2. Teil, 8. Kapitel, 2. Szene

Der Morgen erwachte mit einer Erinnerung: Vogelgezwitscher.

Immer noch hockte er neben Joshuas Körper, der vor Stunden noch heiß gewesen war wie die Oberfläche der Sonne, jetzt aber kühler wurde. Fast friedlich, dachte Simon. Als würde er schlafen.
Totenstarre, raunte der Erinnerungs-Joker ihm zu, aber Simon scheuchte ihn weg. Wörter waren gleichgültig. Erinnerungen waren gleichgültig. Hatte er Josh nicht versprochen, sie alle zum Ziel zu bringen? Nicht wichtig. Der letzte Anker in seinem Leben war gerissen, Simon trieb es vorwärts, unaufhaltsam jetzt, nach Norden. Gefühl unter der Schuhsohle? Ha, alter Freund, da irrtest du. Keine Tränen mehr, kein schmerzendes Herz. Weiter. Weiter nach Norden werde ich gehen, und dein kalter Körper neben mir ist nicht mehr als ein Stück Eis, nicht mehr als einer der Milliarden Frosties, die dem Blick der Medusa zum Opfer fielen. Farewell auch du, Joshua Gillroy, Seelord, mehr Worte gibt’s nicht von mir, nur dieses eine, und dann gehe ich weiter. Gehe, wohin ich muss, wohin der Stern aus Feuer mich führt. Pech, alter Freund.

Der Vogel machte weiter. Setzte ein mit einem zögerlichen Trillern, einem fragenden Piepsen, unsicher, fast ängstlich, aber schnell sicherer werdend, so als sänge er zum ersten Mal, sich selbst berauschend am eigenen Klang, legte er los und bejubelte schließlich den neuen Morgen. Vogelgezwitscher. Dreimal Aye, der Morgen erwachte mit einer Erinnerung. Und Simon lauschte ihr, lauschte dem Vogel draußen, vorm Zelt, und obwohl er nicht wollte, summte etwas in ihm mit. Eine Erinnerung, schon wieder, aber eine, die früh war, mein Gott, das konnte doch nicht sein, eine Erinnerung wie eine versteinerte Muschel, tief begraben unter Kilometern aus Fels. Vorsichtig klopfte Simon auf ihr herum, aber das Fossil hielt stand, blieb hart und klar, also hämmerte Simon weiter, trieb die Form aus den Schichten der Zeit, barg dieses Bild: Simon Segur als Kind, die noch faltenlosen Hände um die Hand seiner Mutter geschlossen, die bei ihm war, weil … er Angst hatte? Die bei ihm blieb, lange, die halbe Nacht? Bis … bis der morgendliche Vogelgesang losbrach und die Sonne ihr Licht schickte? Wann war das? Und wo?

Wo?

„Ein Toter und ein Vogel am Morgen – ein bisschen viel auf einmal.“ Lautlos hatte Lorielle die Zeltplane zurückgeschlagen. Musterte die Szene. Blickte zu Simon, spöttisch, mit einem befriedigten Grinsen auf den Lippen, einem Jetzt-weißt-du-wie-es-ist in den Augen. Sie zertrümmerte die blasse Erinnerung mit ihrem Lächeln, zerhackte das kostbare Fossil mit ihrem Blick, doch bevor nur noch Staub und Leere blieben, bohrte sich etwas in Simons Hirn wie ein Wurm, setzte sich fest wie ein Blutegel und ließ nicht mehr los, ein Wort und eine Ziffer, die in seinem Kopf hängen blieben wie ein Splitter im Daumen.

Refugium 49“, sagte Simon Segur. Und lächelte.

***

Sie ließen den gefrorenen Ozean und sein blendendes, endloses Weiß hinter sich, die Mündung des Flusses, den Schnee und Joshua Gillroy. Sie ließen ihn liegen in seinem Schlafsack im Zelt, Simon brachte es nicht über sich, die rituellen Worte zu sprechen. Kein Seelordbegräbnis für Josh. Sollte er träumen an Land, am Ufer. Und die P12, seine Waffe, legten sie ihm in die Hände wie ein Stofftier zum Schlaf.

Zurück blieb auch die Kälte: Auf ihrem Weg nach Norden, ins Landesinnere hinein, zerrten die beiden Mârins zum ersten Mal ihre Handschuhe von den Fingern und öffneten ihre Mäntel. Wärme. Ihnen wurde warm beim Gehen, dreimal Aye, Kap’tai!

