spricht ein Autor, der den Flow genießt, dem das Formen von Worten und Geschichten einfach Spaß macht. Sehr interessant fand ich die feine Differenzierung zwischen jenen, die das Schreiben erfüllend finden und anderen, die es lieben etwas geschrieben zu haben.

Ich denke, heute gibt es wesentlich mehr AutorInnen, die hauptsächlich aus der Lust am Schreiben heraus ihre Texte formen. Aber auch die getriebenen DichterInnen wird es wohl noch geben. Wie sieht es bei Euch aus? Seid Ihr fröhliche Handwerker? Oder müsst Ihr schreiben?

Bildquelle Andreas Eschbach: Martin Kraft – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, Link

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20 Gedanken zu “Welcher AutorInnen-Typ bist Du? (5)

  1. Lieber Simon, ich kann mich nicht entscheiden, auf mich trifft beides zu. Manchmal bin ich getrieben. Dazu muss ich sagen, dass ich überzeugter Tagebuchschreiber bin. Da MUSS ich manchmal einfach etwas loswerden. Wenn Schreiben die Art von jemand ist, Dinge zu verarbeiten, dann ist es ein Zwang ein Stück Papier zu schnappen, um den Kopf leer zu bekommen. Wenn ich Geschichten schreibe, dann habe ich Lust an der Sprache, die meine Muttersprache ist und die ich liebe. Hier „spiele“ ich mich und habe Freude am Ausdruck, am Texten und versuche mit Wörtern etwas zum Leben zu erwecken. Das ist dann kein Zwang, sondern Lust und Spieltrieb. Wenn die Geschichte dann endlich fertig ist … hm … auf zur nächsten Story, die geschrieben werden will. 🙂 Bin ich eitel? Ja vielleicht. Aber ich empfinde das als positiv.

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    1. Oh, da bin ich ganz bei Dir: „Eitel“ ist auf bestimmte Weise genauso positiv für mich wie Egoismus 🙂
      Interessant Deine Tagebuchgedanken: Das ist freilich eine Zwischensphäre, die nicht immer Literatur sein will, sondern ein Gespräch mit sich selbst. Aber was, wenn im Tagebuch manchmal lyrische Zeilen eignefügt werden aus der jeweiligen Gefühlslage heraus? Spannend. Jedenfalls vielen Dank für diesen Deinen Kommentar!

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    1. Find ich gut, dass Du darüber gar nicht groß nachdenkst. Bei mir ist das anders, da steht die Selbstreflexion manchmal dem Schaffen im Weg 🙂 Andererseits liebe ich einfach solche menschlichen, philosophischen Betrachtungen zum kreativen Schaffensprozess. Liebe Grüße!

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  2. Dieses „Getriebensein“ und „Schreibenmüssen“ gibt es sicherlich, ich reagiere oft aber eher misstrauisch auf diese Behauptung. Zu leicht lässt sich daraus auch eitle Pose machen, romantisch verwertbar im Geschäft des Literaturbetriebs – heute. Über Droste und ihre Zeit weiß ich zu wenig, um dazu etwas zu meinen.
    Jedenfalls schreibe ich gerne, genieße es auch, aus chaotischem Gedankengestrüpp allmählich Struktur entstehen zu lassen – und das hat viel mit Klärung der Gedanken durch das formale Strukturieren zu tun, für mich mit das Spannendste in der Lyrik. Also durchaus Freude am Handwerk, Genuss des Flow (wenn er denn fließt) und Stolz auf gelungene Arbeit. Kein Schreiben ohne Freude an der Werkvollendung, glaube ich.

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    1. Wie recht Du hast: Die „Pose“ des getriebenen Künstlers wirkt seit dem Geniekult im 19. Jahrhundert nach. Andererseits gibt es schon Künstler – von Kafka bis van Gogh – die ihre Kunst betrieben, um überhaupt zu überleben. Da passt „Getriebensein“ schon sehr, finde ich.
      Deine Beschreibung des kreativen Prozesses erinnert mich an ein Stück Lieblingsprosa von mir: Kleists „Über die allmächliche Verfertigung der Gedanken beim Reden“. Kennst Du das?
      Liebe Grüße!

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      1. Toll, dass du mich daran erinnerst! Das habe ich vor Jahren im Studium gelesen und es unter der Lawine alles weiteren Lesens und Lebens vergessen. Der Text wird sofort ausgegraben und wiederbelebt – danke für diese Anregung.

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  3. Gerne doch – viel Spaß! Dieser und Kleists „Marionettentheater“ gehören für mich zu den schönsten Prosatexten, die ich gelesen habe. Und sind – streng genommen – noch nicht mal „Literatur“ …

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  4. Ich habe das tiefe und dauerhaft ununterdrückbare Bedürfnis Geschichten zu erzählen, immer schon. In geschriebener Form bietet es sich an, weil man a) mehr Zeit zum Ausformulieren hat und b) die grimmigen Passagiere morgens im Bus merkwürdigerweise nicht begeistert reagieren, wenn man anfängt, über die magischen Begebenheiten im eigenen Kopf zu erzählen. Gottseidank gibts da draußen andere, die sich mehr für meinen Kopfinhalt interessieren als die Banausen um Bus. 😉

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    1. Ah, das ist natürlich auch eine – die schönste – Form des Getriebenseins: Der Wunsch Geschichten zu erzählen. Die Gabe und die Lust Fantasie und Gefühle in eine Geschichte zu schmieden. Wundervoll! Und hast Du das schon mal ausprobiert, Deinem grimmigen Busnachbarn am Morgen von Drachen zu erzählen? Vielleicht gefällts ihm ja doch 🙂 Liebe Grüße!

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