2. Teil, 7. Kapitel, 1. Szene

7

Sie bemerkten das Land zuerst an seinem Klang. Mit einem Mal wandelte sich das knisternde, schwingende Stampfen ihrer Füße auf dem gefrorenen Meer in ein trockenes Knarzen, in das Geräusch von Stiefeln auf Schnee und einem anderen Eis, einem, das kein Wasser mehr bedeckte. Sondern Steine. Boden. Erde.

Nur mühsam hatten sie sich weiter geschleppt. Lorielle bewegte sich stumm und mechanisch wie eine zusammengeflickte Puppe, trug ihren eigenen Rucksack auf dem Rücken, den von Theo vor dem Bauch. Am Morgen nach dem Hay-Angriff hatten sie ihn aus dem Eisloch gefischt, und jetzt trug sie ihn, wiegte ihn in den Armen wie ein Kind.

Lorielles Krankheit steckte im Geist, Joshuas Fieber im Körper. Taumelnd setzte er seine Schritte, meist gestützt von Simon. Schüttelfrost jagte in Wellen über seine Haut, und ein brutaler Husten bellte aus den Lungen.

»Ich schwitze wie ein Schwein«, keuchte er.

»Na und?«, versuchte Simon einen Witz. »Du warst ja schon immer eins.«

Keiner lachte. Simon Segur hatte viele Talente, aber Humor gehörte nicht dazu. Für schlechte Witze war Mike zuständig gewesen.

»Lasst mich hier, Simon. Ich bin zu langsam. Ohne Nahrung können wir nicht …«

»Das TEAM, schon vergessen?«, unterbrach ihn Segur. »Und dein Fieber könnte nützlich sein: Wenn uns die Streichhölzer ausgehen, werden wir an deinem heißen Dickkopf die Kerzen anzünden.«

»Lass es.« Joshua hustete grünen Schleim. „Du kannst den Bär nicht ersetzen.“

Dann hatte sich das Geräusch unter ihren Stiefeln verändert, und schließlich verwandelte sich auch die Luft, wehte einen Geruch heran, einen Hauch von … Pflanzen? Bäumen? Wie ein Liebeskranker am Höschen seiner Göttin schnuppert, so saugten sie den neuen Duft, den ungewohnt frischen Geschmack in sich hinein, neu, ja, und doch alt, gemischt mit verloren geglaubten Erinnerungen.
Land.

Am Nachmittag erreichten sie den Fuß einer Felswand. Nicht besonders hoch, nicht besonders steil.

»Klettern!«, stöhnte Joshua und ließ sich dort auf die Erde fallen, wo er gerade stand. Wirklich und wahr, das war Erde, seine Finger in den dicken Handschuhen bohrten sich durchs Weiß und fanden braunschwarze Krummen. »Klettern«, wiederholte Gillroy. »Kannst du vergessen mit mir.« Er spuckte aus: nicht mehr grün, sondern rot.

Simon starrte den Fleck an. »Müssen wir nicht«, sagte er, zerrte seinen Handschuh von den Fingern und fühlte Joshua die Stirn, wäre fast zurück gezuckt, so heiß brannte die Haut seines Freundes. »Wir werden eine Schlucht finden, Josh. Einen Pass. Und wenn nicht, werde ich mit einem Hammer selber eine Bresche in den verdammten Felsen schlagen. Ruh‘ dich aus.«

Sie bauten die Zelte auf, halfen Gillroy in seinen Schlafsack und teilten sich auf: Lorielle ging nach Osten, Simon nach Westen. Sie mussten nicht nur einen Weg durch die Bergwand finden, weiter nach Norden, immer nur Norden, sondern auch Nahrung. Der Hunger schwächte nicht nur Joshua.

»Lorri?«, fragte er, bevor sie sich trennten. »Hast du nachgeladen?«

Sie starrte ihn an, immer noch gefangen, immer noch gequält. Fingerte – in durch den ewigen Drill antrainierter Mechanik – nach ihrer P 12, wog sie in der Hand und schüttelte den Kopf.
Wortlos reichte Simon ihr ein Ersatzmagazin, drehte sich um und ging los, folgte dem schmalen Uferband zwischen Eismeer und Steilküste nach Westen.

Noch nicht lange war ihr kleines Lager hinter einer Biegung verschwunden, da hörte er die Schüsse.

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9 Gedanken zu “2. Teil, 7. Kapitel, 1. Szene

  1. Hier also die Fortsetzung, die ich sofort gelesen habe! Schade, schade, dass ich nun ungeduldig warten muss, bis ich weiß, was es mit den Schüssen auf sich hat …! Theos Reste im Rucksack vor dem Bauch von Lorielle. Ganz groß! Und die Tatsache hier zum allerersten Mal Land zu betreten, so völlig unpathetisch, unterkühlt zu erzählen, entspricht ja auch voll dem Zustand der Expedition: Fast komplett umgekommen und aufgerieben. Weiß irgendwer noch, wofür er es macht?

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