Lorielle und Simon folgten dem schnell breiter werdenden, nur halb zugefrorenen Fluss nach Norden, stiegen die von ihm in das Bergmassiv gefräste Schlucht hinauf. Der Fluss, dachte Simon zersägt ganze Berge, brennt Schluchten in den Fels, obwohl er nur einfach weiter will, immer weiter, bis zum Meer. Merkt so ein Fluss, wie viele Steine er mitschleppt, wieviel in Wasser aufgelöste Erde? Ob wir auch irgendwann an unserem Meer ankommen, voll ausgewaschener Erinnerungen, und den ganzen Mist hineinströmen lassen in den Ozean? Oder war die Menschheit schon längst dort angelangt, wo auch immer dieser Ozean sein mochte? War das der Grund für die verlorenen Erinnerungen?

Sie gingen am Ufer des Flusses entlang, folgten seinen Bögen und Schleifen, seinem immer lauter werdenden Rauschen. Die Temperatur stieg, dichter wuchsen die Pflanzen, fetter, und ihre Augen, gewöhnt nur an das Weiß von Eis und noch mehr Eis, blinzelten geblendet, als sich neben ihnen Bäume und Gebüsch zur Sonne hochreckten, eine milde Gabe Licht, bitte, schienen sie zu betteln, streckten ihre Zweige und Blätter hinauf, drängelten sich um die besten Plätze. Noch wärmer wurde es, bald strahlte der Boden Dampf aus, der in dichten Schwaden zum Fluss trieb, Dampf wie in einer, ja, Sauna?

Simon erinnerte sich an dieses Wort, aber er verstand es nicht. Schaute aus den Augenwinkeln zu Lorielle, die schweigend neben ihm lief. Noch immer stakste sie puppenhaft voran, mit ihren Gedanken allein bei Theo, glaubte Simon, wortlos, blicklos, eine Maschine. Und wenn etwas aufglomm in ihren Augen, ein fast erloschener Rest von Leben, dann war es … Zorn. Sie hasst mich, erkannte Simon. Aber Hass war gut, das war eine weitere Maxime von Leutnant Ross gewesen, Hass ist das beste. Wer hasst, lebt am längsten.

Einen Tag lang marschierten sie durch die Schlucht, dann öffneten sich links und rechts von ihnen die Felsen, schoben sie die steinernen Vorhänge beiseite und gaben den Blick frei auf die Landschaft vor ihnen: dunkle, grüne Hügel, weite Steppen und hochgereckte Wiesen. Die Abenddämmerung warf ihr farbiges Netz aus und holte den funkelnden Fluss ein, der sich durch die grünen Kuppen schlängelte. Simons ausgehungerte Augen konnten sich nicht sattsehen an den Farben, an den Baumkronen, rund, oh ja, und lebendig, die ihm mit ihren im Wind raschelnden Blättern zu winken schienen, an den trägen Nebelwolken am Boden, der sanften Krümmung der Erde, die sich aufschob, endlich keine Ebene mehr, keine Fläche, kein Nichts aus Eis.

Der Fluss gluckste leise, auch er schien sich zu freuen. Aber Lorielle stöhnte auf. Sie war ein paar Schritte vor Simon, warf jetzt die beiden Rucksäcke ab, ihren und Theos und rannte los.

Fluchend folgte ihr Simon.

»Lorri! Was ist denn …« Weiter kam er nicht, weiter musste er nicht. Denn auch er hatte jetzt die reglose Gestalt am Flussufer bemerkt: Sie kauerte am Rand des Wassers, ein Knie am Boden, den Kopf nach vorne gebeugt, die Hand ausgestreckt um Wasser zu schöpfen. Ein Mann. Gehüllt in ein grelles, grünen Lichtgeschimmer, grün wie – Neon, schlug der Erinnerungs-Joker vor.

Ein Frostie.

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3 Gedanken zu “2. Teil, 8. Kapitel, 2. Szene

  1. Ui! Schöner Übergang vom „Eismeer“ ins „Paradies(?)“! Tja, wenn da nicht ein „Frostie“ wäre … Der schon mal verwendete Begriff „Medusa“ lässt ahnen, es handelt sich um versteinerte Menschen. Ich kann aber auch falsch liegen, freue mich jedenfalls aufs weiterlesen.

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