2. Teil, 5. Kapitel, 2. Szene

»Du musst mit ihnen reden.« Joshua Gillroy lief vorsichtig neben Simon her. Das Eis unter ihnen, blank geputzt und glatt, war erneut so dünn, dass sie das Wasser unter ihren Füßen hindurchfließen sahen.

»Wozu?« Simon seufzte. Natürlich wusste er, was Gillroy meinte, verstand dessen Gedanken, vielleicht besser als seine eigenen. »Das TEAM, was?«

Joshua nickte nur. Eines der vielen Lieblingsgebete von Nathan Ross, auch bekannt als Gustaf-Otto-Tango-Tango. »Jeder einzelne von euch«, hatte er ihnen immer wieder ins Ohr gebrüllt, »ist nicht mehr als ein Haufen Scheiße auf zwei Beinen. Alleine kommt ihr nicht weit. Vergesst Superman, Mârins, denn im Krieg gibt es nur einen unbekannten Helden mit immer dem gleichen Namen: das TEAM.« Oh ja, Nathan Ross hatte zwar nur noch das halbe Gesicht gehabt, aber eine Stimme, die noch jedes Trommelfell zerbrüllen konnte.

»Ich bin müde, Josh.« Simon kratzte sich Eiter und Schorf von der Wange. Dort, wo ihn die Peitsche des zurückschnappenden Seils getroffen hatte, als die scharfe Eiskante es von Mikes Last befreite, nässte ein langer, schlecht verheilender Schnitt.

Gillroy nickte. »Klar bist du. Sind wir alle. Wenn du mich fragst, könnte ich die nächsten Jahrhunderte verschlafen, kein Problem. Aber du hast uns heraus gelockt aus unserer Winterschlafhöhle MS Cohiba, und jetzt, wo die Kacke dampft, kannst du es dir einfach nicht leisten, müde zu sein. Hilf ihnen, verdammt!«

Joshua tippte Simon leicht auf die Schulter, ging schneller, um die beiden anderen einzuholen und redete auf Theo ein. Zog ihn mit sich, weiter nach vorne, so dass Lorielle hinter ihnen blieb.

Simon drehte seinen Kopf im Nacken hin und her, lauschten dem quietschenden Knacken seiner Halsgelenke. Ein bisschen, dachte er, klingt das wie splitterndes Eis. Also gut.

Er schloss zu Lorielle auf, passte seinen Schritt automatisch dem ihren an und beobachtete dabei, wie Joshua dasselbe bei Theo machte. Mârins im Lauf eben, paralleles Marschieren. Nur war etwas anders als früher, und er brauchte eine Weile bis er dieses Etwas identifizieren konnte: Der fünfte von ihnen fehlte.

»Glaubst du, dass ich Schuld bin an Mikes Tod?«, fragte Simon leise.

Lorielle nickte. Schüttelte den Kopf. Und sagte dann doch: »Ja.«

»Du hast Recht.«

Misstrauisch hob sie den Kopf und musterte ihn.

»Ich habe euch davon überzeugt, die Cohiba aufzugeben.«

»Überzeugt oder überredet?«

»Vielleicht beides. Und deshalb bin ich Schuld an allem, was passiert ist und passieren wird.«

Lorielle schwieg, zögerte und kaute auf den von Sonne und Frost aufgeplatzten Lippen. »Bilde dir doch nichts ein!«, brach es dann aus ihr heraus. Sie lachte wild. »Glaubst du wirklich, du hast uns hierher gebracht? Denk doch mal an unsere Träume! Sogar Mike wollte lieber verhungern, als Nacht für Nacht von Alpträumen verbrannt zu werden.«

»Das Elmsfeuer.«

»Aye«. Wieder lachte sie auf. »Oder hast du sogar unsere Träume … manipuliert.« Ein Erinnerungs-Joker, wieder einmal. Aber dennoch verstanden beide, was sie meinte. Ohne das Wort zu verstehen.

»Du bist«, begann Lorielle erneut, »so ziemlich das arroganteste, eingebildetste … he! Scheiße, was ist …?«

Eine Bewegung unter ihnen, unter dem Eis. Schnell. Und groß, dreimal Aye, Kap’tai, verdammt groß. Ein Fisch, ein Wal, ein riesiges Schwimmtier glitt unter ihnen durchs Wasser und war schon wieder verschwunden. Simon erhaschte noch eine sich schlängelnde Bewegung, eine Flosse, senkrecht wie ein Ruder, und dann nichts mehr.

»Mârins, Füße!«, brüllte er nach vorne. Der alte Drill griff perfekt, Theo und Joshua, sie verharrten sofort, richteten ihren Blick nach unten, abwartend, die Hände unter den Mantel geschoben, die Finger schon an der Waffe.

Der Boden, der Spiegel aus Glas zitterte ohne Warnung. Weit in den Himmel hinein splitterten die Eisstücke, als die Bestie durch die Eisschicht brach, so groß wie ein Wal, so schnell wie eine abgeschossene Patrone.

»Ein Hay!«, schrie Lorielle, dann riss es sie von den Füßen. Auch Simon stürzte, aber wie Lorielle kippte er wenigstens auf das Eis. Theo und Joshua hatten nicht so viel Glück: Direkt vor ihnen beiden hatte der Hay mit seiner Schnauze das Eis gerammt, war aus der Tiefe emporgeschossen und schleuderte seinen massigen Körper mit ungeheurer Wucht hoch in die Luft. Der Hay sprang, ein grauer, hässlicher Riese, aber auch ein elegantes, schnittiges Monstrum. Nur metallgraue Haut und Flossen. Und Zähne. Der Hay drehte sich in der Luft, Wassertropfen spritzten, durch das Sonnenlicht in flirrende Diamanten verwandelt, von seiner grauen Haut, und als das Tier zurück fiel, klappte es sein Maul auf, groß genug für ein Zweimann-Zelt der Mârins, hintereinander gestaffelte Zahnreihen, weißer noch als das weißeste Eis, einer der dreieckigen Zähne so hoch wie Simons Kopf. Krachend stürzte der Hay zurück ins Wasser, riss seinen Kiefer, seine Zähne noch weiter auseinander, eine groteske, zum Leben erwachte Form des Zick-Zacks, und schnappte nach Theo. Ein krachender Donner: Simon wusste nicht, ob er vom Aufschlag des Hays auf Wasser und Eis stammte. Oder vom Zuschlagen des monströsen Kiefers.

Zick-Zack.

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