Reisen und Schreiben

Der August ist zu Ende, die Urlaubszeit, der (meteorologische) Sommer. Ich selbst bin grad viel unterwegs, sodass mir das Thema „Reisen und Schriftsteller“ im Kopf rumgeht. Fahren und Reisen, unbekannte Länder und Menschen – ein nicht zu verachtendes Werkzeug für SchriftstellerInnen.

Dazu notierte Max Frisch einmal die schöne Aussage:

„Auf Reisen gleichen wir einem Film, der belichtet wird. Entwickeln wird ihn die Erinnerung.“

Recht hat er; und natürlich entwickelt diesen Film auf besondere Art jeder Text, der auf einer Reise beruht.

Denn eines der größten Geschenke an Schriftsteller (gleichzeitig eine der Grundvoraussetzungen für diesen Job) sind seine geöffneten Augen: Weitab von jeder Art Hobby oder Vorliebe begeistert er sich an allem, was er sieht – und baut es früher oder später in seine Texte ein. So entdeckte ich vor vielen Jahren in den Midi-Pyrénées Europas größten Schmetterling, das Große Nachtpfauenauge.

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Prompt starrt man nicht nur begeistert auf das handtellergroße Tier oder denkt an Jean-Henri Fabre, jenen Naturforscher, den Victor Hugo als „Homer der Insekten“ bezeichnete und der auch über diesen Nachtfalter schrieb. Nein, ein Schreiberling, eine Schreiberline, merkt sich die stark gekämmten Fühler, beobachtet das reflektierte Sonnenlicht auf den „Pfauen“augen und stellt sich vor, wie in der nächsten Kurzgeschichte so ein Falter herumflattert und wie eine Brieftaube geheime Botschaften am Flügel trägt.

Anderes Beispiel von derselben Fahrt: Die romanischen Bildnisse in Südwestfrankreich. Etwa jene des Meisters von Cabestany oder die Portalfiguren in Moissac oder die in den Pyrenäen oft zu findenden romanischen Kapitelle.
Ich muss kein Entomologe sein, um das Nachtpfauenauge spektakulär zu finden. Genauso wenig braucht’s kunsthistorische Superbildung, um in den mittelalterlichen Skulpturen alte Geschichte(n) – und neue Storys! – zu finden.

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Saint-Bertrand de Comminges

Was wird wohl beispielsweise diese Frau erlebt, gefühlt, gedacht haben – oder der Bildhauer, der sie aus dem Stein meisselte?

Zum Thema Reisen und Schreiben gibt es übrigens nicht nur ein sehr schlechtes Buch, sondern auch eine spannende Webseite: das Archiv zur Geschichte des Individuellen Reisens. Empfehlenswert!

Jede Reise ist voller Bilder, Gerüche und Geschichten. Und jede Reise ist ein göttliches Geschenk. So ähnlich dachte wohl auch Mark Twain, denn der schrieb in einem Brief:

„In 20 Jahren werden Sie eher von den Dingen enttäuscht sein, die Sie nicht getan haben, als von denen, die Sie getan haben. Lichten Sie also die Anker und verlassen Sie den sicheren Hafen. Lassen Sie den Passatwind in die Segel schießen. Erkunden Sie. Träumen Sie. Entdecken Sie.“

In diesem Sinne hoffe ich, dass ihr alle diesen Sommer viel erkundet, geträumt und entdeckt habt!

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6 Gedanken zu “Reisen und Schreiben

  1. Du hast ja so Recht! Ich predige ja immer als Kunst für die beste Inspiration, doch sobald ich auf Reisen gehe, werde ich eines besseren belehrt. Allein ein fremdes Land bestaunen, seine Landschaft, seine Menschen, seine Geschichte, das kann ganz wunderbar sein! Natürlich hat man nicht immer die Möglichkeit, leider, doch manchmal sind es auch die Kurztrips, die jene Wirkung haben. Und wenn es nur darum geht, aufzurütteln oder einen über den bekannten Tellerrand blicken zu lassen. Irgendwie habe ich das Gefühl, dass Reisen ganz andere Augen öffnen kann. Naja, an der Beschreibung feile ich noch 😉
    Fernwehgrüße, Julia

    Gefällt 2 Personen

    1. Jaaaa: Kunst ist das eine, Reisen das andere. Aktuell bin ich am Bodensee, lass Blog Blog sein und bin einfach nur fasziniert von diesem gesegneten Stück Deutschlands 🙂 Und auch mit den Kurztripps hast Du recht: Wie lange eine Reise dauert, ist absolut unerheblich …
      Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

    1. Liebe Andrea, jetzt hast Du mich auch in die Fernweh-Welt geschubst – Menno! 🙂
      Aber zum Glück kommt ja jetzt mit Frühling und Sommer wieder die Reisezeit. Auf dass wir wieder einmal alten Steinen lauschen können. Liebe Grüße!

      Gefällt 1 Person

      1. Haha, ja, geht schnell, nicht?? Ich habe das unerhörte Glück, in diesem Jahr endlich Rom kennen zu lernen. Ich kann es immer noch nicht fassen 😉 Und da liegen ja wirklich alte Steine rum ❤ Liebe Grüße, a

        Gefällt 1 Person

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