Die beste Verhaltenstherapie für AutorInnen: ACT

Jede(r) Schreibende beschäftigt sich wohl mit der Psyche des Menschen. Ohne ein solches Interesse könnten keine Charaktere auf dem Papier respektive dem Bildschirm entstehen, jedenfalls keine, die lebendig wirken (oder es gar tatsächlich sind – da scheiden sich die Geister …).

Deshalb lese ich mich immer wieder durch die unterschiedlichsten Therapieformen – auf dass ich dem menschlichen Geist auf die Schliche komme.

So wie ich das sehe, gibt es auf diesem weiten Feld zwei große Richtungen (neben der esoterischen Front): Psychoanalyse auf der einen und Verhaltenstherapie auf der anderen Seite. Beide scheinen sich nicht besonders grün zu sein, die eine Schule hält die andere für (mehr oder wenig) zwecklos.

Mir ist dieser Streit herzlich egal. Ich genieße – schon allein ob ihrer großartigen Sprache – die Schriften von Freud und Fromm, bin aber ebenso fasziniert von der eher „handfesten“ Herangehensweise der Verhaltenstherapie.

Durch Zufall machte ich nun Bekanntschaft mit einer relativ jungen Therapie-Form, einem Ansatz, der mir gerade für SchriftstellerInnen überaus interessant scheint. Denn Dreh- und Angelpunkt und Herz dieser Therapie ist die Geschichte, die Erzählung, die Metapher.

Über Fluch und Segen der Metapher beim Schreiben habe ich schon einmal hier gebloggt; dass man Metaphern aber auch therapeutisch nutzen kann, das … verblüffte mich dann doch.

Die Rede ist von der Akzeptanz- und Commitmenttherapie, kurz ACT genannt. Sie etablierte sich erst in den letzten Jahren, entwickelte sich aus kognitiven Ansätzen der Verhaltenstherapie – also Richtungen, die über veränderten Gedankenstrukturen negative Emotionen zu verändern suchen. ACT umschreibt ein Lern- und letztlich Lebensprogramm in sieben Schritten, die ich hier vereinfacht zusammenfassen:

  1. Gegenwärtig leben: die durch fortwährendes Üben zu erlangende Kompetenz, sich des Hier und Jetzt gewahr zu sein.
  2. Akzeptieren: ein aktives, offenes Annehmen der Gegebenheiten, ohne aber passiv hinzunehmen. „Akzeptanz“ gehört aktuell zu den Modeworten der Therapiewelt.
  3. Defusion: eine zentrale Technik, um Abstand zu gewinnen, sich zu „entschmelzen“. Es geht darum, nicht mehr eng an seinen Ängsten und negativen Emotionen zu kleben.
  4. Selbst als Kontext: das eigene Selbst als unberührte, ständig existente Einheit wahrnehmen und achten.
  5. Commitment: Meint in der ACT überzeugtes und engagiertes Handeln.
  6. Werteorientierungen: ausdrücklich keine Ziele, die zu erreichen sind, sondern persönliche Ausrichtungen, denen man wie nach den Sternen folgt.

Durchläuft man diese sechs therapeutischen Schritte, erlangt man psychische Flexibilität und ein selbstbestimmtes Handeln.

So weit, so kurz, so gut. Was mich nun als Autor an der Akzeptanz- und Commitmenttherapie so fasziniert, ist ihre schon genannte praktische Herangehensweise: Die sechs Kernkompetenzen der ACT werden hauptsächlich durch Geschichten und Metaphern vermittelt. Sie werden im Gespräch von Klient und Therapeut sowohl als Denkimpuls als auch zum Mitteilen eigener Erfahrungen eingesetzt.

Der Begriff „Metapher“ wird in der ACT allerdings sehr weit gefasst ist, handelt es sich doch um eine breite Mischung aus Sprachbildern, Analogien, Parabeln und Gleichnissen. Das fängt mit einfachen Metaphern an – unsere Werteorientierungen sind „wie ein Kompass durch den wir unsere Richtung halten“ – und geht bis zu Kurzgeschichen oder Erzählungen.

Ein Beispiel. Ein Therapeut erzählt seinem Klienten folgende Geschichte:

