2. Teil, 7. Kapitel, 2. Szene

Simon rannte zurück, schoss am Zelt vorbei, aus dem Joshuas fieberrotes, fragendes Gesicht herausleuchtete und rannte weiter. Als er Lorielle erreichte, kniete sie am Boden und wischte ihr blutiges Messer am Mantel ab.

»Was ist?«, keuchte Simon.

»Eine …« Sie zögerte, suchte nach dem richtigen Wort. »Robbe?« Fragend blickte sie zu ihm hoch.

Segur beugte sich hinab, musterte das Tier und zuckte mit den Schultern.

»Seehund?«, versuchte es Lorielle erneut.

»Wie auch immer.« Ein Lächeln stahl sich unbemerkt auf seine Lippen. »Hauptsache wir können es essen.« Er drückte sich hoch, schaute ihr einen Moment zu, wie sie geschickt Hautstreifen vom massigen Körper des Tieres schnitt und ließ seinen Kopf kreisen. Im Nacken knackte es, und weiter vorne erkannte er einen grünen Streifen an der Felswand.

»Geht es?«, fragte er.

Lorielle schien nicht auf ihn zu achten, tauchte nur weiter das Messer in dampfendes Fleisch, elementare Bedürfnisse, ihr knurrender Magen, der durch Blut und Gedärme nur noch lauter wurde, aber dann nickte sie doch.

Simon ging los. Ja, das war eindeutig Grün, und wo Pflanzen waren, gab es auch Holz und ein Feuer. Alles wird gut werden. Wir werden uns die ausgehöhlten Bäuche vollschlagen und einen Weg nach Norden finden. Einen Weg zum Elmsfeuer. Einen Weg in die … Erlösung. Aber dann dachte Simon an die mechanischen, puppenhaften Bewegungen, mit denen Lorielle dem Tier die Haut abzog, dachte an Joshuas Fieber, und ein Zittern ging über seinen Körper. Nichts würde gut werden.
Nichts.

Vor ihm öffnete sich eine enge Bucht. Die Wüste aus Schnee und Eis blieb mit jedem Schritt weiter hinter ihm zurück, die schroffgraue Felswand vor ihm füllte sich mit Tupfern aus Blau und Grün. Ein leises Plätschern empfing ihn, ein Bach, der nur an den Rändern gefroren war und seinen Weg zu Mama Ozean suchte.

Nein, Simon würde keinen Hammer brauchen, um eine Bresche in den Fels zu schlagen. Den Ahnen der Mârins sei Dank. Diese Arbeit hatte ihm der kleine Fluss abgenommen, der hatte ein Bett gegraben in die Steinwand. Vor Erleichterung taumelnd, starrte er auf die Bucht, entdeckte kleine Bäumen über sich am Flussrand, gekrümmt von Kälte und kleingehalten vom Wind, nur mit kümmerlichen Blättern und fauligen Stellen im Stamm, aber, bei allen Seelords: Es waren Bäume. Und in den halbkahlen Zweigen meinte Simon Bewegung zu erahnen. Vögel. Leben. Grün. Bäume und ein kleiner Fluss, der aus Norden kam, der sich durch die Berge gefressen hatte. An dessen Ufer sie weiter eindringen konnten in das Land.

An Land, dachte Simon Segur, jetzt gehen wir wirklich an Land. Vielleicht wird doch noch alles gut. Vielleicht. Bleibe aufmerksam, Mârin. Wenigstens dieses Mal.

***

Am Abend brannte ein Feuer vor ihren Zelten, die sie hierher verlegt hatten, an das in den Ozean mäandernden Flüsschen, an die Bäume, die ihre Stimmung aufhellten, allein dadurch dass sie exisiterten. Viel Holz hatten sie den Seelords nicht geben wollen, diese Bäume, geizig hielten sie die zähen Äste zurück. Lorielle und Simon hatten lange gebraucht, um genug Holz zu sammeln.

