2. Teil, 9. Kapitel, 1. Szene

Lorielle war stehen geblieben, die Augen aufgerissen, die Hände abwehrend erhoben. Neben ihr stockte auch Simon, so nah, dass er ihre Körperwärme spürte. Segur starrte auf den Frostie, auf einen Menschen, den der Blick der Medusa getroffen hatte.

»Wir wissen nichts, hast du gesagt«, flüsterte Lorielle. »Auf der Cohiba, ja. Vielleicht ist die Medusa, hast du gesagt, schon längst nicht mehr aktiv. Vielleicht sterben wir hier auf dem Schiff, das waren deine Worte, Segur, während an Land schon längst wieder der Aufbau beginnt?« Ihre Stimme versickerte. Verlor sich fast im Rauschen des Flusses. »Ein neues Leben, hast du gesagt. Eine Welt nach der Gorgone …«

Reglos nebeneinander stehend, betrachteten sie den Mann oder das, was einmal ein Mann gewesen war, der jetzt aber stillstand, zu Stein erstarrt, eine reglose Skulptur. Opfer jener Krankheit, die Milliarden von Menschen verwandelt und verschluckt hatte, ein Happs nur, und schon war man infiziert. Wen der Blick der Medusa getroffen hatte, wurde nicht sofort in einen giftgrün leuchtenden Körper aus Stein verwandelt, oh nein, dreimal Aye, Kap’tai, das Krankheitsbild zog seine Qualen über Monate hin. Zuerst wurde das Opfer der Gorgone zu dem, was die anderen, die Gesunden, die Nochüberlebenden, eine Schnecke nannten: Ein Mensch, der unmittelbar nach der Infektion nur einen winzigen Tick langsamer sprach und ging und dachte. Der schläfrig schien, ein wenig bedächtig oder zögernd. Aber diese Phase dauerte nicht lange, die Schnecke wurde immer langsamer, bald kroch sie nur noch voran, braucht für ein Wort eine ganze Stunde, für eine Handbewegung den halben Tag. Bleiern schleppten sich die Schnecken vorwärts durch die Straßen, immer langsamer werdend und noch langsamer, bis ihre Bewegungen kaum wahrnehmbar wurden und sie schließlich endgültig verharrten. Zu fleischenem Stein erstarrten und dann, in dieser Endphase, wenn die Haut Kristall wurde, zu leuchten begannen, eingehüllt in ein sanftes grünes Strahlen. Ein Frostie war geboren. Geburt ohne Tod, oh ja, denn sie lebten noch, die Milliarden Frosties überall auf der Erdkugel, verdammt zu ewigem Stillstand, für alle Zeit eingefroren im nie vollendeten Schritt vorwärts, mit gehobenen Händen, die sich nie zum Gebet treffen, mit angstvollen Augen, die sich niemals mehr schließen würden. Oder versteinert in der Geste des Wasserschöpfens wie dieser hier vor Lorielle und Simon, die Hand nahe am Mund, die Lippen geschürzt, schlürfen wollten sie, diese Lippen. Aber der grün schimmernde Mensch würde durstig bleiben auf ewig.

Nein, Frosties waren nicht tot. Sie verwesten nicht. Ihre Haut leuchtete zwar in grässlichem Grün, ja, und diese Haut fühlte sich steinern an. Aber eben auch warm. Lebendig. Niemand wusste, ob Frosties denken konnten. Ob sie ihre Verzweiflung im tobendem Geist herausbrüllten, laut- und wortlos, machtlos, so lange, bis der Wahnsinn sie auffraß? Oder war es wie schlafen? Träumen?

Niemand wusste es.

Nie war ein Frostie erwacht.