Mein Leben ist wie das Zimmer eines Hauses. Eines Tages bemerke ich, dass es aus einem Rohr in der Ecke tropft. Das Blubb der kleinen Wassertropfen macht mich immer nervöser. Das muss jetzt aufhören. Ich repariere die kleine undichte Stelle mit Isolierband. Ruhe. Wunderbar. Aber nach einiger Zeit hat das Wasser doch wieder seinen Weg durch das Isolierband gefunden, und das quälende Tropfen ist zurück. Also nehme ich wieder das Isolierband und umwickele die Stelle neu, dicker diesmal. Wieder erfolgreich! Wieder ist es ruhig! Aber wieder hält die Ruhe nicht an. Und so wickele ich weiter. Kein großes Problem: Isolierband ist billig und die Umwicklung kostet kaum Zeit. So geht das über Wochen, Monate, Jahre. Immer für kurze Zeit erfolgreich, immer leicht zu beheben. Und immer dicker ist die Umwicklung geworden – ich habe gar nicht wirklich gemerkt, wie dick!
Eines Tages wird mir klar: Ich habe nur noch wenig Platz in meinem Zimmer. Die Umwicklung ist mittlerweile riesig und bedrückend geworden. Wenn das so weiter geht, wird der ganze Raum mit dieser quellenden, monströsen Umwicklung erfüllt sein und ich bin eingeengt und – es tropft trotzdem weiter.
(Aus: Norbert Lotz: Metaphern in der Akzeptanz- und Commitmenttherapie, Basel 2016, S. 77)

Diese Metapher veranschaulicht unsere unangenehmen, störenden Gedanken in Form des nervenden Tropfens; das Isolierband repräsentiert die Vermeidung der entsprechenden Gedanken bzw. Erfahrungen sowie unsere Bemühungen um Kontrolle. Die Geschichte zeigt, wie solche Strategien auf Dauer unser Leben erheblich einschränken können. Indem der Therapeut das Vehikel der Metapher nutzt, fällt das oft Belehrende eines Rates weg, der Klient muss sich seine eigenen Gedanken über die Erzählung machen, und schließlich wirken die Bilder und Worte ganz unbewusst im Kopf nach.

Ist das nicht großartig? Die Kraft von Geschichten, die Macht des Wortes – jetzt endlich auch wisschenschaftlich genutzt! Da scheinen mir archetypische Kräfte am Werk zu sein, die Magie des Erzählens-am-Lagerfeuer und die Weisheit von Märchen. Eine wahrlich schrifststeller-afine Therapieform!

Zum Schluss noch drei Buchempfehlungen zur ACT:

Russ Harris hat mehrere Bücher zur ACT geschrieben, alle sehr anschaulich geschrieben, alles sehr überzeugend in ihrer Argumentation. Gut zum Reinschnuppern.
400 Seiten, Goldmann Verlag 2013, 9,99 €.

War letzlich mein Lieblingsbuch: Norbert Lotz gibt eine fundierte theoretische Grundlage zur ACT und gießt anschließend ein ganzes Füllhorn von Metaphern und Geschichten aus. Leider ziemlich teuer.
240 Seiten, Beltz Verlag 2016, 36,95 €

Einer der Klassiker zum Thema, den ich schon aufgrund des wunderbaren Titels lesen musste: „In Abstand zur inneren Wormaschine“. Ha. Nicht, dass ich in Abstand zu meiner kommen möchte …
304 Seiten, dgvt-Verlag 2007, 24,00 €

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8 Gedanken zu “Die beste Verhaltenstherapie für AutorInnen: ACT

  1. Ich habe schon immer mitbekommen, dass Autorinnen und Autoren Schreibratgeber lesen, um Schreiben zu lernen. Dass sich jemand Erkenntnisse der Psychotherapie zu Nutzen macht, ist mir zwar neu, aber nicht abwegig. Ich möchte niemanden beleidigen oder die Anschaffung manchmal teurer Ratgeber infrage stellen – aber ist das notwendig?
    Drei Dinge haben mich, wenn ich mal etwas persönliches sagen darf, zum Schreiben präpariert. Meine Oma, die uns Enkel stets spannende Geschichten aus ihrem bewegten Leben erzählte. Auch wenn sie manchmal eine Geschichte wiederholte, war der Spannungsbogen perfekt und am Ende sollte sie noch eine erzählen. Die Schule, in der ich endlich lesen und schreiben lernte, denn gierig war ich danach, Bücher zu lesen. Meine Aufsätze bekamen immer die Bestnote. Und dann unsere kleine Gemeindebibliothek, als sie zu eng wurde, die Stadtbibliothek, bis ich mir selber Bücher leisten konnte. Also, wer hat Argumente dafür, so etwas zu lesen wie „Wie man einen verdammt guten Roman schreibt“?

