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Alle guten Liebster sind drei!

liebsteraward

Hanna Mandrello hat mich mit dem Liebster-Award geehrt, und so nehme ich wiederum freudig an diesem internettlichen Ritual teil. Herzlichen Dank also an Hanna, deren Blog Lust am Schreiben mir bereits manch vergnügte Leseminute schenkte. Schon allein ihr Credo begeisterte mich, wo es unter anderem heißt: „Ich schreibe, weil Wörter in der Sonne nicht ausbleichen, man sie nicht zertreten kann und sie bei Regen weder nass noch schmutzig werden.“

Dies waren ihre Fragen, und dies sind meine Antworten:

1. Was war der erste fiktionale Text, den du geschrieben hast? Wie alt warst du und hast du ihn noch?

Diese, gleich die erste Frage ermunterte mich, in den alten Kartons und Kisten meiner Vergangenheit zu kramen, bis ich tatsächlich auf meinen ersten Roman stieß. Zumindest die ersten Seiten – weiter bin ich damals nicht gekommen. „Damals“ bedeutet hier: im Alter von 12 Jahren, als ich eine ausrangierte elektrische IBM-Schreibmaschine (so schwer, dass ich sie nicht allein bewegen konnte) von meinem Vater geschenkt bekam. Zu dieser Zeit las ich neben Comics vor allem Science-Fiction und Grusel (so nannte man das früher) -storys. In bestem Nachahmungstrieb begann meine Geschichte so:

krueger_firststory

Man sieht, mein liebstes stilistisches Mittel zu dieser Zeit waren die drei Auslassungspünktchen … Übrigens war das schon die zweite Fassung. Ursprünglich lautmalerte ich die mitternächtlichen Glockenschläge mit genau zwölf „Dongs …“ 🙂

2. 2007 wurde in einem Wettbewerb der schönste erste Satz der deutschen Literatur ermittelt. Es gewann „Der Butt“ von Günter Grass mit dem Satz „Ilsebill salzte nach.“
Was war dein schönster erster Satz?

Das Lesen oder Schreiben betreffend? Bei ersterem müsste ich wohl ganz klassisch mit „Nennt mich Ishmael“ antworten. Dieser Anfang von „Moby Dick“ kommt trotz seiner Schlichtheit mit einer einzigartigen erzählerischen Wucht daher. Was meine eigenen Texte angeht, ist das freilich schwieriger. Den ersten Satz vom aktuellen Krimi Die Tränen der Vögel  finde ich aber schonmal sehr gelungen: „Sie umkreisen sich, hektisch atmend, die Augen starr, kein Blinzeln erlaubt.“

3. „Und am Ende der Straße steht ein Haus am See. Orangenbaumblätter liegen auf dem Weg. Ich hab 20 Kinder, meine Frau ist schön. Alle kommen vorbei, ich brauch nie rauszugehn. … Wir grillen, die Mamas kochen und wir saufen Schnaps und feiern eine Woche jede Nacht. … Hab taube Ohren, nen weißen Bart und sitz im Garten. Meine 100 Enkel spielen Cricket auf dem Rasen.“ Peter Fox, Das Haus am See.
Und wie sieht dein Lebenstraum aus?

Ich hätte gern die Möglichkeit, zusammen mit meiner Liebsten die winterliche Hälfte des Jahres irgendwo in einem Schreiber-Häuschen im Süden zu verbringen. Spanien, Italien, Frankreich, egal – halt in einer der wärmeren Ecken Europas. Die Sommerhälfte dann wieder in Deutschland, wo sich das im Süden Geschriebene in Höchstauflagen verkaufen und ich von Lesung zu Lesung fahren würde. Schnaps, Feiern ohne Ende und 100 Enkelkinder gehören dagegen eher nicht zu meinem Lebenstraum 🙂

4. Eine Fee möchte dir einen magischen Gegenstand schenken. Du hast die Wahl zwischen
– Handschuhen, die dich unsichtbar machen,
– einem Spiegel, durch den du jederzeit in deine Traumwelt entfliehen kannst
– Stiefeln, mit denen du auf Luft laufen kannst
– oder einer Brille, mit der du die Gedanken anderer Menschen lesen kannst.
Was nimmst du und warum?

