2. Teil, 2. Kapitel, 2. Szene

Simon Segur und Mike, der Bär – sie rappelten sich auf und gingen aufeinander los, enttäuscht, verletzt und wütend zugleich.

Joshua warf sich zwischen sie. »He, is‘ ja gut, macht mal …«

Weiter kam er nicht. Mike stieß ihn einfach zur Seite – Gillroy taumelte und rutschte zurück. Seinem Spitznamen Ehre machend, stampfte Mike auf Simon zu, schob sein Gesicht so nah an seines heran, dass sich ihr kältedampfender Atem vermischte.

»Ich hab‘ die Schnauze voll von deinem Getue, Grauauge!« Mikes Brauen glitzerten vereist im Sonnenlicht, seine Lippen waren aufgerissen trotz der schützenden Salbe. »Du glaubst, du bist clever, Segur. Quatschst uns voll mit deinem tollen Plan. Und ich bin so blöd und sage: Ja. Jetzt sag ich: Wohin hat er uns geführt? In den Abgrund, großer Seelord. Direkt in die Scheiße. Und nun sag noch ein falsches Wort, und ich schmeiß dich wieder runter. Aber diesmal ohne Seil!«

Simon presste die Zähne zusammen, bis der Druck von da in seinen Kopf schwappte. Seine Hände waren oben, bevor einer von ihnen blinzeln konnte, Hände, die Fäuste waren, hart wie das Eis um sie herum. Er holte die Kraft für den Schlag tief aus den dunklen Ecken in ihm, den Kellergewölben des Simon Segur, wo die verstaubten Kisten mit Zorn standen, die überquellenden Truhen aus Wut und Verzweiflung. Oh ja, er würde diesem Bastard das Gesicht neu anmalen, würde ihm sein dummes Grinsen, sein »Mann!« aus der Fresse prügeln und dem zottligen Bärenkopf das Fell abziehen, oh ja, dreimal Aye, er würde …

Du warst schon immer der kalte Fisch im Aquarium, flüsterte Francis in seinem Kopf. Francis, der gestorben war mit Mykros im Bauch, der verreckt war, als er Simons Hand hielt, dieselbe Hand, die jetzt zuschlagen wollte.
Der große Gefühllose, raunte Francis in seinem Kopf, du berechnest die Zeit, entscheidest, bleibst oder gehst.
Simon löste die Finger. Entspannte die Muskeln. Francis hatte verdammt recht gehabt: Das Abwägen war seine Stärke, das Betrachten, Beschnüffeln und Ertasten, um dann die Waagschale zu balancieren. Und zu sehen, ja, mach deine Augen auf, Seelord, und dann entscheiden, was zu entscheiden ist.
Simon Segur schluckte. Was geschah mit ihnen, hier in der kalten, lärmenden Einsamkeit aus Eis und Wind? Seine Arme nach vorne gereckt, zum Schlag erhoben, öffneten sich wie seine Finger, gingen auf zu einer Umarmung.

»Es tut mir leid, Mike. Das war … unverzeihlich.« Simon legte die ausgestreckte rechte Hand an die Stirn, holte noch einmal tief Luft und zitierte aus dem alten Kodex: »Ich hoffe auf deinen Großmut, Mârin, unendlich wie der Ozean.«

Sie schwiegen und warteten. Selbst der Bär schien abzuwarten, was er jetzt wohl antworten würde auf diese formelle Abbitte der Seelords.
Schließlich sackte auch Mikes Körper zusammen, seine Muskeln lösten sich gleichzeitig mit einem nervösen Lachen.

»Schon gut, Simon, war auch mein Falsch.«

Wieder breitete Simon die Arme aus. »Nein, Bär. Aber was ist jetzt, soll ich noch lange so stehen wie ein Schiffsmast mit Quer-Rahe?«

Zögernd umarmten sie sich.

»Wohin würdest du jetzt gehen, Mike?«, fragte Simon dann. »Zurück zur Cohiba?«

»Nein.« Der Bär schüttelte sich. »Ich denke wir könnten es im Osten probieren. Sieht so aus, dass die Schlucht da enger zusammenläuft als im Westen.«

Sie hatten die Münze geworfen.

***

Später, als sie schon viele Stunden am schwarzen Strich inmitten der weißen Wüste entlang marschiert waren, begleitet nur vom tosenden Knacken des Eises, ließ Joshua sich mit Simon zurückfallen. »Das war klug vorhin«, sagte Gillroy leise. »Du hast das Ankertau zwischen euch wieder geknüpft.« Ihre Schritte knirschten im Eis. Der Wind schien zu kichern an diesem Abend. »Und Mikes Treue zu dir mit hinein gewoben. Bist ein guter Anführer, Simon Segur. Aber du darfst nicht zu klug sein.«

Sie gingen nebeneinander her, zwei Seelords, zusammen geschmiedet durch Feuer und Amboss ihrer Ausbildung, geschlagen und geformt von Leutnant Jonathan Ross. Neben ihnen klaffte das weite Maul der Eisschlucht, vor ihnen gingen Lorielle, Theo und Mike. Und das Eis kreischte und stöhnte seinen abendlichen Alptraum.

»Verstehst du, mein Freund?«, fragte Joshua Gillroy.

Simon antwortete nicht. Aber er nickte müde.

Direkt weiterlesen

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “2. Teil, 2. Kapitel, 2. Szene

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s