2. Teil, 1. Kapitel, 2. Szene

Am dritten Tag gerieten sie ein einen Schwarm Mykros. Ohne Vorwarnung: Reglos lag die Ebene aus Eis vor ihnen, nichts das sich bewegt hätte, kein Tier, kein Vogel in der Luft, nichts, keine Bewegung, nur das Flirren aufgeheizter Luft fern am Horizont.

Lorielle hörte sie als erstes. Das feine, tiefe Summen, wie sich früher – wann früher? – vielleicht ein Schwarm Käfer angehört hatte: ein Summen, das zu einem Brummen wurde und einem leisen Dröhnen.

»Mykros!«, rief Lorielle. Augenblicklich, aber ohne Hast, drängten sie sich aneinander, Rücken an Rücken, wirkten diesmal weniger wie die fünf Finger einer Hand, sondern wie ein Seestern im Eis. Mike, der Bär, war es schließlich, der sagte: »Sie kommen aus meiner Richtung.«

»Großer Schwarm?« Lorielle drückte ihre Schultern fester an die von Theo und Simon. Und dachte an Francis. Dessen Leiche am Deck der Cohiba lag, kalt und tot.

»Eher klein«, antwortete der Bär. »Nur ein bisschen Mückenschiss. T gleich dreißig.« Mike blinzelte. Diese Drecksviecher machten ihm keine Angst, da waren Pickel am Arsch schlimmer. Er musterte die schwarze, sich tanzend hin und her bewegende Wolke, die manchmal nach links oder rechts ausbrach, sich aber immer wieder selbst einfing. Und rasch näher kam.

»T gleich 10«, zählte Mike die Sekunden herunter und machte sich bereit. Das Dröhnen wurde lauter, als die Mykros immer schneller auf sie zuschossen. Wurde hungriger.

»Und Augen zu!«, kommandierte Mike.

Die metallischen Insekten hüllten sie ein, brummelnd und gierig dröhnten sie um ihre Ohren, schwirrten um ihre Köpfe: Helme aus flackernden Schatten. Jetzt spürte Mike sie an seinen Augen – die Mykros krochen unter die Gläsern der Sonnenbrille, krabbelten über seine Lider, tasteten auf seiner Haut. Für einen Moment durchzuckte ihn doch ein Panikblitz, als er zu fühlen meinte, wie hunderte von Mykros sich an seine Wimpern festklammerten. Zogen und zerrten. Sie sammelten sich dort, denn sie brauchten die Augen, die salzige Flüssigkeit, Schleim und den Augapfel, durch den sie sich fressen konnten.

Mike presste die Augen noch stärker zusammen, bis der Druck mit einem Mal nachließ. Bis das Brausen wieder zu einem Summen wurde und das Summen zu einem entfernten Tuscheln.

»He, Bär, kannst deine Glotzer wieder aufmachen.« Joshua knuffte ihn in die Seite. Lachte erleichtert.

Die anderen fielen ein. Der Mykrosschwarm war nur noch ein kleiner, schwarzer Fleck im Nirgendwo aus Eis.

***

Am sechsten Tag begannen sie müde zu werden. Nicht ihre Körper, die liefen wie, ja, wie Maschinen, Simons liebster Erinnerungs-Joker, dreimal Aye. Aber ihre Augen begannen trotz der Brillen zu tränen: Die Sonne schien das Eis in Lava zu verwandeln – glitzernd, funkelnd und blendend. Die fünf Mârins kniffen ihre Lider zu Schlitzen zusammen, wischten Krusten gefrorener Tränen aus den Augenwinkeln und fluchten.

Die Wegstrecke zwischen den Kerben in Simons P 12 wurden kürzer. Nicht ihr Körper, sondern ihr Geist wurde müde.

