Metaphern: Fluch und Segen beim Schreiben

Ich liebe Metaphern. Einen Gegenstand, ein Gefühl, eine Stimmung mittels sprachlicher Übertragung zu beschreiben, ist eine großartige literarische Möglichkeit. Aus diesem Grund neige ich wohl auch dazu, die Nutzung dieser – ursprünglich der Rhetorik entstammenden – Technik manchmal zu übertreiben.

Aber von Anfang an. Die Definition von Metapher liest sich bei Wikipedia so:

„Eine Metapher ist ein Ausdruck, der statt des wörtlich Gemeinten etwas bezeichnet, das ähnlich ist. Der eigentliche Ausdruck wird durch etwas ersetzt, das deutlicher, anschaulicher oder sprachlich reicher sein soll, z. B. Baumkrone für ‚Spitze des Baumes‘ oder Wüstenschiff für ‚Kamel‘.“

Das ist klar formuliert und benutzerfreundlich gleich mit Beispielen illustriert (wobei „illustrieren“, wie man bemerken könnte, auch eine Metapher ist). Da man sich nie gar zu sehr – bei aller Liebe – auf Wikipedia verlassen sollte, hier der Anfang des Eintrags „Metapher“ in Meyers Großen Konversationslexikon von 1905:

Metapher (griech. metaphorá, lat. translatio, »Übertragung«) ist das Erzeugnis einer der wichtigsten ästhetischen Apperzeptionsformen (s. Apperzeption) und entsteht dadurch, daß der Redende den ihm gegebenen Schatz seiner Vorstellungen durch Übergriffe in einen anderen, dem gegebenen vergleichbaren oder mit ihm in Beziehung stehenden Vorstellungsbereich erweitert.

Apperzeption meint dabei die „… Aneigung einer neuen Vorstellung, die dadurch zu stande kommt, daß dieselbe mit bereits vorhandenen in Verbindung tritt.“ Diese Definition führt also gleich mittenrein ins Philosophische – schließlich geht es hier darum, dass ich als Autor am „Schatz meiner Vorstellung“ teilhaben lasse und den Vorstellungsbereich meiner Leser so erweitere.

Eine Art Vorstufe zur Metapher ist der Vergleich – unschwer erkennbar am vorangestellten Wörtchen „wie“. Hier wird zwar verglichen, aber noch nicht wirklich parallel gesetzt. Zwei Beispiele aus dem Roman „Kalt“ von Dean Koontz:

„Natürlich nicht. Sie sind ein Mann. Mit all Ihrem gesunden Menschenverstand können Sie nichts kapieren, was nicht so hundertprozentig linear ist wie eine Reihe Dominosteine.“

„Ihre Fenster waren so dunkel getönt wie Darth Vaders Gesichtsmaske …“

Vergleiche übernehmen eine ähnliche Aufgabe wie Metaphern – sie geben einem Text Farbe, Atmosphäre und vermitteln Gefühle (Vaders Gesichtsmaske impliziert eine Bedrohung). Aber sie haben weder die literarische Wucht, noch den Aha-Effekt einer Metapher, wenn ich mir als Leser die Vorstellung des Autors aneigne:

„Von fotoelektrischen Sensoren ausgelöst, waren die Straßenlaternen bereits aufgeflammt und warfen nun ihren stählernen Schein auf die Regennadeln, die das graue Gewebe des Himmels immer fester an den Boden nähten.“

Regennadeln, die den grauen Himmel an den Boden tackern – ein starkes Bild. Wieder stammt es von Dean Koontz, der ähnlich wie Stephen King ein Meister der Metapher ist. Wie die nachfolgenden Beispiele, habe ich es aus einem meiner Lieblingsbücher von ihm herausgesucht: „Der Wächter“. Mit diesem Satz lässt sich aber auch schon eines der Probleme von Metaphern aufzeigen: Zu viel davon fühlt sich ganz schön dick aufgetragen an. Denn neben den „Regennadeln“ finden sich noch zwei Metaphern im selben Satz: der „stählerne Schein“ von Straßenlaternen und das „graue Gewebe“ des Himmels. Ein bisschen viel, oder nicht?

