Welcher AutorInnen-Typ bist Du? (4)

Teil 4: Wolfgang Hohlbein oder Elfriede Jelinek

Zugegeben – schon die Gegenüberstellung dieser beiden scheint ein bisschen unfair: Auf der einen Seite ein „Unterhaltungs“-Schriftsteller aus dem Fantasy-Bereich, auf der anderen Seite eine Hochliteratur verfassende Nobelpreisträgerin. Dennoch scheint mir dieses Paar legitim, denn die Autorenschaft – so mein Eindruck – unterteilt sich oft in genau diese beiden Typen: die einen, die einfach nur Geschichten erzählen wollen, die anderen, die SprachzauberInnen sind. Ein Großteil von Schriftstellern will einfach nur erzählen, egal wie, will eine Geschichte an die Frau bzw. den Mann bringen. Dem Gegenpol ist die eigentliche Story nicht unbedingt wichtig – dort steht die Sprache im Mittelpunkt. Hier werden Emotionen weniger über die Geschichte, sondern eher über die Wörter selbst transportiert.

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Quelle: Medienservice Winkler (www.hohlbein.de) via Wikipedia

Ein Paradebeispiel des reinen Geschichtenerzählers ist eben Wolfgang Hohlbein. Oder, um genauer zu sein, der späte Hohlbein. Ich kenne Kurzgeschichten von ihm aus früher Zeit, die sprachlich auf einem hohen Niveau angesiedelt sind, ja, die mit der Sprache spielen und tanzen. Heutzutage haut Hohlbein ein Buch nach dem anderen raus und schert sich, salopp gesagt, einen Dreck um die Sprache. Mir persönlich hat das seine Romane immer mehr verleidet, obwohl ich die Verve dieses Geschichtenerzählers, der sich nicht mit der Verbesserung und Perfektionierung von Sprache abgeben will, gut verstehen kann. Ich will hier also gar nicht – ausdrücklich sei’s gesagt – werten. Zumal dieser Typus – kommerziell betrachtet – immer größeren Erfolg haben wird als Sprachkünstler. Ich finde es einfach nur wahnsinnig schade, bewundere ich doch die Imaginationskraft und die Originalität seiner Geschichten nach wie vor.

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Foto von G. Hüngsberg via Wikipedia

Elfriede Jelinek bekam 2004 den Nobelpreis zugesprochen, explizit ob ihrer „… einzigartigen sprachlichen Leidenschaft“, wie es in der Begründung der Jury heißt. Die 1946 geborene Österreicherin ist wahrlich eine Sprachgewaltige. Ähnlich wie bei James Joyce oder Arno Schmidt sind ihre Bücher nicht leicht zu lesen; im Gegenteil, sie sind sperrig und fordernd. Und sie zeigen auf grandiose Weise, was mit Sprache alles möglich ist – Jelinek ist eine Sprachzauberin. Natürlich schreibt sie nicht nur für den Eifelturm Worte um der schönen Worte willen: Ihre Sprachverwandlungen, ihre elaborierte Wortwahl, ihr Gespür für Buchstaben – all das setzt sie ein, um die Absurdität unserer Welt zu zeigen, die Kämpfe der Geschlechter, unser aller Abstrampeln in kapitalistischen Zwängen. Inhalt ist also neben der Form schon zentral – die Story aber, die ist es nicht.

Natürlich gibt es auch hier Überschneidungen, aber doch weniger als ich mir das wünschen würde. Heutzutage kenne ich wirklich nur wenige Autoren, die Sprache und Story auf ähnlicher Höhe halten können. Und das scheint tatsächlich eine (bewusste?) Entscheidung zu sein: Sprachkünstler liegt der Klang der Wörter am Herzen, Geschichtenerzählern die Story.

Und jetzt die Gretchenfrage: Zu welchem Autorentyp zählt ihr?

