2. Teil, 6. Kapitel, 2. Szene

Japsend lag Simon Segur auf dem Rücken, jetzt konnte er verstehen wie sich ein Fisch fühlen mochte, der an Deck lag mit pumpender Schnauze und sich dehnenden Kiemen. Er keuchte nur. Seine Arme, er konnte seine Arme nicht bewegen, starr lagen sie neben ihm wie abgefallen, nur noch als atmender Rumpf fühlte er sich, die Kälte würde ihn umbringen, dreimal Aye, wie musste es dann erst Josh gehen.

Aber nein: Mit seinen Armen war alles in Ordnung. Nur die Mantelärmel waren gefroren, Simon musste sie durchbrechen, dann kroch er auch schon zu Gillroy hinüber.

»Josh! Mach keinen Scheiß, Mârin!« Er gab ihm Ohrfeigen. Er rieb ihn und schüttelte. Er drückte seinen Atem in Joshuas Mund, zwischen die violettblauen Lippen hindurch, und endlich bäumte Gillroy sich auf, nur ein wenig, schwach und zitternd. Auch die Augen bewegten sich, klappten hoch. Dann die Lippen.

»Kalt«, flüsterte Joshua Gillroy.

Simon massierte ihm die Glieder und brüllte: »Lorri! Bau das Zelt auf! Und Kerzen. Soviel Kerzen wie wir haben!«

Aber diesmal war Lorielle es, die sich nicht bewegte. Immer noch stand sie an der Eiskante neben den Flecken von Theos Blut, noch immer hielt sie die P 12 in der waagrecht ausgestreckten Hand und starrte in das jetzt nur noch leise schwappende Wasser.

»Lorielle!«, rief Simon, aber sie hörte ihn nicht. Fluchend bedeckte er Joshua mit seinem Mantel und hetzte zum nächsten Rucksack. Das TEAM, ja …

Viel war nicht davon übrig geblieben.

***

»Theo?«, krächzte Joshua. Das Zelt zitterte leicht im Wind, selbst das Zelt schien zu frieren. Die Kerzen brannten, sie standen so dicht, dass die Plane an mehreren Stellen anschmorte. Na und? Simon war’s egal. Er hatte Joshua die Kleider abgestreift und ihn in den Thermo-Schlafsack gesteckt, hatte gewartet und gemurmelt, gemurmelt und gewartet, bis Gillroy endlich zu sich kam. Und nur ein Wort krächzte. Einen Namen.

Simon schüttelte den Kopf. »Der Hay hat ihn … erwischt.«

Joshua stöhnte. »Und Lorri?«

Simon hob die Hände. Er wusste es nicht.

»Hol sie«, hustete Gillroy.

Folgsam stand Simon auf, schob sich nach draußen aufs Eis. Die Sonne stand tief, bemalte ein paar Wattewolken mit lustigbunter orangener und roter Farbe. Lorielle stand da wie zuvor. Immer noch. Nur die Waffe war herabgesunken, hing jetzt wie eine monströse, verkrüppelte Hand an ihren Fingern. Auch auf Lorielle tupfte die Sonne mit ihren Farben herum, malte rote Bäckchen und eine glühende Stirn.

Simon erschauerte. Trat einen Schritt zu ihr.

Wie beleidigt ging die Sonne unter, schnell und grußlos. Sofort griff die Dunkelheit nach dem freien Platz, kippte ihre Schatten über das Eis. Mochte die Sonne auch eine große Malerin sein, die Dunkelheit arbeitete in Schwarz und Weiß, dreimal Aye, die Nacht war eine begnadete Zeichnerin.

»Lorri?« Simon machte noch einen Schritt, doch sie hörte ihn nicht. Murmelte endlos einen Satz, wiederholte ohne Pause vier Worte, redete mit dem Hay, flehte ihn an, bettelte – nur diesen einen Satz, immer und immer wieder. Lorielle starrte in das Wasser, von der Dunkelheit grau behaucht, und flüsterte. »Bring ihn mir zurück bring ihn mir zurück bring ihn mir …«

»Lorielle!« Der Seelord berührte sie an den Schultern, packte sie mit beiden Armen, drehte sie zu sich um. „»Lorielle, der Hay ist fort.«

Sie flüsterte ihr Mantra, ohne Pause, ohne Atem, aber als sie Simon erkannte, mischte sich Wut in ihren stoischen, leeren Gesichtsausdruck, und er wusste nicht, wen sie meinte, den Hay oder ihn, Simon Segur, als sie plötzlich schrie: »BRING IHN MIR ZURÜCK!«

Er umarmte sie. Drückte sie an sich, strich ihr über den Rücken, streichelte durch ihre Haare. Er bot Trost an, schäbig und unbeholfen, aber es war der einzige Trost, den er geben konnte, und beharrlich war er, dreimal Aye, Kap’tai, er hielt sie, bis die gemurmelten und geschrienen Wörter endlich auseinander brachen, sich in Schluchzer teilten und Tränen.

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3 Gedanken zu “2. Teil, 6. Kapitel, 2. Szene

  1. Okay. Nun habe ich bis hierhin alle Kapitel aufgeholt! Es gibt einige Dinge, die den kompletten Text ungeheuer spannend machen. Verstörende Dinge, Dinge die bis hier hin nicht aufgelöst werden. Was bedeutet es, wenn „die Erde einen Schubs bekommen“ hat? „Was ist die „Medusa“? Gab es eine Apokalypse, die man nur auf dem Meer überleben konnte? Was ist mit der Amnesie, die alle haben? Ich will gar keine Antworten und hoffe auf ein dickes Ende, welches alles aufklärt.

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  2. Meinen herzlichen Dank! Freut mich sehr, dass der Text Dir soweit gefällt. Und ich hoffe natürlich wie Du, dass mir das Ende „dick“ genug gelingt. Wobei ich schon mal betonen muss: „Elmsfeuer“ ist nur der erste Band von dreien. Simon Segurs Reise wird eine lange und hoffentlich abwechslungsreiche werden – offene Fragen werden also übrig bleiben. Liebe Grüße!

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