Metaphern haben unterschiedliche Wertigkeiten: Manche bekommt man kaum, das heißt nur intuitiv, mit – wie das „graue Himmelsgewebe“. Andere dagegen sind machtvoll und stark. Im nächsten Satz wirkt die Metapher nur ganz beiläufig:

„Die frühwinterliche Dämmerung war erst in etwa einer halben Stunde zu erwarten, doch unter dem Mantel des Unwetters war die Stadt schon in einem frühen Zwielicht versunken.“

Der „Mantel des Unwetters“ kommt uns so bekannt und fast schon normal vor, dass wir ihn kaum registrieren.

Eine weitere Schwierigkeit, der wir AutorInnen uns bei der Verwendung von Metaphern gegenübersehen, ist natürlich, ob unser Sprachbild stimmig ist. Eine Metapher muss treffen wie die Faust aufs Auge (schöne Metapher?), sie darf nicht schief sein. Was haltet ihr von folgender?

„Über der Stadt schüttelte der schwindende Tag nasse Fäden aus Nebel und trübem Nieseln aus seinem grauen Bart. Noch war das strenge Gesicht der Nacht nicht ganz erschienen.“

Für mich hat Dean Koontz hier ein schräges Bild gemalt – ich kann mir den Bart eines Tages, der nasse Nebelfäden und Nieselregen ausschüttelt, nicht wirklich vorstellen. Eine schiefe Metapher. Das Problem ist nur: Vielleicht bin ich der einzige, der so empfindet?

Ein anderes Beispiel, ebenfalls im metaphorischen Wetter-Umfeld (der Regen hat es Koontz im „Wächter“ offenbar besonders angetan):

„Im Krieg zwischen Himmel und Erde marschierten Armeen aus Regentropfen über das Wellblechdach. Das Kampfgetümmel war so laut, dass Corky kaum die eigene Stimme gehört hätte, wäre er …“

Auch bei dieser Metapher habe ich meine Probleme, obwohl mir das grundsätzliche Bild – Regen als Krieg zwischen Himmel und Erde – gut gefällt. Aber dass die Regentropfen-Armee über das Wellblechdach marschiert … Naja.

FAZIT: Metaphern sind also mit Vorsicht zu genießen. Werden sie zu oft auf die Leser abgeschossen (Metapher!) oder sind sie schräg und schief, so können sie aus dem Lesefluss herausreißen oder, noch schlimmer, umfreiwillig komisch wirken: Aus dem Segen der Metapher für die Phantasie wird dann ein Fluch.

Meine Tipps zur Nutzung von Metaphern beim Schreiben:

  1. Sie darf nicht abgelutsch sein („Er erstarrte zur Salzsäule“, „Ihr klopfte das Herz bis zum Hals“). So etwas passiert einem Koontz natürlich nicht.
  2. Eine Metapher zum richtigen Zeitpunkt verwandelt und veredelt einen Text. Dreißig Metaphern auf einer Seite belasten ihn.
  3. Sie muss richtig „passen“. Nichts ist schlimmer als eine „schiefe“ Metapher.
  4. Wechselt ab zwischen Vergleichen (wie …), beiläufigen Metaphern (Mantel des Unwetters) und starken (die Nähmaschinen-Regentropen) ab. Die Mischung macht’s.
  5. Im Zweifelsfall – kill your darlings – streicht die Metapher.

Und jetzt: Ran an die Kartoffeln (auch so eine merkwürdige, abgelutschte Metapher …)!

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20 Gedanken zu “Metaphern: Fluch und Segen beim Schreiben

  1. Tim Curran ist auch ein Meister…Z. B. „Die Schatten gingen zurück, aber die Nacht um sie herum verdichtete sich wie eine Faust, begierig, etwas zu greifen. In Leinentüchern und Decken aus Finsternis hing sie zu beiden Seiten des Wagens. „…Am Anfang fand ich es noch faszinierend sich so auszudrücken…Mir gefällt es immer noch, aber – Der Lesefluss – der leidet wirklich..Ich finde es toll, wenn sich jemand so bildlich ausdrücken kann…aber zu viel nervt irgendwie…..Denn in dem Buch – Skin Medicine – Schmeisst er wirklich sehr viel davon auf den Markt…:-/

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    1. Ja, das ist schon interessant, oder? Wie beim Würzen: Hier und da ein bisschen Chilli ist toll, aber überall … Ich muss jedenfalls beim Schreiben wahnsinnig drauf aufpassen, dass ich mich nicht vor lauter Sprachselbstverliebtheit im Wasserfall der Metaphern selbst ertränke (oh Mann, schon wieder eine …)!
      Ganz liebe Grüße!

