2. Teil, 1. Kapitel, 1. Szene

TEIL 2: AUF DEM EIS

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Nach Norden. Das Elmsfeuer, längst verglüht, brannte weiter in Simon Segurs Kopf. Folge dem Stern. Eine verzweifelte Bitte, ein stummes Flehen. Oder war’s ein Befehl? Führte Segur ihn nur aus, wie er jeden gebrüllten Wunsch umsetzte, kompromisslos und stur? Ein Mârin eben, der Befehle so dringend brauchte wie Nahrung? Er wusste es nicht. Und es war ihm egal, Hauptsache, sie hatten wieder einen Auftrag, waren endlich erneut unterwegs. Nur ein rennender Mârin ist ein guter Mârin. Wieder ein Spruch von Leutnant Ross. Wohin ihr euch bewegt, hatte er erklärt, ist egal. Hauptsache ihr steht nicht still.

Simon lächelte. Zu lange hatten sie stillgestanden in der Umarmung ihrer MS Cohiba.

Nach Norden.

Vor ihnen lag ein leerer Spiegel, glatt und weiß. Der Horizont nur eine scharfe Linie, Weiß stieß an Himmelsblau. Keine Erhebung, keine aufgetürmten Eisschollen oder gefrorene Gebirge, nichts. Simon fürchtete einen bedeckten Himmel, wenn die Sonne ihnen nicht mehr die Richtung wies. Ohne Orientierungspunkt ging man leicht im Kreis – keiner wusste das besser als ein durch Leutnant Nathan Ross gedrillter Seelord. Simon und Lorielle waren Linkshänder und Linksfüßer, die anderen drei nutzten ihre Rechte. Wortlos stimmten sie sich ab, suchten die Mitte ihrer Schrittlängen zu finden: die gerade Richtung. Aber noch führte sie die Sonne, dreimal Aye, Kap’tai.

Weiter nach Norden.

Das Marschieren tat ihnen gut. Ihre Muskeln brannten, ihre Körper schmerzten ob der ungewohnten Belastung, aber die fünf schienen nur gieriger zu werden auf mehr. Als die Sonne Feuer spuckte am Abend, das Eis kreischte und schrie, gingen sie einfach weiter, nutzten das Licht des halben Mondes und das Flirren der Sterne. Sie genossen die anschließende Stille, das nächtliche Murren des gefrorenen Wassers. Nur Wind, ihre knirschenden Schritte, ihr fünffaches Atmen.

Endlich hob Simon die Hand.

Mike ließ als erster seinen Rucksack vom Rücken fallen, riss einen Essriegel aus seiner Packung und grinste. »Schönes Fleckchen, oder? Wie nannte man das früher noch? Camping?«

»Ja.« Lorielle lachte, erleichtert, weil sie sich an ein altes Wort erinnerten, weil die Nacht ruhig war, weil sie Hunger hatte. Und weil die fünf Seelords den ersten Tag auf dem Eis überlebt hatten. »Hier«, sagte sie, »sieht es viel besser aus als vorhin.«

Theo nickte still. Vorhin, das war vor etwa einer Stunde gewesen, als ihr Weg nach Norden sie in eine Art Tunnel geführt hatte: Das Eis war zu ihrer rechten und linken in die Höhe gewachsen, bis es sich zwei Meter über ihnen zusammenfügte und die Sterne verdeckte. Dunkelheit machte sie stolpern, der Wind schwoll an zu einem tierischen Heulen. Sie holten die Kerzen aus ihren Rucksäcken, schützten sie im Windlicht, schoben sich vorsichtig weiter: Der Wind zerrte an den Flammen und an ihren Nerven. Einmal knirschte das Eis rumpelnd, sodass sie innehielten und auf den Einsturz der Decke warteten. Nichts passierte, das Knacken verstummte. Schneller drängten sie vorwärts, wurden schon nach wenigen Schritten mit matter Helligkeit belohnt: Die Eisdecke über ihnen wurde durchsichtig und klar. Seltsam gekrümmt erkannten sie Sterne und den halben Mond über sich, verbogen wie in Zerrspiegeln, so als würden sie unter Wasser treiben und durch die Wasseroberfläche hinauf in die Nacht schauen. Noch schneller waren sie gelaufen.

»Ja«, nickte Theo. »Hier ist es besser.« Er löste das Zweimannzelt von seinem Rucksack und schlug Haken ins Eis. Simon machte es ihm nach, baute Stangen und Planen für Joshua, Mike und sich selbst.

Der Stoff isolierte gut, und als sie zum zweiten Mal an diesem Tag die Kerzen anzündeten, legte sich ein Hauch von Wärme um sie. Müde lutschten die fünf Mârins abgekratztes Eis und schoben die Abendrationen in ihre Zick-Zacks.