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24 Gedanken zu “Welcher AutorInnen-Typ bist Du? (4)

  1. Yeah, Jelinek! Oh, Wildnis! Oh Schutz vor ihr! Dreckige entzaubernde Sprachgewalt. Ich habe bei Autorinnen wie Jelinek eher das Gefühl, die Wörter sind nur das Gerüst für die Geschichten, die dann jeweils im Kopf (oder wo auch immer) der Leser entstehen. Implizites Storytelling sozusagen. Ich habe aber auch nichts gegen gut erzählte Geschichten, das ist ja auch nicht gerade einfach. Ein schönes Paar!

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    1. Na, Sie sind ja explizit eine der Ausnahmen, die stimmig Sprachlust und Geschichte verbinden. So wie das meinetwegen Heinz Erhardt gemacht hat. Und tatsächlich auch der Blechtrommel-Grass. Nebenbei: Storyteller, wahrlich ein merkwürdiges Wort. Wo wohl die Storytasse bleibt? Liebe Grüße!

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  2. Auf die Idee Hohlbein versus Jelinek muss man mal kommen 🙂 🙂 Ich habe noch keinen einzigen Hohlbein gelesen, weil ich diese Art der Fantasy nicht mag. Ich habe mehrere Jelineks gelesen und brauchte danach dringend eine Auffrischung meines positiven Lebensgefühls. Ja, sie ist eine Sprachzauberin, sie ist aber auch extrem gut dabei, ihre Leserschaft zu deprimieren. Bei Lektüre von „Die Ausgestossenen“ oder die „Klavierspielerin“ gewinnt man den Eindruck, dass gesunde Beziehungen zwischen Menschen eigentlich nicht möglich sind. Im Vergleich zu Jelinek ist Thomas Bernhard ein Humorist 🙂

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    1. Wie recht Du hast. Aber es muss eben auch depressive Texte geben – ich mag sie einfach ob ihrer, wie Peggi Liebisch oben in den Kommentaren meint „dreckigen entzaubernden Sprachgewalt“. Und gerade das von ihr genannte „Oh Wildnis! Oh Schutz vor ihr!“ hatte durchaus auch komische Seiten …
      Und: Dein Vergleich von Jelinek und Bernhard ist aber auch nicht von schlechen Eltern 🙂
      Liebe Grüße!

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  3. PS: Ich bewundere Jelineks Sprachgewalt, ihre Wortfeuerwerke suchen ihresgleichen und ihr Mangel an jeder „bürgerlichen Hemmung“ in der Thematik auch. Hut ab !! Aber, dass ich sie gerne lese, könnte ich nicht behaupten.
    Eigentlich ist es lustig, dass eine Jelinek, die Konventionen und bürgerliche Normen so absolut ablehnt, in den höchst bürgerlichen Lesekanon aufgenommen wurde. Das kann man entweder als Ehre und Anerkennung ihres Könnens sehen oder als beleidigende Vereinnahmung ……. hochinteressantes Thema

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  4. Ich gestehe, dass ich weder zu der einen noch zu dem anderen Zugang gefunden habe. Hohlbein ist mir in gewisser Weise sogar suspekt, weil viele seiner Romane (den Inhaltsbeschreibungen zufolge) so klingen, als seien sie von anderen Autoren schon einmal geschrieben worden.

    Da ich mich aber nicht auf dem sprachlichen Niveau einer Nobelpreisträgerin sehe, werde ich wohl eher der Hohlbein-Typ sein.

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    1. Na ja, mir ging es ja nicht darum, ob Du, ich oder wir auf Jelinek-Niveau schreiben 🙂 Es geht mir allein um den Ansatz: Komme ich von der Sprache her, weil mich die begeistert, weil ich die Worte liebe, weil Schreiben wie ein Tanz mit Wörtern ist – oder schreibe ich, weil ich eine Geschichte erzählen will – wurscht, wie gut die erzählt ist. Und Du achtest, soweit ich das sehe, schon sehr auf die einzelnen Worte 🙂

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      1. Oh, da habe ich, glaube ich, gerade ein großes Kompliment bekommen :-)! Danke dafür.

