3. Teil, 1. Kapitel, 2. Szene

Folge dem Stern, sang das Elmsfeuer im Traum. Und Simon Segur, er gehorchte diesem Lied, sobald er wach wurde. Ging stur Richtung Norden, folgte zwei Tage lang dem Fluss, bis der nach Westen abbog. Die Landschaft dehnte sich auseinander wie auf Gottes Streckbank gezerrt: flache Äcker und Wiesen, ein paar Hügel, vereinzelte Bäume. Viel Leere und Himmel dazwischen. Vorsichtiges Grün, noch frühlingsschwach. Keine Häuser. Keine Menschen. Auch keine weiteren Frosties mehr. Keine Flitzer.

Jeden Morgen, wenn Simon aufwachte, spürte er in sich hinein, tastete nach Spuren, die von der Medusa stammen mochten. Fand nichts.

Hunger war ein größeres Problem: Weder Beeren noch Pilze fand er, die würden erst später wachsen im Jahr, und auch Tiere entdeckte er nur selten. Ein paar modrige Fische hatte er aus dem Fluss geholt und über einem Feuer gebraten, sie rußschwarz hinuntergeschlungen. Aber seit das Wasser nicht mehr neben ihm gluckerte, kaute Simon auf Grashalmen und Wurzeln herum. Probierte bittere Rinde, die er nicht im Magen behielt. Schoss auf ein Nagetier, eine weiße Maus oder Ratte, und verfehlte sie. Noch dreimal ritzte er die Tage als Kerbe in den Griff seiner Waffe, dann blieb kein Platz mehr dafür.

Fortan lief er nach Norden, ohne die Tage zu zählen. Seine Nächte beherrschte das Elmsfeuer, aber wenn es hell wurde und der Rucksack gepackt war, wenn der Hunger tief in ihm kratzte, dann lief er los, und jeder Schritt wurde zu einer Anklage. Rechter Fuß nach vorne: Mike. Linker Fuß: Theo. Rechter Fuß: Lorielle. Links: Joshua. Und wieder von vorne. Kilometer um Kilometer. Ein lautloses und doch kreischendes Marschlied, das sogar den Hunger übertönte. Umso schlimmer wütete der nachts, verknotete seinen Magen und störte seinen Schlaf. Müdigkeit und Hunger wurden zwei Geschwister, die schnell wuchsen. Immer größer wurden. Rechter Fuß: Lorielle. Linker Fuß: Joshua. Stolpern. Simon strauchelte jetzt immer öfter. Rechts: Mike. Links: Theo. Noch ein Stolpern. Simon taumelte, blieb stehen, strecke die Hände und starrte in den grauen Himmel.

„Was?“, schrie er ihn an. „WAS?“

Simon zählte nicht mehr die Tage, nicht mehr die Schritte. Irgendwann wurde selbst der Hunger müde, zuckte nur noch schwach im Bauch herum. Segur lief, stolperte, schlief kaum, und wenn, dann fröstelnd ohne Schlafsack und Zelt, wachte schnell wieder auf, taumelte noch im Dunkeln vorwärts.

Die Hütte kam ihm zuerst vor wie ein Traum.

Aus Pressholzplatten zusammengeschoben, eingeschossig mit Flachdach, zwei winzige Fenster, mehr Baracke als Haus. Vielleicht eine Unterkunft für Arbeiter, ein Container im Nichts. Schon lange war Simon keinen Weg mehr entlang gelaufen, keinem Pfad mehr gefolgt. Stur nach Norden war er geschwankt über Waldboden, Wiesen, Geröll und lehmigem Matsch. Die Hütte, sie tauchte auf wie vom Himmel gefallen. Simon klopfte. Nur mühsam unterdrückte er ein hysterisches Kichern: Wer sollte hier schon sein?

Trotzdem klopfte er noch einmal. Irgendwo in seinem Kopf erkannte ein Rest Rationalität seinen Irrsinn, ausgelöst von Schwäche, Hunger und Müdigkeit. Ein kleiner Funke im Gehirn leuchtete auf und dachte: Ich könnte einfach verhungern.

Simon Segur schlug zum dritten Mal an die Tür, bevor er die altmodische Klinke hinabdrückte.

Offen.

Und leer.

Mit einem einzigen Blick erfasste er den Innenraum, registrierte die Dreieinigkeit aus Bett, Tisch und Stuhl, eine Spüle aus rostigem Blech und einen die gesamte Südwand einnehmenden, zimmerhohen Schrank. Wenn sich dort drin niemand versteckte, war die Hütte verlassen. Kein zweiter Ausgang, keine Falltür, kein Klo und kein Mensch. Aber auch kein Frostie oder Flitzer. Lauernd schlich Simon auf den Wandschrank zu, nahm die Spuren war, die seine Schuhe im Staub machten. In jungfräulichem, weißgrauen Staub. Simon ließ seine P 12 im Holster und riss die Schranktür auf.