Ganz klar der Spiegel. Die Gedanken anderer Menschen möchte ich lieber nicht lesen können, die stehen ohnehin oft genug mehr als deutlich in ihren Gesichtern. Unsichtbarkeit könnte ich auch nicht oft gewinnbringend einsetzen, es sei denn, ich wechsele dann meinen Beruf: vom Schriftsteller zu James Bond. Die Stiefel wären definitiv meine zweite Wahl – durch die Luft zu streifen muss wunderbar sein. Aber ein Besuch in Traumwelten, das ist der Hammer. Auch wenn’s nur meine eigenen Träume sein dürfen …

5. Du bekommst einen Gutschein für eine neue Couch. Es soll ein Platz werden, an dem du dich sauwohl fühlst. Wie ist die Couch beschaffen, welche Form und welche Farbe hat sie?

Da ich absolut kein Couch-Typ bin und nie eine hatte noch haben möchte, würde ich mir eine barocke Chaiselongue aussuchen, mit römischen Flair, das heißt mit einer Karaffe voll Wein, einer Schale mit Knabbereien und einem Beistelltisch, auf dem ich schreiben könnte. So ähnlich wie auf diesem Bild der englischen Autorin Eleanor Anne Porden, die mit Admiral John Franklin verheiratet war:

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Bildquelle: Wikipedia

6. Du hast die Möglichkeit für 10 Minuten 150 Jahre in die Zukunft dieser Welt zu schauen, wenn du freiwillig auf 5 Lebensjahre verzichtest. Würdest du den Blick wagen?

Fünf Jahre ist ganz schön viel – bin ja schließlich nicht mehr der Jüngste 🙂 Ich glaube tatsächlich, dass ich meiner Neugier trotzen und dieses unmoralische Angebot ausschlagen würde.

7. Worauf legst du beim Schreiben einer Geschichte mehr wert? Auf die durchgestylte Handlung oder auf facettenreiche Figuren?

Da gibt es kein Entweder-Oder. Ich versuche, nach meinem literarischen Dreiecksmodell zu arbeiten, dessen Eckpunkte lauten: Story – Charaktere – Sprache. Nur wenn diese Drei im goldenen Gleichgewicht stehen, entsteht Literatur.

8. Welche Süßigkeit magst du am liebsten?

Da fällt mir das Gegenteil leichter: Ich mag kein Lakritz und kein Zimtgebäck. Bei allem anderen – her damit!

9. Schreibst du Tagebuch? Warum oder warum nicht?

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Ich nenne sie meine „Stundenbücher“: eine Mischung aus Tage-, Stunden- und Notizbuch. Bin da ein echter Überzeugungstäter: Solche Lebensnotizen gehören zu den wichtigsten Werkzeugen von Autoren. Ausführlicher habe ich hier über Sinn und Zweck von Notizbüchern geschrieben. Die natürlich auch beklebt und bekritzelt werden.

10. An welchem Ort fühlst du dich am wohlsten?
– Auf deinem Balkon mit Blick auf eine belebte Straße und eine Bushaltestelle
– Auf einem Felsbrocken an einem einsamen Seeufer
– In einem Gartencafe inmitten vieler Menschen
– Auf der Bank vor einer einsamen Berghütte ohne Strom
– Auf einer Bank auf dem Friedhof
– In deinem Keller, den du für dich eingerichtet hast

Eigentlich haben alle von Dir so schön ausgesuchten Orte ihre Vorteile. Mit allen verbinde ich denn auch schön verlebte Augenblicke:
– Mein Balkonien mitten in der Großstadt ist für mich in den letzten Jahren ein wundervoller Sommerort. Oben im letzten Stockwerk, mit Blick in den Himmel hinein.
– Ich lebte mal für knapp zwei Jahre auf einer Nordseeinsel. Felsen sind da Mangelware, aber am Ostende gab es einen alten Betonbrocken, Überbleibsel eines Weltkriegsbunkers, auf dem ich lange und oft hockte und in die See schaute.
– Eins meiner Lieblingscafés ist in einem botanischen Garten, direkt im Gewächshaus: Sommerfeeling auch im Winter.
– Eine Berghütte ohne Strom hatte ich noch nicht, wohl aber ein kleines Zelt (ohne Strom) oben in der Hardangervidda in Norwegen. Eine Woche lebte ich da in völliger Einsamkeit, ernährte mich von Ziegenkäse, Knäckebrot und Beeren. Nie war mehr Stille um mich herum.
– Auf einer Friedhofsbank habe ich mal übernachtet. Der zu besuchende Freund war nicht anzutreffen, die Jugendherberge geschlossen und die Hotels zu teuer. Da noch dazu Sommer war, legte ich mich kurzerhand auf die Bank im Gottesacker. Habe sehr gut geschlafen. Und weiß heute noch den Namen meines, hm, Nachbarn.
– Bei mir war es nicht der Keller, sondern der Dachboden-Verschlag, den mein Vater für mich eingerichtet hatte. Das gab es damals noch, als noch nicht sämtliche Dachgeschosse zu Mansardenwohnungen ausgebaut waren. Als Kind richtete ich da oben mein Museum ein – ich sammelte eifrig Mineralien. Im Sommer tierisch heiß, im Winter zähneklapper-kalt – dennoch ein wundervoller Ort.