        Wenn man „Unterhaltungsliteratur“ schreibt, sollte man, solange es einen gewissen Anspruch an sich selber gibt, wahrscheinlich ohnehin den Mittelweg fahren. Eine möglichst gute Geschichte mit Wörtern dargeboten, die den Ästheten das Buch nicht fallen lassen, als ob er sich gerade die Finger daran verbrannt hätte.

        Hm, wenn man das so aufschreibt, kingt es irgendwie ganz einfach …

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      2. Sehe ich auch so. Friedrich Ani zum Bleistift, obwohl ich seine Krimis nicht mag, schreibt anspruchsvoll ohne seine Story (zu arg) zu vernachlässigen. Unser aller King – auch hierin ein Vorbild – verbindet Sprache und Story mit dem, was zusammen von mir so genannte „Dreieck der guten Literatur (TM)“ ausmacht: mit lebendigen Charakteren. Und auch da hast Du recht: So aufgeschrieben, klingt’S einfach. Irgendwie …

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  5. Als Lyrikerin passe ich wohl gar nicht in diese Kolumne, finde deine Idee, über eine Polarisierung die eigene Charakterisierung zu unterstützen, gut. Sich Gedanken zu machen über die „Kollegenschaft“ ist ja kein unwesentlicher Teil der Literatur insgesamt. Und jedenfalls machen deine Kurzbeschreibungen Lust, die eigenen Bildungslücken durch weitere Recherche und womöglich Lektüre einzelner Werke zu verringern.

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    1. Freut mich, dass die Texte anregend sind 🙂 Und mal schauen, ob mir speziell zu LyrikerInnen was einfällt – ihr seid heutzutage sehr viel schwerer zu typisieren. Früher konnte man vielleicht noch Reimer vs. Nichtreimer, formal vs. die Form aufbrechen (oder ähnliches) charakterisieren, heute nutzt ein Lyriker viele, eben die gerade passende Form. Deine letzten beiden Gedichte beispielsweise – „ich hatte vergessen“ und „Zum neuen Jahr“ – könnten ja kaum unterschiedlicher sein (was ich natürlich klasse finde). Liebe Grüße!

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      1. Sehr unterschiedlich wohl, doch beide gereimt, nur etwas versteckt. Und durch und durch konstruiert vor allem „ich hatte vergessen“, verstrickt und vernetzt auf verschiedenen Ebenen.
        Die Freiheit, je nach Inhalt die geeignete poetische Form zu wählen und sogar Bildmedien, Klänge, Grafik und Links einzubauen, finde ich wunderbar und verlockend. Die Wahl deiner Typisierungspole fände ich spannend.
        Gruß
        Ule

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      2. Hm, dann werde ich das wohl mal probieren 🙂 Und ja: Die Freiheit innerhalb der Lyrik ist größer und nutzbarer heute als in der Prosa. Da sind die Surrealisten, James Joyce und schließlich Leute wie Elfriede Jelinek bis zur Grenze gegangen – danach und bis heute gings zurück ins Konventionelle. Was bei erzählenden Werken auch sehr verständlich ist. Grüße!

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  6. Ich kann noch gar nicht sagen, was für eine Art Autorin in mir steckt. Ich kann nur sagen, dass ich schon immer eher die SprachzauberInnen liebte. Ob es mir gelingen wird, auch eine zu werden, das lasse ich lieber offen. Das Ziel ist erst mal, überhaupt eine Geschichte zu Ende zu erzählen:-) Liebe Grüße!

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    1. Na, das kann ich Dir jetzt schon sagen: Du BIST eine Sprachzauberin. Wie gut, wie genial, wie großartig, das weiß ich natürlich nicht, das entscheidet sowieso die Literaturwissenschaft der Zukunft 🙂 Und auch damit sprichst Du ein großes Wort gelassen aus: Großartig, wer es schafft, eine Geschichte zu Ende zu erzählen. Liebe Grüße!

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      1. Ja, das ist mit das Schönste am Schreiben: Diese Momente, wo Kreativität, Verstand und Herz plötzliche eins sind und man/frau beim tippen einfach ein tolles Gefühl hat 🙂

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