Jorge Luis Borges und das Scheitern des Autors

Der Trend zum dicken Buch geht so offensichtlich wie ermüdend weiter – die Zeiten von Shortstories und Novellen scheinen endgültig dahin. Da ich mich in letzter Zeit durch einige dieser (schon älteren) wohlbeleibten Schriften durchgekämpft habe – von Tellkamps „Turm“ bis zu Schätzings „Limit“ – kommt mir das folgende Zitat vom großartigen (und viele wundersame Kurzgeschichten verfasst habenden) Jorge Luis Borges gerade recht:

„Für mich ist auch die Literatur eine Form der Freude. Wenn wir etwas mit Mühe lesen, so ist der Autor gescheitert.“

Jorge_Luis_Borges_Hotel
Borges in einem Hotel in Paris, via Wikipedia

Genau, kann ich da nur sagen – und mit Borges’ Brille die oben genannten Autoren als zumindest in diesem Punkt gescheitert bezeichnen. Ehrlich gesagt verstehe ich einfach nicht, warum Schriftsteller wie Lektoren so wenig Mühe auf die Kürzung verwenden: Zu viel unwichtige, selbstverliebte und schlichtweg langweilige Seiten verpatzen mir viel zu oft das Lesevergnügen. Natürlich kann man einwenden, dass beispielsweise auch Thomas Manns „Zauberberg“ seine Längen hat – aber da konnte ich, so ich mich nicht zum Überblättern entschied, wenigstens die Sprache genießen.

Deshalb mein Aufruf, mein Wunsch, meine inständige Bitte: Denkt bei jeder Zeile, die ihr schreibt, an den argentinischen Hüter der magischen Sprache, den mit 50 Jahren vollständig erblindeten Meister Jorge Luis Borges (1899-1986)!

Mein Lieblingszitat von ihm ist übrigens ein anderes: Jener berühmte Satz, der uns Bibliophilen warm und mysthisch aus der Seele spricht:

“Ich habe mir den Himmel immer wie eine große Bibliothek vorgestellt.”

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8 Gedanken zu “Jorge Luis Borges und das Scheitern des Autors

  1. Ist das denn wirklich so? Ich habe eher das Gefühl, dass der Trend zum „Zerhackstückeln“ geht. Soll heißen, mehrere Bände, die dann eben eine lange Geschichte erzählen. Aber vielleicht ist das auch nur in „meinen“ Genres vermehrt so. Habe jedenfalls schon länger kein richtig dickes BUch mehr gelesen. Vielleicht aber auch weil ich bei den letzten beiden Versuchen entweder kläglich gescheitert bin (Unendlicher Spaß von Wallace war für mich eine 100-Seiten lange Unendliche Qual bevor ich abgebrochen habe) oder mich einfach immer wieder aufraffen muss, mal weiterzulesen (Der Distelfink dümpelt so dahin und motiviert mich einfach nicht, mal voran zu kommen).

    Ich bin da aber voll auf deiner Seite. Lieber kurz und dafür gut erzählt, als lang und zum einpennen zu Tode umschrieben.

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    1. Da hast Du natürlich recht: Das Zerhackstücken (beliebt ist die genretypische Krankheit der Trilogerietis) ist ein nochmaliger Reibach am dicken Buch, die höhere Potenz sozusagen: drei dicke Bücher 🙂
      „Unendlicher Spaß“ ist in meinen Augen ein Ausnahmebuch, das mir selbst im Durchquälen doch Freude bereitete – warum auch immer. Die Gedanken, Szenen, Charaktere sind schon ziemlich originär. Nur der Schluss ist scheiße – was bei einem Wälzer natürlich nicht zur Befriedigung des Lesers beiträgt 🙂
      Den „Distelfink“ dagegen mochte ich durchgehend. Natürlich (!) viel zu lang (eben, grrrrrr!), aber doch ein tolles Buch. Gib ihm ruhig nochmal ne Chance 🙂

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      1. Ja, ich bleibe da auch dran. Nur geht es mit dem Distelfink einfach nicht voran. Deshab schiebe ich immer mal wieder was anderes dazwischen. Ziel ist es, den Distelfink in den nächsten 5 Jahren oder so zu schaffen.

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  2. Amen. Seltsam, überall wird das Kürzen gepredigt, und trotzdem findet man an jeder Ecke diese Wälzer. Ich fühlte mich letztens gut unterhalten, als ich bei einer Rezension las: Man kann sich auch zu Tode schreiben. Passt, oder? Jener Kritiker dort meinte, die Autorin könne schreiben, was noch lange nicht heißen muss, dass man tausend Seiten füllt.
    Das letzte Buch, welches ich las, und das mir gefiel, war überraschend dünn, und trotzdem war alles gesagt. Ach, schön.

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  3. Da triffst du auf offene Ohren und Augen…es gibt natürlich Bücher, da fliegt man einfach nur so über die Seiten…aber ich merke, wenn ich mir ein Buch aussuche, dass ich es wieder weg lege wenn es einfach zu viel Seiten hat….denn ich habe bei mir beobachtet….mich fängt ein Buch an zu nerven wenn ich es zu lange lese…da kann es noch so gut sein…aber ich will dann einfach abschliessen….das passiert natürlich auch bei dünnen Büchern, die ich einfach aus Zeitgründen nicht abschliessen kann…wenn ich also zwei Wochen ein Buch in der Hand habe mag ich nicht mehr….und das Zerhackstücken…viele Verlage hacken die Übersetzungen von englisch in deutsch einfach klein…ein Englisches gibt mittlerweile zu oft zwei Deutsche für den doppelten Preis……abzocke…Ich denke, der Trend geht zu dünnen Büchern…Früher hat man eher bei Dicken ausgehalten…da gab es nicht so viel Auswahl…heute schiessen die Romane aus dem Boden…und so viel interessante Geschichten…da will man einfach überall mitlesen…ich denke, das ist der Hauptgrund, dass keiner mehr dick liest…:-)

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    1. Wie recht Du hast – gerade bei Fantasy werden aus einem dicken gleich zwei, macht man halt die Schrift ein bisschen größer. Interessant ist Dein Gedanke, dass die Vielzahl an Publikationen Schuld an unserer Müdigkeit gegenüber den fetten Brocken ist. Jedenfalls spielt das bestimmt mit rein – der Ebook-Sektor und das Selbstpublizieren hat da wohl auch unsere Lesegewohnheiten geändert.
      Dass Du genervt bist, wenn Du zu lange an einem Buch hängen musst, kann ich einerseits gut verstehen. Andererseits: Wie sehr habe ich etwa die Josephsromane von Thomas Mann geliebt: Vier dicke Bände, fast 1500 Seiten, ich habe in dieser Welt gelebt und war totunglücklich als ich nach langen Monaten ausgelesen hatte 🙂
      Jedenfalls vielen Dank für Deinen sehr anregenden Kommentar!

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