11. Jeder Schreiberling kann auch dichten. Zum Schluss hätte ich gern einen spontanen Vierzeiler von dir. Ohne Korrektur und ohne Nachdenken. Einfach anfangen, egal ob es einen Sinn ergibt oder nicht.

Spontan
Ist nur ein Wahn
Sagt der sprechende Hut
Und findet’s gut.

Uff. Das waren sehr schöne, weil sehr persönlich interpretierbare Fragen. Meine lauten:

  1. Glaubst Du an einen Sinn des Lebens?
  2. Was war Dein schwierigster Moment in Deiner Blogger-Karriere?
  3. Welche „Kunst“ betreibst Du neben dem Schreiben noch?
  4. Welches Buch hat Dich in Deinem Leseleben am stärksten geärgert/genervt?
  5. Kannst Du Momente benennen, die Dein Leben „wirklich“ verändert haben?
  6. „Schreiben ist harte Arbeit.“ Wie sehr trifft das, auf einer Skala von 1 bis 10, auf Dich zu?
  7. Welches Buch hättest Du gern geschrieben?
  8. Hast Du schon bemerkt, wie Du Deinen Eltern ähnlich geworden bist oder denkst Du noch: Bloß nicht so werden wie die …?
  9. Welchen unserer Planeten würdest Du am liebsten besuchen (inklusive Pluto, auch wenn der ja nicht mehr als Planet gilt)? Warum?
  10. Wir scheinen uns, was die Schnelligkeit des Fortschritts angeht, geirrt zu haben. Orwell prognostizierte für 1984 den medialen Überwachungsstaat; Kubricks 2011 ist auch schon wieder seit 5 Jahren überfällig. In welchem Jahr werden wir wohl wirklich zu den Sternen reisen?
  11. Welche drei Wörter unserer Sprache magst Du besonders gerne, welche drei nerven Dich?

Nominieren möchte ich – ganz ehrlich, das ist immer das anstrengendste bei der Liebsterei (schließlich sucht man ja nach Blogs, die den Award nicht schon ein Dutzend Mal beantworteten …) – folgende Blogs und Webseiten:

  1. den Bestatter-Weblog von Peter Wilhelm. Er klärt auf seiner Webseite solch zentralen Fragen wie die Funktionsweise der Leichenkühlung, ob wir mit geschlossenen oder offenen Augen sterben und was genau sich unter dem Begriff „Eisbestattung“ verbirgt. Lesenswert!
  2. den noch jungen Blog Frank und frei mit seiner gelungenen Mischung aus Fotos, Gedichten, Videos und Betrachtungen.
  3. diese Seite mit Naturfotos. Kein Blog im herkömmlichen Sinne, aber mit regelmäßigen Posts. Mir gefällt besonders, dass die eigenen Fotos erläutert oder mit Gedichten kombiniert werden.
  4. den Blog der Künstlerin Michaela Aidam, die fantastische Skizzenbücher ins Netz stellt. Und noch viel mehr.
  5. den Blog Fraktale Welten, der mich mit täglichen Bildern aus dem fraktalen Kosmos ergötzt.
  6.  Der Komoediant, weil er es über’s Herz brachte, doch wieder all die Ö’s, Ä’s und Ü’s zu schreiben 🙂

Seid alle gegrüßt, dort draußen im Weltall des Internets!

Ihr und Euer

Simon Segur.

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9 Gedanken zu “Alle guten Liebster sind drei!

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