Welcher AutorInnen-Typ bist Du? (1)

Teil 1: Kafka oder Hemingway

„Gnothi seauton“ begrüßte einst das Orakel von Delphi seine wissbegierigen Besucher: Erkenne dich selbst. Das gilt natürlich auch für uns Schreiberlinge; mir zumindest hilft Selbstreflexion immer wieder beim Handwerk.

Einteilungsmöglichkeiten für Schriftstellertypen gibt es viele und in jeder Couleur: Denke ich mir alles komplett aus oder schreibe ich recherchierend real? Bin ich ein Drauflosschreiber oder ein Kapitel-Planer? Überarbeite ich den Text endlos oder beharre ich auf den spontan-goldenen-ersten Worten? Bin ich ein  Over- oder Underwriter? Und so weiter.

File:Franz Kafka 1910.jpg
Kafka, 1910. Quelle: Zdroj, via Wikipedia

Starten soll diese kleine Reihe um den „Autorentyp“ mit einer grundsätzlichen, fast schon psychologisch-philosophischen Frage. Sie ergibt sich aus der einfachen Feststellung: Eine Schriftstellerin, ein Schriftsteller ist ein Mensch, der beobachtet. Zuschaut. Und später aufschreibt. Zugespitzt gesagt, hält sie/er sich aus dem Leben heraus: Wer beobachtet, kann nicht „mitspielen“.

Als – extremes – Beispiel für diesen Typus habe ich Franz Kafka ausgewählt. Er verbrachte seine Tage als Büroangestellter in einer Versicherungs-Gesellschaft, lebte so unauffällig wie nur irgend möglich und schaffte es nie, eine wirkliche Liebesbeziehung aufzubauen. Einer von den stillen Typen also. Ein Beobachter, ein genialer Phantast. Ich glaube, dass tatsächlich eine Großzahl der SchriftstellerInnen diesem Fast-Klischee entspricht.  Wenn auch nicht so krass wie Kafka.

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Hemingway, 1923. Quelle: National Archives and Records, via Wikipedia

Aber den Gegenpol gibt es natürlich auch. Günter Grass beispielsweise, der sich etwa für die SPD engagierte und sogar agitierte. Oder eben, als Beispiel par excellence, Ernest Hemingway: Kriegsberichterstatter, Großwildjäger, Hochseeangler, Boxer, Stierkämpfer, vier Mal verheiratet, Säufer und Selbstmörder. Mehr mitten drin im Leben geht nicht. Er schaffte es offenbar, gleichzeitig zu leben und zu beobachten.

Kafka nicht, der beobachtete nur, stand außen vor. Sind deshalb seine Abgründe so tief?

Zwei Lebensentwürfe, zwei Positionen. Keine ist besser als die andere. Aber sie führen zu unterschiedlicher Literatur.

Also, welcher Typ bist Du – eher Hemingway oder doch Kafka?

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28 Gedanken zu “Welcher AutorInnen-Typ bist Du? (1)

  1. Dann bin ich ein Grass – ich beobachte andere zwar viel und nutze das gnadenlos, aber ich schreibe um eine Ausrede zu haben, mehr selbst ausprobieren zu können. Wenn ich über das Boxen schreibe, will ich es mit allen Sinnen erfahren. Natürlich geht das nicht bei allem, die Reisen, auf die ich meine Protagonisten manchmal schicke, kann ich leider nicht alle selbst machen (sonst hätte ich mit „Hemingway“ geantwortet). Aber einiges davon stammt schon aus selbst gesammelten Erfahrungen.

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    1. Super Punkt: Dieeeee Ausrede nutze ich auch – wann immer ich was auch immer ausprobiere (vom Tauchen bis Ytong-Schlagen) kann ich immer sagen (und sage es): Das kann ich für mein Schreiben verwenden! Und auch da hast Du recht: Eine Touri-Reise im Weltall beispielsweise war in meinem Budget auch noch nicht drin. Insofern bin auch ich ein Grass 🙂
      Liebe Grüße!

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      1. Ja und nein. Es ist einfacher und authentischer, über eine Hütte im Wald zu schreiben, wenn ich ähnliches erlebt habe. Aber zwingend notwendig? Kafka hat sich schließlich auch nie in einen Käfer verwandelt 🙂

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  2. Wie kommst Du darauf, Kafka habe nicht gelebt? Er ist gereist, mochte Gartenarbeit, er lebte in einer großen Familie, seine Eltern hatten ein Geschäft, er ging zu Lesungen und Veranstaltungen, er hatte Freunde. Und geliebt hat er des öfteren, war auch verlobt und ich denke, er hätte auch geheiratet, wäre er nicht so früh verstorben. Kafka war sehr reflektiert und sehr empfindsam. Er fand, wie kein anderer, Bilder für das, was sich in seiner Seele abspielte. Auch Kafka, lebte, beobachtete, reflektierte.