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      1. lach…wunderschönes Bild…im Wasserfall der Metaphern! ich liebe sie auch, vielleicht bin ich deshalb auch lieber Dichterin 🙂 und was die Sprachverliebtheit angeht, auch das kann ich sooooo gut nachspüren! Ich weiß genau, was du meinst!
        Liebe Grüße aus der wortwabe
        Carmen

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  2. Ein toller Beitrag zu dem Thema. Ich glaube, es ist so wie bei allem. Wenn man es übertreibt, sinkt nicht nur der Schreibfluss, sondern die einzelnen Metaphern verlieren auch an Kraft. In einem der letzten Lektorate hatte ich auch eine Diskussion mit einem Lektor über eine „schiefe“ Metapher und habe sie dann ausgetauscht. Ich werde auf jeden Fall versuchen, die sinnvollen Tipps zu beherzigen, das Killen der Metapher überlasse ich dann aber (wenn ich Zweifel habe) dem Lektorat :).

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    1. Ist echt schwierig, wenn man sich so „zügeln“ muss. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass ich mir wirklich nicht sicher bin, wie man eine „schiefe“ von einer „grad gezimmerten“ Metapher unterscheiden kann. Oder sollte. Jedenfalls hast Du absolut recht damit, Deine Lieblinge nicht immer sofort zu killen – soll doch der Lektor die Sense schwingen 🙂
      Liebe Grüße und meinen Dank!

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  3. Danke für den Beitrag, der absolut passend kommt. Ich habe auch immer so meine Probleme mit den Metaphern. Ich verwende gerne zu viele davon. In der Überarbeitung, in der ich gerade stecke, versuche ich, dafür zu sorgen, dass das Mahl nicht übermäßig mit Chili gewürzt wird.

    Den Rest wird mir dann der Lektor wahrscheinlich um die Ohren hauen 😉 .

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  4. Hat dies auf Erik Huyoff rebloggt und kommentierte:
    Gestern bin ich über diesen interessanten und informativen Beitrag zum Thema Metaphern gestolpert und möchte ihn Euch natürlich nicht vorenthalten.

    Wie sieht es bei Euch aus? Nutzt Ihr (bewusst) Metaphern? Stören sie Euch im Übermaß beim Lesen?

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      1. Exakt. Die Frage, die mich umtrieb, war genau die nach den diesbezüglichen Geschmacksnerven. Ist eine Suppe versalzen, sind sich darüber 99% der Esser einig. Aber was ist mit zuviel/zu schrägen Metaphern? Deshalb habe ich die Beispiele rausgesucht und fragte mich: Finde nur ich di teilweise nicht gelungen (mein Geschmack) oder ist’s „objektiv“ versalzen?

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  5. ich denke, zu viele metaphern schaden insofern dem text, als dass dadurch der leser verliert kaum etwas hat, woran er/sie sich festhalten kann, nur diese (interpretierbaren) bilder. es benötigt unbedingt auch „handfestes“, d.h. greifbares zur orientierung. es braucht das konkrete neben der metapher.
    wer mich hinsichtlich von metaphern sehr begeistert hat, war silvia plath mit ihrer „glasglocke“. weiß nicht, ob du es schon gelesen hast. beeindruckende, tiefe metaphern, auch christine lavants „aufzeichnungen aus dem irrenhaus.“

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    1. Vielen Dank für die Hinweise! Lavants „Aufzeichnungen“ kenne und schätze ich, Silvia Plath habe ich aber noch nie gelesen – werde ich umgehend ändern 🙂
      Ich stimme Dir vollkommen zu: Der sozusagen vor sich hintanzenden Metapher bedarf es eines Gegengewichts, etwas handfestes und greifbares, wie Du schreibst. Nur diese Waage auszutaxieren, das fällt mir schon echt schwer …
      Liebe Grüße!

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      1. Die Glasglocke ist in kleine, feine Kapitel unterteilt und lässt sich wunderbar lesen. Und, wie gesagt, die Metaphern sind großartig! Viel Freude beim Lesen!
        Was beim Austaxieren / Austarieren hilft ist oft, den Text eine Weile ruhen zu lassen und ihn dann noch einmal zu lesen.
        Liebe Grüße zurück!

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