2. Teil, 6. Kapitel, 1. Szene

6

Das Maul schloss sich um Theo, verschluckte ihn bis zur Hüfte, trennte mit einem einzigen Biss die Beine vom Rumpf, die blutspritzend auf dem Eis zuckten, oh ja, sie legten einen irrsinnigen Tanz hin, Theos Beine, bis sie torkelnd über das zertrümmerte Eis ins Wasser kippten.

Simon starrte, das Grauen hielt ihn, drückte und erdrückte ihn, ließ sich nicht abschütteln, da konnte er denken, was er wollte. Steh auf, steh auf, steh auf!, brüllte es in seinem Kopf, aber das Grauen lachte nur, zeigte ihm noch einmal das Bild von Theos taumelnden Beinen, ein guter Schnappschuss, oh ja, meinen Dank für diesen schönen Erinnerungs-Joker, der hat gefehlt, dreimal Aye, Kap’tai.

Lorielle war es, die wie ein Seelord reagierte. Noch war der gewaltige, mordende Hay kaum wieder im Wasser, da lag die P 12 schon in ihrer Hand und ein Schrei auf ihren Lippen. Brüllend rannte sie vorwärts, legte beidhändig an, zielte und schoss, 15 Kugeln im Magazin, 15 mal Neunmillimeter-Blei, Lorielle schrie und feuerte, schrie und feuerte, bis die Pistole nur noch leise klickte.

Erst da rang Simon das Grauen nieder, drückte es zurück in die Kellergewölbe seiner Gefühlsfestung. Mit einervom dicken Mantel behinderten Rolle schwang er sich hoch, blickte sich um, suchend, voll Angst, und dann hetzte auch er los.

Josh. Wo war Joshua?

Simon rannte vorwärts durch die Trümmerlandschaft aus zersplittertem Eises, sollte er doch einbrechen, jetzt war ohnehin alles egal, nur den schmierigen Blutstreifen wich er aus und spähte auf das Wasserloch, groß wie ein Schwimmbecken, gezackt wie eine eingeschlagene Fensterscheibe. Und entdeckte endlich Gillroy: An der anderen Seite des Lochs, immer wieder abrutschend, klammerte Josh sich an einer Eiskante fest, strampelte mit den Füßen, rutschte wieder, packte erneut zu, wurde müde, musste müde werden – und rutschte erneut.

Simon Segur rannte.

»Rennen ist keine Schande«, hatte Leutnant Ross ihnen oft gepredigt, »es kommt nur auf die Richtung an.«

Simon rannte, schlitterte die letzten Meter auf dem Eis entlang, wäre selbst fast gestürzt. Seine Augen quollen hervor, denn keine von Joshuas Händen klammerte sich mehr an das Eis, nur eine einzige Fingerspitze ragte gerade noch aus dem Wasser, das durchsichtig war wie Glas, er sah Gillroys Körper untergehen, gehüllt in Schlieren und Schleier, hellblau und klar war dieses Wasser, schön eigentlich, so schön, aber auch kalt. Simon robbte auf dem Bauch vorwärts und schob seinen Kopf hinein in diesen hellblauen Tod, steckte den Schock weg, runter damit in die Kellergewölbe, als das Wasser sein Gesicht berührte, so kalt, dass es schon wieder Feuer wurde und brannte. Mit den Händen griff er in die Tiefe, erwischte Joshuas Hand, zog, rutschte aber selber vom glatten Eis, seine Stiefel oben in der Luft fanden keinen Halt, sein Oberkörper im Wasser wurde von Joshuas Gewicht nach unten gezogen, doch er würde ihn nicht loslassen, oh nein, Sir, niemals, und wenn sie beide drauf gingen dabei, so nicht, Mister Elmsfeuer. Simon bot all die Kraft auf, die Jahrzehnte des Seelord-Trainings in seine Beine gepumpt hatten, krümmte seine Knie, verbog seinen Fuß, Gott, wie das schmerzte, bis das Steigeisen endlich ins Eis biss. Seine Füße fanden Halt, Danke Welt, ich singe für dich, er stemmte sich ab und zerrte mit einem gewaltigen Ruck sich selbst und Joshua Gillroy aus dem Wasser.

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13 Gedanken zu “2. Teil, 6. Kapitel, 1. Szene

  1. Eingestiegen bin ich hier erst im 2. Teil, 5. Kapitel, 2. Szene. Es endete mit „Zick-Zack“. Ein extrem eleganter Cliff Hanger, denn nun im 6. Kapitel, 1. Szene beißt der Hay Theos Beine ab – und das war es wohl mit dem Mann. Was sind das für Leute, die da unterwegs sind? Sind es Soldaten? Aber wo und auch wann? Nicht nur die Schreibweise des Wortes „Hay“ ist merkwürdig, auch andere Wörter. Ich sehe schon, ich muss mir das von Anfang an zu Gemüte führen. Verstanden habe ich, das jede neue Szene hier Premiere feiert. Dieses Projekt soll auch von Stephen King inspiriert sein. Nun gut, seine Werke kenne ich gar nicht, aber das tut meinem Interesse keinen Abbruch.

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    1. Schön, dass Du Zeit und Lust gefunden hast, mal reinzulesen – freut mich sehr! Ja, die Truppe besteht aus Soldaten, Mârins oder Seelords genannt, Nachfolger von der Marine. Die Geschichte spielt in einer Zukunft, die von der (noch) mysteriösen Krankheit namens Medusa oder Gorgone beherrscht wird. Eine Art sanfte Apokalypse, wenn man so will. Die fünf überlebenden Mârins lebten lange Zeit auf der MS Cohiba, eingeschlossen im Eis, bevor Visionen eines Elmsfeuers sie von Bord trieben. Du kannst Dir den Anfang als PDF oder E-Book runterladen, die Dateien sind allerdings leider lange nicht aktualisiert worden.
      Und Du hast noch keinen King gelesen? Warum denn das nicht 🙂 ?
      Nochmals meinen Dank und liebe Grüße!

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      1. Die PDF habe ich bereits gefunden. Außerordentlich guter Einstieg! Ich meine im ersten Absatz das Eis als so bedrohlich, so furchteinflößend durch sein bloßes übermächtiges Geräusch zu schildern. Hat etwas. Als meine Freunde um mich herum damals anfingen, Stephen King zu lesen, war ich wohl mit anderen Büchern beschäftigt. Dann sah ich die Verfilmung von „Es“. Ich weiß nicht, wieweit der Film an die Vorlage heran reicht, doch selten hat ein Film so viel Angst und Panik bei mir ausgelöst. Horror pur – und da steh ich gar nicht drauf. Ich beschloss, um King immer einen großen Bogen zu machen. Du hast gefragt!

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  2. Danke für die Blumen 🙂
    Ja, King ist in der Tat gruselig, aber in seinen besten Büchern eben eher Suspens und Psychologie als Splatter. Seine 8-bändige Turm-Saga ist mehr Apokalypse-Science-Fiction-Western als Horror, vielleicht wär‘ das ja doch mal irgendwann etwas für Dich 🙂 Und in seinen späteren Büchern ist der King – etwa aktuell die Trilogie im Mr. Mercedes – eher auf der Krimi-Schiene. Was ihn so lesenswert macht, für mich, ist: Kaum ein Autor gestaltet seine Figuren derart lebendig.
    Liebe Grüße!

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