Aber nun brannte das Feuer. Jetzt kauerten sie sich davor, und zwei Augenpaare fixierten gierig die hölzernen Spieße mit Fleisch. Schließlich hielt Lorielle es nicht länger aus, riss mit dem Vorrecht des Jägers ein Stück halb gegartes Fleisch vom Feuer, kaute, schluckte und knurrte zufrieden. Auch Simon wartete nicht länger und tat es ihr nach, zu stark verstopfte der Geruch nach Gebratenem jeden anderen Gedanken, erstickte sogar den Ruf des Elmsfeuers in seinem Kopf. Er biss in das Fleisch. Kaute kaum, schlang hinab. Hörte das Schmatzen von Lorielle, spürte das Fett aus seinen Mundwinkeln tropfen, und da tastete wieder das Grauen nach seinem Herz, drückte spielerisch zu, nur ein kleines bisschen. Was geschieht mit uns, dachte Simon wie so oft. Er erinnerte sich an die Kombüse der MS Cohiba, wie dort Theo im Topf rührte und Mike seine Witzchen machte, verglich dieses Bild mit der zähnefletschenden Lorielle und seinen fettigen Händen. Was passiert, dachte er, dass wir uns langsam in Tiere verwandeln?

Unter größter Anstrengung steckte Simon den Holzstab zurück zum Feuer, schnitt kurz danach ein paar Stücke Fleisch für Joshua ab, der weder Feuer, noch Bäume, noch Fleisch wahrzunehmen schien und in die Nacht hinaufstarrte. Simon musste ihn füttern, spürte dabei die Hitze von Joshuas Körper stärker brennen denn je. Mühsam kam Gillroys Atem, hechelnd und vermischt mit blutigem Schleim, mühsam schluckte er die von Simon eingetrichterten Fleischstücke. Joshua hockte gekrümmt neben ihm und lachte heiser. »An diesem Festmahl«, krächzte er, »hätte Mike seine Freude gehabt.«

Simon nickte nur. Blickte abwechselnd von seinem zitternden, schwitzenden  Freund zu der wie irrsinnig schlingenden Lorielle. Jeder, dachte er, der einen Weg ins Ungewisse nimmt, hat den Wahnsinn als ständigen Begleiter.

In der Nacht kippte Joshuas Krankheit in den Abgrund, stürzte hinunter Richtung Tod.

Das Feuer lag ausgebrannt vor ihrem Zelt, der süße, so lange vermisste Geruch nach Rauch hing noch über ihnen, der Dunst von geschmolzenem Fett aus dem Bauch des Robbentiers. Simon wurde vom Stöhnen des Mârins geweckt, der sich auf seinem Lager hin und her warf. Zuckend und zitternd in einem Schlaf, der mehr erschöpfter Kampf war als Ruhe, und immer wieder unterbrochen wurde von knackendem Husten. Lorielle schlief weiter, mechanisch in ihrem Atem genauso wie im Gehen und Schauen, aber Simon zündete eine Kerze an, machte sich Sorgen um die kleine Zahl von Streichhölzern in der Schachtel und richtete den gelben Lichtschein schließlich auf Joshua.

„Nein!“, krächzte Simon Segur.

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9 Gedanken zu “2. Teil, 7. Kapitel, 2. Szene

  1. Nun, ich würde dieses Kapitel als retardierendes Element bezeichnen. Dennoch nicht als redundant. Ich meine, ich halte diese Passage nicht für überflüssig, es wird ja unter anderem der Schuss vom letzten Kapitel aufgeklärt, doch die Handlung holt wieder Luft, um zu einem neuen Höhepunkt zu gelangen. Das ist auch gut so, bekommt der Leser nämlich noch mal die Erinnerung daran, in welcher unbekannten Welt / Zeit die Story spielt. Und bei all dem Glück der Expedition (Land, Wasser, Vegetation) bleibt das große Unbehagen, wenn Simon denkt: „Nichts würde gut werden.“ Ich frage mich, wer am Ende übrig bleibt. Alle Personen sind ja fast tot. Joshua stirbt im nächsten Kapitel. Dann wären es nur noch Lorielle und Simon. Irgendetwas sagt mir, dass letzterer das Rennen macht.

    Gefällt 1 Person

    1. Danke für diese kostenlose wie hoch interessante Analyse 🙂 Spannend, in welche Richtung Du denkst – schaun mer mal. Dass Simon als tragender Charakter übrig bliebt, halte ich auch für wahrscheinlich … Noch einmal meinen ganz herzlichen Dank!

      Gefällt 2 Personen

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