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    1. Freilich hat er gelebt – ich will um Gottes Willen keinen Zombie aus ihm machen 🙂 Aber wenn man seine Briefe und die Tagebücher liest, seine Beschreibung der Langeweile und Ödnis in seinem Job, seine Passivität bei den Liebesbeziehungen, ein proustsches Hin- und Her, sein selbst sehr stark erfühltes Außenseitertum, seine extremen Selbstzweifel – er verbot Max Brodth die posthume Veröffentlichung seiner Werke – all das ist für mich ganz klar ein introvertierter, beobachtender, leidender Charakter, der deutlich weniger „nach außen“ lebte als Hemingway. Und natürlich hat er beobachtet und reflektiert, wahrscheinlich sogar mehr als Hem. Geht das nicht aus meinem Beitrag hervor?

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      1. Mir gefällt von dem nur der alte Mann und das Meer…
        Diese kurze Geschichte hat ein ganz besonderes Flair…
        Und dafür hat er den Nobelpreis bekommen…

        Das ist sehr wenig im Vergleich zu Kafka, der ihn nicht bekam, weil er kein so egozentrischer Egomane wie dieser Säuferautor war…

        Die großen Romane Kafkas sind zeitlos schön, geheimnisvoll und stehen gar noch oberhalb jedes Nobelpreiseses, nämlich im literarischen Olymp!

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      2. „Wem die Stunde schlägt“ ist, wie ich finde, ebenfalls ein großartiger Roman. Aber wie gesagt, mir geht’s hier nicht um ein „besser“ oder „schlechter“, sondern um unterschiedliche Lebens- und Schreibens-Entwürfe. Und was die Nobelpreise angeht, da hast Du freilich recht: Die sagen nicht unbedingt viel …

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  3. Ich denke diese Thema ist sehr ambivalent / etwa genauso wie geschrieben wird oder wo?
    Von super Vergeistigt bis Handwerksbursche / von Eisenblass bis Managerin.
    Alles ist möglich. Und so zeigen sich dann auch die Ergebnisse.

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  4. Kommt wohl ganz auf die Literatur an, der man sich hingeben mag. Um eine Welt zu erschaffen, muss man nicht zwangsläufig eine kennen. Sofern aber der Anspruch nach Authentizität laut wird, winkt das Leben, das erfahren werden will. Vor allem, wenn es um menschliches Verhalten und dessen Abgründe geht.

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    1. Ein Sowohl-als-auch ist eher selten, denke ich. Ich zum Bleistift bin eher der Kafka-Typ, trainierte mir die Hem-Seite aber als Herausforderung und Entwicklungsschub an. Mittlerweile mache ich auch beides (sehr gerne), bleibe aber letztlich im Herzen eher Kafka-Typ. Aber auf jeden Fall ohne Suizid!! 🙂

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  5. Die Einordnung in Typen widerspricht meinem Verständnis als freie Autorin. Kafka und Hemingway sind beide starke Autoren, völlig unterschiedliche Menschen und ich finde sowohl im Menschlichen als auch im Schriftstellerischen bei jedem sympathische und befremdende Züge. Wie würde deine Einteilung wohl ausfallen, wenn du einen Mann und eine Frau oder zwei Autorinnen als Beispiele gewählt hättest? lg

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    1. Prinzipiell hege auch ich eher eine Abneigung gegen Typisierung. Andererseits find ich’s faszinierend – das ist, wie im ersten Satz angedeutet, ein wenig Selbsterkenntnis. Mit dem Geschlecht hat das – natürlich mit den allseits bekannten Einschränkungen – wenig zu tun. Ich hätte auch Stefanie Zweig für den Hemingway-Typ und Ilse Aichinger für den Kafka-Typ nehmen können. Für mich ist das weniger eine Frage von extrovertiert/introvertiert – so wie bei Bernstein und Karajan, um noch ein anderes Medium zu bemühen – sondern eher das „Erleben“ auf der einen und die Fokussierung auf das „Beobachten“ auf der anderen Seite. Liebe Grüße zurück!

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  6. Hemingway war mehr als nur ein Arsch. Man darf nicht vergessen, was er miterleben musste. Sein Vater hatte sich früh umgebracht und in seiner Familie gab es einen Hang zu Depressionen. Ich denke, er hat sehr früh mit seinen Dämonen kämpfen müssen und wahrscheinlich auch daher diese seltsame Lebenslust, die ja auch immer in Todessehnsucht umgeschlagen ist. Ansonsten finde ich diese Art der Kategorisierung leider zu oberflächlich. Man kann damit schnell daneben liegen. Aber lass dich nicht unterkriegen. Arbeite weiter dran.

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    1. Recht hast Du – mit beiden Punkten, auch wenn Hemingway insofern ein psychologisch verstehbarer Arsch war 🙂 Und freilich will ich nicht einfach daher kommen und die schreibende Menschheit in Typen einteilen – ich selbst bin mittlerweile auch ein „Mischtyp“. Dennoch glaube und weiß ich, dass SchriftstellerInnen mehr und anders beobachten und insofern auch leben. Das kann sehr leicht zu einem „passiven“ Blick führen. Herzliche Grüße!

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