»Mann«, brummte Mike am Ende des neunten Tag, als er sich im Zelt neben Simon ausstreckte. »Von wegen vor Langeweile auf der Cohiba sterben – hier gehen wir auf jeden Fall schneller drauf. Langweiliger geht nicht.«

Auch Joshua bekam Zweifel: »Wie lange willst du weiter machen?«

Simon antwortete nicht. Er ritzte den neunten Tag in den Griff, schob die Pistole ins Halfter und zog seinen Schlafsack zurecht.

»Dein Kopf, Segur«, murmelte Mike und gähnte, »ist sturer als ein Pottwalschädel.«

***

Auch am elften Tag lief Simon, die Augen mehr nach oben als vorne gerichtet, stur geradeaus, machte Schritt um Schritt. Immer weiter, Stunde um Stunde. Den Wind hörte er nicht mehr. Das leere Weiß sah er nicht mehr. Nur der Sonne nach, Schritt für Schritt. Zu spät merkte er, dass sein Fuß plötzlich verharrte, ein alter Instinkt, ein durch jahrelangen Drill anerzogenes Zögern. Trotzdem machte Simon diesen Schritt, zwang sein Bein vorwärts und den Fuß hinab. In den Spalt. In die Schlucht.
Müdigkeit.
Unachtsamkeit, hätte Ihr-werdet-Mutter-und-Vater-vergessen-aber-mich-nicht gebrüllt, ist die größte Schwäche eines Seelords. Leutnant Ross hätte ihm eine gescheuert.
Oder ihn sterben lassen.

Es war Joshuas Hand die ihn rettete, die ihn zurückriss, als er schon fallen wollte. Beide landeten sie mit dem Rücken auf dem Eis.

Simon murmelte seinen Dank. Drückte sich hoch und starrte in die Schlucht hinunter: Da hatte jemand mit einer mächtigen Axt in das Eis geschlagen, dreimal Aye, Kap‘tai. Die anderen drängten sich vor, blickten ungläubig die Abbruchkante entlang nach unten, wo das Weiß der Eiswand sich erst ins Blaue wandelte und dann in Schwarz verlor. Synchron wanderte ihr Blick auf die andere Seite der Spalte, zehn Meter vielleicht. Zu weit. Sie konnten ihre Rucksäcke hinüber schleudern aber nicht sich. Zu weit zum Springen.

»Verflucht!« Lorielle ließ sich neben Joshua fallen, der immer noch auf dem Eis hockte und seinen Kopf von rechts nach links pendeln ließ: Die Spalte dehnte sich in beiden Richtungen aus. Kein Ende in Sicht. Stumm schnitten sie ein Stück Eis aus dem Boden und schleuderten es in die Tiefe, zählten die Sekunden, obwohl sie gelernt hatten, dass auf Sekunden kein Verlass mehr war in dieser Welt.
Sie lauschten.
Nichts. Kein Plätschern, kein Aufschlag.

»Und jetzt?«, fragte Theo und trat neben Simon. »Osten oder Westen?«

»Wirf doch eine Münze!«, herrschte Simon ihn an. Denn egal welche Richtung sie einschlagen würden – es wäre die falsche. Sie mussten nach Norden, sie mussten dem Stern folgen, dem Elmsfeuer.

»Ich geh runter«, sagte Simon leise.

Mike trat zu ihm, starrte noch einmal in den Abgrund und brummte: »Du bist irre, Mann.«

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7 Gedanken zu “2. Teil, 1. Kapitel, 2. Szene

  1. Sehr cooler Beitrag! Dankeschön! Fand vor allem die Szene mit den Mykros ziemlich spannend. Und ekelhaft. Aber das sollte bestimmt so sein.

    Allerdings… wenn ich noch einmal „dreimal Aye, Kap‘tai“, in zwei aufeinanderfolgenden Szenen lese, dann… oder sagen wir’s so. Wenn man ein Trinkspiel daraus machen würde, wäre man nach einem Kapitel schon gut angetrunken 😀

    Gefällt 1 Person

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