2. Teil, 10 Kapitel, 2. Szene

Drei Tage brauchte Joshua Gillroys Körper, um den Rest der Krankheit aus sich herauszuspülen und wieder an Kraft zu gewinnen. Mit mehr Glück als Reflexen erwischte er ein Nagetier im Gras, zutraulich und blöd wie es war; sein kleines Genick hatte nur ganz leise geknackt, als Joshua es brach. Aber das Fleisch hatte geschmeckt. Auch roh – denn die Streichhölzer hatten sie natürlich mitgenommen, genau wie die Patronen aus seiner Waffe. Die P 12 hatten sie ihm gelassen, aber die Trommel war leer.

Gillroy nahm es ihnen nicht übel. Sie mussten ihn für tot gehalten haben, also konnte er noch froh sein, dass sie ihn nicht begraben, verbrannt oder dem Meer in seinen großen, blauweißen Rachen gekippt hatten.

Trotzdem. Sie hatten ihn liegenlassen wie einen toten Hund. Simon hatte ihn liegen lassen.

»Achte auf dein TEAM«, krächzte  Joshua und spuckte ein Knöchelchen Nagetier aus.

Morgen. Oder übermorgen. Dann wäre er endlich wieder kräftig genug, ihnen zu folgen.

***

Simons Magen grollte. Seine Augenlider schossen wie von allein nach oben. Noch traumverschattet, vom Elmsfeuer gerufen, blickte er sich um, entdeckte den Wasserschöpfer neben sich und wollte nach Joshua rufen. Ließ es bleiben. Lächelte müde und blickte zur Sonne. Die hatte sich mittlerweile zur Erde geneigt, bereit für den feurigen Kuss des Abends. Die Wolken waren weitergewandert. Eine Herde voll sinnloser Bewegung, immer nur weiter, getrieben von Wind. Konzentriert horchte Simon in sich hinein. Lauschte auf das klopfende Herz unter seinen Rippen, auf die wandernde Luft, die zwischen Lunge und Mund hin und her schwebte.

Nichts.

Keine Veränderung.

Aber noch konnte er nicht sicher sein – die Gorgone mochte erst nach Tagen zuschlagen.

Er gähnte, streckte sich und stand auf. Unschlüssig blickte er sich um – sollte er noch einmal hier schlafen oder weiter gehen bis an die Grenze der Nacht? Er war müde. Immer noch müde. Schon wollte er nach dem Schlafsack greifen und sich erneut ausstrecken, als seine Augen noch einmal das kniende Opfer der Medusa abtasteten. Der erstarrte Frostie kauerte am Flussufer, verschattet im Licht der untergehenden Sonne, still und tot. Und doch: Hatte er sich nicht bewegt? War nicht ein leises Zittern durch diesen versteinten Körper gegangen, ein ganz feines Beben, sanfter noch als der Wind vorhin in den Grashalmen?

Simon keuchte auf, als das alte Gespenst nach ihm griff, ein würgendes Grauen voll Hohn und Spott. Natürlich, natürlich, grinste das Gespenst. Der Frostie bewegt sich, klar, ganz klar. Oder bist du es, der sich zum Frostie gesellt, Simon Segur? Spürst du nur die ersten bitteren Blitze von Medusas Blick in deinem Denken? Komm schon, Seelord, tanz mit der Gorgone und verliere endlich deinen dicken Kopf!

Simon ballte die Fäuste. Ließ den Versteinerten nicht aus seinem Blick, blinzelte, starrte aber weiter. Musterte die tiefen Schatten in den Augenhöhlen, die erstarrte Hand ganz nah an den leicht geöffneten Lippen.

Nein. Keine Regung. Aber das Grauen drückte weiter, knetete an Simons Herz herum, als wollte es einen Teig backen mit seinem Denken und Fühlen.

»Nein«, wiederholte er, aber diesmal laut, mit der ganzen Autorität seiner Seelordstimme. Trotzig rief er das Wort dem Wasserschöpfer zu und griff nach seinen Rucksack.

Simon Segur, der letzte Seelord, folgte dem Fluss Richtung Norden. Er würde das Elmsfeuer finden, würde dem Stern immer weiter folgen. Erschöpft marschierte er in die anbrechende Nacht hinein und ließ den Wasserschöpfer hinter sich zurück. Das Opfer der Gorgone.

So konnte er die Träne nicht sehen, die langsam, ganz langsam, am unteren linken Augenlid hervorquoll. Konnte nicht sehen, wie die Träne sich zu einem vollständigen Tropfen formte, sich durch die für immer versteinerten Wimpern hindurch drückte, wie sie Millimeter um Millimeter die Wange herunter kroch, den Bogen des Kinns entlanglief und dort, am unteren Scheitelpunkt hängen blieb. Verharrte.

Niemals fiel.

Eine Träne nur, die am nächsten Morgen schon wieder getrocknet war.

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3 Gedanken zu “2. Teil, 10 Kapitel, 2. Szene

  1. Also zweiter Versuch eines Kommentars. Bemerkenswerte kleine Szene in dieser zweiten Szene in diesen vielen Kapiteln des zweiten Teils ist die Träne des Frosties. Und noch das Ausspucken des Knöchelchens des Nagetiers. Aber nun gibt es Gewissheit dass die Frosties noch leben, Sinne gebrauchen können und Emotionen haben. Simon hat ihn ja quasi „geknuddelt“, wenn auch nicht auf der Suche nach intimer Nähe. Gesehen hat die Träne weder Simon noch Joshua. Dieses Grausen bleibt dem Leser vorbehalten. Weiter so mit Schreiben!

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