2. Teil, 3. Kapitel, 2. Szene

»Mann, das ist …« Mike, der Bär, schwankte, als sein Blick endlich über etwas stolperte, sich festsaugte an der rundlichen Form. Unter ihm, unter seinen Schuhen und Steigeisen. Etwas Großes steckte im Eis, bewegungslos und starr. Tot. Das gefrorene Meer unter ihren Stiefeln leuchtete grell wie ein Spiegel aus Feuer und war gleichzeitig durchsichtig wie Glas. Ja, unter den fünf Seelords, vielleicht zehn Meter tief im Eis, ruhte etwas im gefrorenen Grab.

»Ein … Wal«, murmelte Lorielle zögernd und kniete sich hin. Mit eisverkrusteten Wimpern starrte sie hinab, wischte mit dem Handschuh über den Boden, als wäre der nicht schon durchsichtig genug. Unter ihnen steckte eine gigantische Flosse im Eis, viermal so lang wie sie selbst, erstarrt für die Ewigkeit.

Fast eine viertel Stunde liefen sie über dem gewaltigen Körper, der – wann? – sein Leben verloren hatte als gefrorenes Bild, liefen und rutschten, bis sie endlich den Kopf des Pottwals erreichten, näher, vielleicht nur zwei Meter tief unter ihnen im Eis, das große Walauge nach oben gerichtet, zum Licht, zur Luft. Zu den fünf Mârins.

»Weiter«, sagte Simon nur.
Weiter nach Norden, dem Gesang des Feuersterns folgend. Sie entdeckten noch mehr Bruchstücke eines früheren Lebens, erstarrte Erinnerungen, gewürgt vom Eis. Das musste, überlegte Simon Segur, so schnell gefroren sein wie ein Schuss aus seiner P 12: ein Blitzeis des Untergangs. Fischschwärme sahen sie, die erstarrt waren in ihrem kollektiven Tanz, ein großer Krake pumpte und pumpte seine Arme vorwärts – und bewegte sich doch nicht. Auch eine Yacht schwebte unter ihren Stiefeln hindurch, ruhig und starr, aber mit noch geblähten Segeln. Eine Skulptur aus Eis, ein gefrorener Rest Menschheit.

Die fünf liefen nach Norden, vergaßen, welchen Sinn es haben mochte durch eine leere Unendlichkeit zu flüchten, erinnerten sich kaum mehr an die MS Cohiba, an ihr Leben dort, das der Horizont längst verschluckt, das die Erdkrümmung aufgesogen hatte. Die fünf Mârins rutschten über den silbernen Spiegel, und wenn sie vom Kurs abkamen, korrigierte das Elmsfeuer ihren Weg mit brennender Peitsche in den Nächten, in ihren Träumen.

Manchmal änderte dieser Spiegel unter ihnen seine Farbe, dunkelte sich ein in Juwelenblau oder giftiges Gelb. Einmal rutschten sie über eine Fläche gefrorenen Blutes, aber Theo spuckte nur verächtlich aus und kommentierte: »Rotalgen.«

Am dreißigsten Tag, nach vier Wochen in diesem grausamen Zwischenreich aus Himmel, Wasser und Luft, entzifferten ihre halbblinden Augen in der Schlieren werfenden Luft etwas wie ein Flackern. Ein verschwommener Schatten, ein winziger, kaum wahrnehmbarer Buckel in der gelangweilt daliegenden, ewig gleichen Linie des Horizonts, die sie zu hassen gelernt hatten.

Alle Fünf entdeckten den Fleck, aber sie schwiegen zuerst. Sie fürchteten sich davor, dass ihre Augen ihnen einen Streich spielten, dass sie einer Täuschung aufsaßen, einer neuen Qual, geboren aus tödlicher Monotonie.

Erst als sie merkten, dass auch die anderen plötzlich schneller gingen, mit sichererem Schritt über das glatte Eis liefen, als neue Kraft da war in den müden Körpern, erst als die kleine Beule am Horizont deutlicher wurde, brach es gleichzeitig aus ihnen heraus.

»Sehr ihr‘s?«, rief Lorielle.

»Das ist doch …«, stotterte Theo.

»Mann, das Ding da hinten ist wirklich?«, grölte Mike.

»Ein Berg, ein Gebirge?«, spekulierte Jack.

Simon Segur blieb stehen. Hob die Hand. Lächelte zum erstenmal seit Wochen. »Dreimal Aye, Kap’tai. Um es mit den Worten der Alten zu sagen: Land in Sicht.«

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3 Gedanken zu “2. Teil, 3. Kapitel, 2. Szene

  1. „Fischschwärme sahen sie, die erstarrt waren in ihrem kollektiven Tanz, ein großer Krake pumpte und pumpte seine Arme vorwärts – und bewegte sich doch nicht.“ – der Satz ist mir zu kompliziert, ich weiß nicht wirklich, was ich damit anstellen soll, dreimal Aye und so…

    Yey, Land in Sicht! 🙂

    Gefällt 1 Person

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