3. Teil, 2. Kapitel, 1. Szene

Jim Kerk ballerte noch ein paar Frosties die Köpfe weg, dann hüpfte er über die schwarzgelb bemalte Schranke der Grenzstation West. Signalfarbe, dachte er und streckte ihr die Zunge raus – denn diese spezielle Wespen besaßen schon lange keinen Stachel mehr. Manchmal fragte er sich, wie viele Immune es geben mochte. Die Welt war groß, die Bevölkerungszahl bei Ausbruch der Medusa hatte bei knapp 10 Milliarden gelegen – äußerst unwahrscheinlich, dass Jimmy T. Kerk der einzige war, dem die Krankheit nichts anhaben konnte. Mathematik war nicht so seins, aber mit einem Taschenrechner konnte er umgehen. Und so schwierig war die Rechnung nicht, schließlich war er kein Trottel. Sollten auch nur ein Prozent der menschlichen Rasse überlebt haben, waren das rund 100.000. Die Hälfte davon mochte in den letzten Jahren anderweitig in die große Dunkelheit gegangen sein, Alte und Kinder, Kranke und Unvorsichtige. Außerdem sank die Lebenserwartung ohne die Segnungen der Zivilisation drastisch. Scheiße Mann, heutzutage konnte man schon an einem vereiterten Zahn krepieren. Blieben, schätzte Jimmy-Boy, so 50.000 Überlebende. Pro Kontinent 10.000. Vielleicht noch ein paar auf den Weltmeeren, obwohl er von denen lange nichts gehört hatte. Wahrscheinlich, dachte er, waren die schon längst abgesoffen. Summa summarum (ach, wie liebte er diesen Ausdruck) mussten in jedem Land, je nach Größe, ein paar hundert Immune durch eine leere Welt schlurfen.

Theoretisch.

Getroffen hatte er noch keinen.

Seit fünf Jahren nicht. Und davor nur seinen Daddy, den guten, alten Kerk Senior. Weggesperrt hatte der Jimmy-Boy, ihn bewahrt vor der wachsenden Hysterie, den zwar seltenen, aber doch gefährlichen Ausschreitungen. Vor fünf Jahren war er abgenippelt, mutierte zu einem Flitzer, rannte durchs verrammelte Haus, wurde immer schneller, bis, zackbumm, er zu Asche verbrannte.

Jim hatte sich kaputtgelacht.

Innerlich natürlich.

Kurz darauf hatte er Türen und Fenster aufgebrochen, sein Elternhaus verlassen und seinen 22. Geburtstag mit einem Besäufnis gefeiert, zu dem keiner kam. Dafür leerte er die teuersten Flaschen Wein und Whisky, drehte die Boxen bis zum Anschlag. Keiner trank mit ihm, aber es beschwerte sich auch keiner über den Lärm. Ein Jahr später war Strom schon sehr viel seltener geworden: die Steckdosen leergetankt, die Generatoren und Notaggregate im Arsch. Und die wenigen Batterien, die Jimmy-Boy fand, nutzte er nur selten und zögernd.

In seinen neuen Wanderstiefeln marschierte er nach Westen. Wieder pfiff er, natürlich die Titelmelodie von Raumschiff Enterprise. Schon sein Vater war großer Star-Trek-Fan gewesen und hatte, begeistert ob der Ähnlichkeit im Nachnamen, seinen einzigen Sohn nach dem Kapitän der Enterprise benannt: Jim T. Kerk.

Wie komisch.

Jimmy-Boy folgte pfeifend der Straße. Löwenzahn, Weiden und Birken hatten den Asphalt schon längst zurückerobert und aufgebrochen; man lief auf dem schwarzgrauen Band wie auf einem Streifen dicht bewachsenen Moores. Autowracks wie Dinosaurierskelette, Leitplanken wie aneinandergereihte Mikadostäbe eines Riesen.

Jimmy T. Kerk pfiff und lief, drang dabei in Galaxien vor, wie sie noch nie ein Mensch zuvor gesehen hatte.

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7 Gedanken zu “3. Teil, 2. Kapitel, 1. Szene

    1. Das erleichtert mich jetzt ganz außerordentlich, dass Dir die Jim-Figur gefällt! Ich wollte als Antagonisten für den „kühlen“ Segur einen schrilleren, nicht unbedingt unsympathischen Charakter, der recht vielschichtig angelegt ist. Freu mich!
      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

  1. Muss ich eigentlich zu jedem neuen Kapitel einen Kommentar schreiben? Ja, ich muss! Weil ich hier jedes Mal qualitativ hochwertiges lese. Weil ich das Gefühl vermittelt bekomme, hier entsteht vor meinen Augen ein Roman. (Es kann ja sein, dass längst alles schon fertig geschrieben ist.) Hurra, es gibt etwas Neues – eine neue Todesart: das Flitzen mit so einer Art Selbstentzündung. Dieses Thema habe ich mal in einer Akte X Folge gesehen. Was die Weltbevölkerung angeht sind wir wohl aktuell bei über 7 Milliarden, hier werden knapp 10 Milliarden zugrunde gelegt. So lange ist das nicht mehr hin, nicht wahr? Ich bin auch keine Leuchte in Mathe, daher finde ich es zwar nachvollziehbar aber doch nervig den Rechenweg zu verfolgen, bei dem ein paar hundert Immune übrig sind. Pro Land. Nur getroffen hat Jim noch keinen. Viel Aufwand für diesen einen Gag. Gespalten bin ich bei Kirk und Raumschiff Enterprise. Ich bin so ein großer Fan der Originalserie, dass mir der Schlusssatz schon vorkommt wie Blasphemie. Auf der anderen Seite ist es doch schön, dass in dieser Welt gute Sachen überdauern.

    Gefällt 2 Personen

    1. Und ich freue mich stets diebisch auf Deinen Kommentar. Nicht nur ob Deiner Komplimente (natürlich auch deshalb), sondern ob Deiner intelligenten und hilfreichen Kritik. Insofern abermals: Meinen herzlichen Dank! Das Rechenexempel werde ich – da kann ich Dir gut folgen – ein wenig zurechtschneiden. Und dass Du den Schlusssatz blasphemisch findest, ist klasse: wie erhofft!

      Gefällt 1 Person

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