Lorielle drehte sich weg, schluchzend, erschöpft, ruckartig die Füße voreinander setzend. Sie schwankte leicht, schob die Rucksäcke zurecht – ihren auf dem Rücken, Theos vor der Brust – und marschierte los. Drehte sich doch noch einmal nach ihm um. »Da hast du deine Welt ohne Gorgone, Segur.«

***

»Hhhhhhhhaaaaaaaaaaaa-huuuuuuh!«
Joshua Gillroy schnappte nach Luft. Eine einzige, körperumspannende Anspannung, so als saugte jede Hautzelle, jedes einzelne seiner kurzgeschorenen Haarstoppeln Luft und Leben in sich hinein. Der Mârin hatte viele Worte vergessen, nichts wusste er mehr von Koma und kathartischem Schock, er ahnte nicht einmal mehr, wozu die Selbstheilungskräfte hochgezüchteter Seelords fähig waren. Als die Lungenentzündung den kritischen Punkt erreicht hatte, schaltete sein Körper sich ab. Stand-bye. Atem- und Herzschlag reduzierten sich auf ein kaum wahrnehmbares Minimum. Ein biologischer Trick, den Generation von Forschern den Frosties abgetrotzt hatten. Immerhin das.

Nein, Joshua Gillroy hatte keine Ahnung, wozu die Selbstheilungskräfte hochgezüchteter Seelords fähig waren.

Es war ihm auch egal.

Er rieb sich die verklebten Augen, spürte die Zunge wie ein trockenes Stück Treibholz im Maul. Und atmete noch einmal. Tief. Schaute sich blinzelnd um, erkannte seinen Schlafsack, das Zelt, die P12 in seinem Schoß.

»Hey!«, rief er. Nur ein Krächzen kullerte aus seinem Mund. Das Stück Treibholz verstopfte ihm die Lippen.

Durst.

Seine Finger tasteten, ohne, dass er den Befehl gab, über den Zeltboden, schnappten sich die Wasserflasche. Leer. Auf allen vieren kroch er vorwärts. Schlüpfte aus dem Zelt, ein waidwundes Tier.

Durst. Er roch und hörte den Bach, bevor er ihn sah, denn seine Augen waren noch nicht zu gebrauchen. Geblendet vom Nachmittagslicht blinzelte Joshua aus Schlitzen. Er kroch zum Wasser, ließ sein Gesicht hineinfallen und trank. Er soff. Die Zunge aus Holz schrumpfte in seinem Mund.

Als er satt war und sein Bauch von Wasser prall, drehte er sich stöhnend auf den Rücken. Rülpste und hustete. Schaute aufmerksam, entdeckte kein Blut. Schaute weiter, tastete seine Umgebung ab. Den Bach, den Strand, das einsame Zelt.

»Scheiße«, krächzte Joshua Gillroy. »Das Arschloch hat mich hier liegen lassen.«

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8 Gedanken zu “2. Teil, 9. Kapitel, 1. Szene

  1. Cool! Man lernt nicht nur das „Krankheitsbild“ der Frosties kennen, wobei mir selbst fast das Blut in den Adern gefror (mir ist die Farbe Grün nun sehr unangenehm!), auch dass die Seelords genau davon profitieren können. Dass mit „Medusa“ und „Gorgone“ ein und dasselbe gemeint ist, ist mir klar, aber auch anderen Lesern? Übrigens habe ich einige Kapitel zuvor geäußert, dass Lorielle Theos Leichenteile mit sich herum schleppt, aber da habe ich wohl nicht richtig gelesen, es ist nur sein Rucksack. Und zuletzt, kennst Du den Beatles-Trickfilm „Yellow Submarine“? Das schöne, paradisische Pepperland wird von den Blaumiesen überfallen und überall wo deren Waffen explodieren oder große Äpfel fallen, werden die Bewohner von Pepperland zu traurigen, grauen Statuen. Na ja, die Beatlesmusik erweckt alles wieder zu Leben und es hat ein Happy End.

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    1. Meinen Dank! Ja, das Thema der Versteinerung im weitesten Sinne, war und ist spannend: von Märchen und Mythen bis zu „Yellow Submarine“ (hast mir richtig Lust gemacht, den Film mal wieder zu sehen – ist eeeeeeewig her) oder Jugendbuchklassikern (die schwarze/graue Wolke? Weiß nicht mehr von wem oder wie’s genau heißt). Und: Tatsächlich hatte ich zuerst die Idee, Lorri ein paar Teilchen von Theo mitrumschleppen zu lassen, fand das dann aber doch zu splattrig und eines Seelords nicht angemessen! Liebe Grüße! War übrigens Freitag abend tatsächlich nicht Zuhause und habe Deine Aufzeichnung verpasst. Schade!

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