Schnee in Literatur und Kunst

lowe-im-schneeNachdem ich vor einigen Wochen hier meine Winter-Sehnsucht ausdrückte, ist der Schnee jetzt endlich überall angekommen. Zeit also (bevor die vielbeschworene „weiße Pracht“ wieder wegtaut), meine Lieblings-Zitate zu diesem Thema in Literatur und Kunst zum Besten zu geben.

Denke ich an meine gelesenen Schneeerfahrungen zurück, so fallen mir – neben Høegs „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ vor allem Märchen von Rilke und den Grimms ein, aber auch Jack Londons „Wolfsblut“.

Besonders beeindruckend fand ich außerdem diese Passage:

“(… ) Jedoch liebte Hans Castorp das Leben im Schnee. Er fand es demjenigen am Meeresstrand in mehrfacher Hinsicht verwandt: die Urmonotonie des Naturbildes war beiden Sphären gemeinsam; der Schnee, dieser tiefe, lockere, makellose Pulverschnee, spielte hier ganz die Rolle wie drunten der gelbweiße Sand; gleich reinlich war die Berührung mit beidem, man schüttelte das frosttrockene Weiß von Schuhen und Kleidern wie drunten das staubfreie Stein- und Muschelpulver des Meeresgrundes, ohne daß eine Spur hinterblieb, und auf ganz ähnliche Weise mühselig war das Marschieren im Schnee wie eine Dünenwanderung, es sei denn, daß die Flächen vom Sonnenbrand oberflächlich angeschmolzen, nachts aber hart gefroren waren: dann ging es sich leichter und angenehmer darauf als auf Parkett – genau so leicht und angenehm wie auf dem glatten, festen, gespülten und federnden Sandboden am Saume des Meeres.”

Thomas Mann war es, der 1924 im berühmten Schneekapitel des „Zauberberg“ diese interessante Beobachtung anstellte und Schnee mit Sand bzw. dem Meer verglich.
Etliche Jahre früher wurden folgende Zeilen geschrieben, die mir ebenfalls lange im Gedächtnis blieben:

“(…) Die hinter ihnen liegenden Fußstapfen waren jetzt nicht mehr lange sichtbar; denn die ungemeine Fülle des herabfallenden Schnees deckte sie bald zu, daß sie verschwanden. Der Schnee knisterte in seinem Falle nun auch nicht mehr in den Nadeln, sondern legte sich eilig und heimlich auf die weiße schon darlegende Decke nieder. (…) Sie blieben noch ein wenig länger stehen, aber es meldete sich nichts, es war nicht ein einziger Laut, auch nicht der leiseste außer ihrem Atem zu vernehmen, ja in der Stille, die herrschte, war es, als sollten sie den Schnee hören, der auf ihre Wimpern fiel.”

Aus Adalbert Stifters Erzählung „Bergkristall“ von 1845 stammt diese Beschreibung, die vor allem auf den Hörsinn Bezug nimmt – ich meine jenes (durch den veränderten Luftdruck entstehende) faszinierende Phänomen, dass eine Schneedecke tatsächlich Klang und Schall dämmt und uns eine verzauberte Form von Stille nahebringt. Wer diese romantisch-berührende Weihnachtsgeschichte noch nicht kennt, kann sie online im Projekt Gutenberg nachlesen. Oder noch besser gleich ein Bändchen mit Stifter-Novellen kaufen  :-).
Und noch ein dritter literarischer Stiefelschritt durch Schnee und Eis aus einem meiner Lieblingsbücher sei hier zitiert:

“(…) Einmal, nachdem die armen Zugtiere mich mit unglaublicher Anstrengung auf den Gipfel eines steilen Eisberges hinaufgeschleppt hatten, wobei eines davon unter der Überanstrengung zusammenbrach und verstarb, wollte die unermeßlich vor mir sich dehnende Weite mich schon mit Angst erfüllen, als ich urplötzlich eines dunklen Flecks inmitten der verdämmernden Ebene ansichtig ward.”

Mary Shellys 1818 (anonym) veröffentlichter Doktor Frankenstein spricht hier, der seinem melancholisch-mordenden Geschöpf bis zum Nordpol folgte – ein guter Platz übrigens für einen Showdown  :-).

Shelly beschreibt den „dunklen Fleck im Weiß, jener Punkt aus Mensch, Haus oder Monster, durch die der Schnee erst greifbar und verstehbar wird. In der bildenden Kunst ist’s oft ein Baum, der das Phänomen Schnee erlebbar macht. Hier Beispiele meiner beiden liebsten Bäume-im-Schnee-Maler:

Pieter Brueghel d.Ä., Bauernbrueghel genannt, und Caspar David Friedrich zeigen auf ihre spezifische Art die Welt bei Schnee und Eis – auf die denkbar unterschiedlichste. Zwischen ihren Bildern liegen nicht nur rund 200 Jahre, sondern auch wahre Welten: Während Breughel seine Bilder mit trubelnden Menschenmassen (Shellys „dunkle Flecken“) bevölkert, feiert CDF die große Romantik der Einsamkeit. Und dennoch nutzen diese beiden Maler den Baum im Schnee als Zeichen, als Signum.