Diesmal ließ er das hysterische Kichern aus seinem Mund heraustropfen. Erleichterung und Hoffnung in zwei keuchenden Buchstaben, haha, haha: Der Schrank war gefüllt mit Nahrung. Bis unters letzte Regal stapelten sich Dosen und Kartons, Einmachgläser und Flaschen, bei den Herrschern der Meere, sollte das Alkohol sein, Trockenbrot und gesalzene Fleischstücke, sogar Munition für sein Zick-Zack fand er, ein ganzes Paket voll mit Riegeln. Der Hunger erwachte aus seiner Lähmung und griff an, hieb dort eine Kiste mit, ja, Wurst auf, schlürfte dort mit den Lippen eine Dose nach trockenem Sand schmeckender Nüsse, sprengte mit dem Messer eine Konserve nach der andere auf. Segur verstand nicht, warum das Essen noch genießbar war, vielleicht stimmte das auch nicht, vielleicht kippte er Verdorbenes in sich hinein, aber es scherte ihn nicht. Simon fraß. Wankte schließlich, rülpsend und lachend, zum Bett. Kippte mit knarzendem, gurrendem Bauch auf die schimmlige Matratze.

Er schlief drei Tage und drei Nächte. Traumlos. Selbst das Elmsfeuer schwieg in dieser Zeit. Keine toten Gesichter begleiteten ihn. Er schlief. Erwachte mit einem Ruck, war von einem Augenblick zum anderen vollständig da, wusste, dass seine Ausbildung zum Seelord eingerastet war – und ihn warnte.

Segur blieb liegen, rührte sich nicht. Tastete nur mit den Augen das Innere der Hütte ab. Es war hell, vielleicht Morgen, vielleicht Nachmittag – er wusste es nicht. Niemand.

Simon fixierte die Tür und erkannte, was ihn geweckt hatte: Sie stand einen winzigen Spalt weit offen. Und sie hatte das gemacht, was jede alte Tür so machte, solange die Menschheit Türen vor Häuser und Zimmer setzte.

Sie hatte gequietscht. Oder geknarrt. Vielleicht auch beides. Er erinnerte sich nicht.

Simons Finger glitten zur P 12 und holten sie aus ihrem Nest, dem schwarzledernen Holster.

Ich wette sie quietscht, dachte Simon.

Aber er verlor.

Knarrend öffnete sich die Tür.

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15 Gedanken zu “3. Teil, 1. Kapitel, 2. Szene

      1. Tja, we’re all so very connected … :o) Grad beim Geschichtenerzählen gibt es ja praktisch kein Thema, das nicht schon irgendwer erzählt hätte, es kommt einfach auf diese persönliche Note an, diese einzigartige Sichtweise des anderen, der einen dieselbe Sache betrachten lässt, als wäre sie vollständig neu und unbekannt :o) …. Is‘ ne Gabe … herzlichst, Silvia

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      2. Sehr schön gesprochen beziehungsweise eben geschrieben. Und muss man nicht aufs Geschichtenerzählen beschränken: Aktdarstellungen in der Kunst etwa, meine Güte, von Michelangelo bis heute wurde der menschliche Körper immer nur in den zwei möglichen Varianten (Frau/Mann) dargestellt. Langweilig wird’s trotzdem nie, wenn genau die von Dir beschriebene „einzigartige Sichtweise“ und trotzdem etwas Neues sehen lässt. Herzlichst zurück!

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  1. Mir hätte ohne Cliffhanger was gefehlt. Erst mal schön Luft holen, eigene Gedanken in alle Richtungen fliegen lassen – bis es dann mal weiter geht. Denn weiter zu erzählen ist ja nicht mein Job. Simon marschiert Richtung Norden. Elmsfeuer. Seine Kameraden alle tot und er verhungert gerade. „WAS?“ (… macht das alles noch für einen Sinn?) Wir werden sehen, wir werden sehen …

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  2. Sehr schön zu lesen!
    Ich liebe Cliffhänger 🙂

    Kennst du eigentlich die große Schwertersaga von Tad Williams?

    Willst du in seine Fußstapfen treten?
    Hin und wieder erinnern mich deine Texte daran…
    Dort ist ja auch ein Simon der Held! 🙂

    Liebe Morgengrüße vom Lu

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  3. Oh, jetzt stapfst Du aber schon ordentlich in des Großmeisters Spuren… Ich ziehe meinen Hut! Auch der Schwenk in die Stadt, der Blick auf einen neuen Charakter, hat mich schon wieder sehr mitgerissen. Ich finde es bemerkenswert, wie deutlich die Parallelen zu unserem gemeinsamen Vorbild- sofern man es Parallelen und Vorbild nennen kann- sind, Du Dir aber stets treu bleibst. Fein! Und jetzt: Wuahhh, hoffentlich kein Bär! (Hab The Revenant gesehen 🙂 )

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    1. Das freut mich aber, wieder von Dir zu lesen! Und noch dazu solche Komplimente 🙂 Ja, ich will eben ein Buch-wie-Kings-Turm schreiben, ohne Plagiat oder Fanfiction zu machen, sondern mein eigenes Ding. Sehr fein, dass Du mir das soweit attestierst 🙂 Und ein Bär (obwohl ich „The Revenant“ noch nicht gesehen habe) kommt nicht vor 🙂
      Wann geht’s denn bei Dir weiter? Ich hoffe, Dein blogliches Schweigen hat nur damit zu tun, dass Du fleißig in anderen Welten schreibst!!
      Meinen herzlichen Dank und iebe Grüße!

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      1. Attest hiermit ausgestellt 😉
        Das Schweigen dauert tatsächlich schon lange an, habe ich entsetzt bemerkt. Die Gründe sind divers und komplex, aber ich bin schon dran, das zu ändern.
        Bei Dir ging ja jetzt einiges voran, hab mich sehr gefreut, einen halben Roman fortwährend lesen zu können 🙂
        Ganz liebe Grüße, und bis bald, Julia!

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