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    1. Um Gottes Villen – nein. Notwendig ist Psychologie natürlich nicht, im Gegenteil, nach wie vor weigern sich viele Autoren ja dagegen, sich ihre Kreativität „weganalysieren“ zu lassen. Und auch bei Schreibregeln bin ich immer sehr skeptisch. Mich interessiert das Zeug einfach brennend, so einfach ist das. Sowohl Schreibratgeber wie Psychologie. Nicht, dass ich meine Figuren nach irgendwelchen psychologischen Formeln anlegen würde – aber schaden tut’s mir auch nicht, wenn ich über die Funktion unseres Denkens und Fühlens theoretisch Bescheid weiß. Ich find’s einfach wahnsinnig spannend – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und alles was ich lerne – in welchen Bereichen auch immer – fließt ja dann doch irgendwie ins Schreiben hinein. Und was ich bei der ACT eben so faszinierend finde: Sie setzt Geschichten und Metaphern ein, um zu therapieren. Genial.
      Argumente für die Lektüre von Schreibratgebern gibt’s aber dennoch: Irgendwas lernt man immer. Bei mir waren es zum Beispiel Dialoge. Da hatte ich lange Schwierigkeiten, die lebendig klingen zu lassen. Die Tipps aus Ratgebern halfen mir dabei. Sie schärfen den Blick auf die eigene Arbeit. Sie machen Vorschläge. Sie öffnen Türen. Durchaus. Davon abgesehen hast Du prinzipiell natürlich recht. Und ich hätte Dich gern bei meinem eigenen Ratgeberproekt dabei – hättest Du Lust? https://einbuchwiekingsturm.wordpress.com/2016/08/26/was-so-in-keinem-schreibratgeber-steht/

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      1. Diesen Aufruf „Was so in keinem Schreibratgeber steht“ habe ich schon gelesen, es hat mich sehr in den Fingern gejuckt … leider leider habe ich im Moment viel zu wenig Zeit. Leider hört sich das wie eine Ausrede an. (Ich muss mein Buchprojekt zusammen mit dem Verlag zu Ende kriegen!) Ich respektiere natürlich, dass die Thematik ACT für Dich sehr spannend ist, und ich habe ja auch alles bis zum Ende mitgelesen. Auch jetzt in Deiner Antwort finde ich es höchst interessant, wie Du durch Schreibratgeber bessere Dialoge schreiben konntest. Ich produziere und produziere. Vielleicht täte mir mal auch so ein Ratgeber gut, um mal von einer anderen Position aus Dinge zu schreiben. Aber die Zeit …

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      2. Na, überlegs Dir. Wie gesagt, fände ich schön, einen Text dabei zu haben von einem erklärten Anti-Ratgeber-Schreiber 🙂 Ist nach wie vor in weiter Planung, nächstes Frühjahr wird das losgehen – nicht früher. Und zu den Ratgebern kann ich nur wiederholen: Les mal Kings „Übers Schreiben“. Das ist zumindest sehr gut geschrieben 🙂

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  2. Konzentrierst Du Dich auf die Psychoanalyse und die Verhaltenstherapie, weil sie eher wortgeprägt sind? Oder sortierst Du die zahlreichen anderen Therapieformen da mit ein? Mir fehlt der ganze Bereich der Kuntstherapien, ob jetzt die darstellende Kunst, also Tanz, Theater oder die gestaltende, wie Malerei, Formen mit unterschiedlichen Materialien wie Ton, Holz oder Stein oder auch das Therapeutische Bogenschießen (ich konnt’s mir nicht verkneifen). Und und und .. das sind weder rein analytische, geschweige denn verhaltenstherapeutische Ansätze und meine Aufzählung ist auch nicht einmal ansatzweise vollständig. Das letzte Sonderheft der ZEIT hat mich ja etwas enttäuscht, deren Vorstellung der Psychotherapien beschränkte sich auch auf die beiden von Dir genannten… Ich denke, gerade die Kunsttherapie bietet auch Autoren Möglichkeiten, sich einmal anders mt der Psyche zu befassen und Gefühle anders wahrzunehmen und dann eben auch wiederzugeben. .

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    1. Ich fokussiere mich hier auf diese beiden Formen, weil’s für mein Schreiben spannend ist. Was Therapie am eigenen Leib angeht, bin ich eher der esoterische Typ 🙂 Denn ich finde prinzipiell auch, dass Therapie über den Atem und über den Körper leichter, weil ohne den Umweg über Verstand und Kopf, und direkter funktionieren kann. Für mich als Schriftsteller bringt das aber nichts. Ich will wissen, wie unser Denken und Handeln funktioniert, damit ich meine Figuren lebendiger gestalten kann.
      Und bei der ACT fand ich einfach faszinierend, dass da erstmals eine Therapieform ausdrücklich das Erzählen von Geschichten (also meinen Job) einbindet.
      Liebe Grüße!

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  3. Hat dies auf Schreiben beflügelt ! rebloggt und kommentierte:
    Simon Segurs Blog kann ich sehr empfehlen – und greife hier seine Empfehlung für Autoren heraus, die mir gefällt, weil sie mit Metaphern arbeitet und wir sie auch beim Gesundheitsfördernden Kreativen Schreiben einsetzen: ACT. Was sich dahinter verbirgt und was es mit ‚Ein Buch wie…‘ auf sich hat: Weiterlesen bei Simon! Beste Grüße von SuDi

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