Was die Klassische Moderne angeht, da ist Ernst Ludwig Kirchner mir der liebste Schneemaler – etwa sein Bild „Davos im Schnee“ aus dem Jahr 1921:

kirchner_davos_im_schnee

Und auch heutzutage lässt die Künstler das Thema nicht los: Emma Stibbon etwa porträtiert Schnee und Eis in wunderbaren Grafiken, Philipp Messner schießt mit Kunstschnee-Kanonen und Simon Beck geht einen ganz eigenen Weg – er tritt seine „Snowart“ mit den eigenen Füßen ins unberührte Weiß.

Das waren sie, meine persönlichen Highligths in Literatur und Kunst. Habt Ihr Lieblingsbilder oder -texte zum Thema Schnee?

Bildquellen:

  • Detail aus „Volkszählung in Bethlehem“, Königliches Museum der Schönen Künste in Brüssel, Google Art Project, via Wikipedia Commons  
  • Detail aus „Hünengrab im Schnee“, Galerie Neuer Meister in Dresden, via Wikipedia Commons
  • Selbstporträt von Caspar David Friedrich im Alter von 36 Jahren (damals gab’s offenbar auch schon eine Vollbart-Mode), Graphische Sammlung in Berlin, via Wikipedia Commons
  • Mögliches Selbstporträt von Pieter Brueghel in der Federzeichnung „Maler und Käufer“, Albertina in Wien, via Wikipedia Commons
  • „Davos im Schnee“, Kunstmuseum in Basel, via Wikipedia Commons
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24 Gedanken zu “Schnee in Literatur und Kunst

  1. Sehr anregende Aufzählung. Mir gefällt auch Gutersons Schnee, der auf Zedern fällt und Thomas Langs Than neben all den Expeditionsberichten über Nord- oder Südpolfahrten, die eine Menge unterschiedlichen Schnees und Eis auf fröstelnd feine Art beschreiben. Kirchner ist auch mein Lieblingsschneemaler, es scheint, er benutzt alle Farben außer weiß … 🙂

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  2. Feine Auswahl. 🙂
    Frøken Smilla gehört zu meinen literarischen Top-Favoriten. 🙂 Und „Snow Falling on Cedars“ fand ich auch beeindruckend. Spontan fällt mir noch “1222“ von Anne Holt ein.
    „Engler i snøen“ von Anita Lund ist aus meiner Sicht ein ganz wunderbares Schneebild.
    Und besonders erwähnen möchte ich noch die Musik auf Eisinstrumenten von Terje Isungset.

    Gefällt 3 Personen

    1. Vielen, vielen Dank für Deine Hinweise: Eismusik – genial. Schon allein das rhythmisch-knirschende Takt-Stampfen im Schnee. Kannte ich noch nicht! Auch „1222“ blieb bisher ungelesen, wird jetzt aber alsbald aufgeschlagen. Also: Merci beaucoup!!

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  3. Danke für diesen schönen Beitrag zu einem Thema, das mir sehr am Herzen liegt ! Ich möchte noch den Hinweis auf ein Buch beitragen, das ungemein schräg ist, wie alle Bücher, die ich von dem Autor kenne und in dem der Schnee eine tragende Rolle spielt: „Schnee“ von Orhan Pamuk. Ein Wunder, dass es unter Erdogan noch nicht zensuriert wurde, aber vielleicht ist die Kunstzensur in der Türkei einfach noch nicht soweit

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    1. Bitte, bitte – freut mich sehr, dass der Text gefällt 🙂 Und allerherzlichen Dank für Deinen Hinweis! Von Pamuk kenne ich bisher nur „Das neue Leben“ – wird Zeit, diesen begrenzten Blick mit „Schnee“ zu erweitern. Merci!

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      1. „Schnee“ habe ich in den vergangenen Wochen wieder gelesen – ich mag nicht alle Romane von Pamuk, diesen hier aber sehr. Vor allem wegen seiner politischen Komponente, aber auch wegen den poetischen Schneebeschreibungen:
        „Wäre der Reisende am Fenster nicht so müde von der Fahrt gewesen und hätte er etwas mehr auf die wie Flaumfedern vom Himmel fallenden Flocken geachtet, dann hätte er womöglich den starken Schneesturm, der da aufzog, gespürt und gefühlt, dass er sich auf eine Reise machte, die wohl sein ganzes Leben verändern würde, und wäre umgekehrt.“

        Und ebenfalls türkischer Schnee: „Ein Winter in Hakkari“

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  4. Ein lesenswerter Artikel zum Thema Schnee (inzwischen bin ich wohl eher in Richtung Frühlingssturm unterwegs).
    Meisterwerke, in denen Eis und Schnee fast die Protagonisten sind, hat Jon Kalman Stefansson geschrieben, dessen Werk „Himmel und Hölle“, 2011 erschienen, Teil einer Trilogie (alle äußerst dramatisch und poetisch zugleich, seeeehr spannend!) ich vor einigen Jahren rezensiert habe:
    https://ulerolff.net/2016/08/02/himmel-und-hoelle-von-jon-kalman-stefansson/
    Besonders krass, wenn man die Bücher während einer Hitzewelle im August liest, aber auch im Winter wirken sie gut.

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