»Mann, ich liebe diese Dinger.« Mike schnalzte genüsslich mit der Zunge.

Auch Joshua fummelte einen Zickzack-Riegel aus der Packung und schob ihn in die zwei Finger breite Röhre hinein, die an ihrem Kopf mit Wärmeaggregaten ausgestattet war. Oben kam die erhitzte Nahrung heraus. »Ich frage mich«, murmelte Gillroy nach dem ersten Happen, »warum diese Dinger die einzigen Maschinen sind, die noch funktionieren.«

»Ein Geschenk an Mike persönlich«, schlug Theo vor.

»Auch die P 12 schießen noch«, erinnerte Simon.

»Ja.« Josh nickte. »Kerzen, Pistolen und Zick-Zacks. Wir sind wirklich bestens ausgerüstet.«

Jedes der Zick-Zacks hatte einen individualisierten Kopf am Stangenende, bunt wie – Gillroy brauchte drei Atemzüge, bis das eingeschlafene Wort wieder in ihm aufwachte – aber ja, bunt wie Spielzeug. Der Bär hatte sich ein schwarzes, großohriges Maus-Gesicht ausgesucht, Joshusas Zick-Zack wurde von einem Vogelkopf verziert und bei Simon saß ein kleiner Piratenschädel auf der Metallröhre. Klappte man diese Köpfe zurück – Zick, Zack machte es – schob sich der aufgewärmte Essriegel nach oben. Und man knabberte los.

Spielzeug, dachte Gillroy angeekelt und starrte auf seinen metallenen Vogelkopf. Dann biss er ab und lächelte beim Kauen: Denn Mike, der Bär, hatte recht. Das Zeug schmeckte.

Bevor sie sich hinlegten, holte Simon seine P 12 heraus und das Messer. Ritzte in den Griff eine Kerbe und betrachtete lange den Schnitt. Als er Joshuas Blick bemerkte, sagte er leise:
»Ab heute zählen wir wieder.«

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6 Gedanken zu “2. Teil, 1. Kapitel, 1. Szene

  1. Schön. Am schönsten, dass Du Platz für mein eigenes Bild lässt. Echt, da sind nur ein paar Worte, und schon wächst vor meinem Auge Eis empor und ich sehe meinen Atem in die Kälte steigen… Der Spannungsbogen steigt, mal sehen, wie Du das nun handhabst mit diesem kompliziertesten Werkzeug beim Schreiben.
    Lauernde Grüße, Julia

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    1. Ja, da bin ich auch gespannt, aber der Weg bis ans Festland ist zumindest in meinem Kopf klar. Da mein Ziel war und ist, noch in diesem Jahr mit dem ersten Band fertig zu werden, muss ich wohl die Frequenz langsam erhöhen. Und ja: Das ist schon knifflig, die Balane zu finden zwischen Beschreibung einer doch fremden Welt und der Phantasie des Lesers. Mal schauen. Ich sage jedenfalls meinen Dank!

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  2. So, jetzt hab ich auch endlich mal weitergelesen, war ja ne sehr lange Pause!
    Die Atmosphäre passt, man kann sich echt super hineinversetzen, da kann ich Julia nur zustimmen.
    Kann vllt auch daran liegen, dass ich mal die Heizung hochdrehen sollte 😀
    Ein kleiner Kritikpunkt allerdings noch: ich denke, mittlerweile dürfte jedem Leser klar sein, dass sich die Mannschaft nicht mehr an jedes Wort erinnert, aber für mich stellst du das zu sehr in den Mittelpunkt. Das mit den Wörtern, die „auf einmal“ wieder hochkommen, das wird gefühlt jedes dritte Kapitel thematisiert, mMn braucht man das nicht mehr. Die Atmosphäre lebt, wie ich finde eher durch deine gelungenen Situations- und Landschaftsbeschreibungen.

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    1. Hallo Sam, welcome back 🙂
      Freut mich ungemein, wieder etwas von Dir zu lesen! Ich glaube, Du hast recht mit Deiner Kritik. Ich neige dazu, die Leser zu unterschätzen, lieber einmal zuviel zu erklären als zu wenig. Genau das aber nervt mich ja selbst beim Lesen. Also meinen herzlichen Dank für diesen mir geschenkten Gedanken. Später in diesem zweiten Teil, wenn es actionreicher wird, habe ich diese „Hinweise“ immerhin stark runtergefahren. Jedenfalls habe ich Deinen Punkt stante pede auf meine Überarbeitungsliste gesetzt.
      Dank und Grüße!

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