Neue Rubrik oder: Wie Bücher sterben.

Einer der unschlagbaren Vorteile des Self-Publishing ist, dass man seinen Büchern dadurch Unsterblichkeit verleiht. Book-on-demand oder E-Book – das sind virtuelle Keimzellen, die erst im Auge der Leserin oder des Lesers lebendig werden, ja – aber eben keine 3000 Exemplare einer unverkäuflichen Romanauflage.

Wer in einem normalen Publikumsverlag veröffentlicht, hat großes Glück. Und erlebt doch oft auch großes Leid: Er muss dabei zusehen, wie seine Kinder sterben. Denn hat ein Titel nicht den gewünschten Erfolg, ist der Tod unausweichlich und nur eine Frage der Zeit. Der Weg zum Begräbnis sieht folgendermaßen aus:

Ist das Buch noch ein Baby (in der Branche spricht man von „Neuerscheinung“) wird es stolz herumgezeigt. Nicht auf den Entbindungsstationen – den Druckereien – sondern im großen Hort jeglicher Literatur: der Buchhandlung. Je nachdem, wie bekannt die Eltern des Kindes sind, wird der Neuankömmling direkt im Schaufenster, stapelweise auf den Büchertischen oder eher versteckt im letzten Regal präsentiert. Aber er ist da. Jeder Mensch der Welt kann in die nächste Buchhandlung gehen und dieses Wesen, dieses großartige neue Buch kaufen (oder zumindest bestellen). Dieses Sich-Sonnen in der Öffentlichkeit dauert in der Regel maximal drei Monate. Dann reifte das Baby zum Superhelden, sprich zum Bestseller – oder eben nicht. Trifft letzteres zu, wird das arme Kind von den frischen Ankömmlingen des nächsten Quartals verdrängt – survival of the fittest.

Fortan ist der Weg vorgezeichnet: Ein trauriges Darben in der dunklen Lagerhalle zusammen mit den restlichen 2323 nicht verkauften Zwillingsbrüdern. Ein unbeachtetes Leben auf der Backlist des Verlagsprogramms. Minimal tröpfelnde Verkäufe, denn ich wiederhole mich: Hat ein Buch in den ersten drei Monaten keinen Erfolg, verliert die Verlagswelt jegliches Interesse. Schließlich, nach etwa einem Jahr (je nach Verkauf), bekommen die Eltern des mittlerweile schon faltig gewordenen Sprösslings einen Brief vom Verlag: „Sehr geehrte(r) … leider müssen wir Ihnen mitteilen … aufgrund zu hoher Lagerkosten …“ Die Eltern sind sprachlos ob dieses Todesurteils. Es lautet: Verramschung. Immerhin zeigt der Verlag dir eine Überlebensmöglichkeit für dein Kind: Du kannst die Restauflage zu einem Spottpreis aufkaufen. Kannst so wenigstens ein paar hundert dieser Zwillinge retten. Vielleicht machst du das sogar. Beim ersten Buch. Beim zweiten sind es nur noch zehn, die du kaufst, aufdass sie überleben. Beim dritten – keines mehr. Denn niemand hat soviel Platz in der Wohnung oder im Keller.

Die Vollstreckung beginnt. Verzweifelte Aufschrei deines Buches beim Verramschen, lautlose, aber gut sichtbare Schreie: in Form von großen Preisaufklebern und Rabattzeichen. Wieder überleben ein paar. Werden weggegeben für einen Obulus der Barmherzigkeit. Aber diese wenigen, sie finden Rast und Ruh in den Regalen eines Bücherfreundes.

Die anderen, ach. Auf die wartet der allerletzte Abgrund, die Schmach jeden Buches – die Altpapierverwertung. Da gehen sie dahin.

Und dem Vater, der Mutter dieser Geschichte, ihnen blutet das Herz.

So sterben die Bücher. Tja, ich kann nur sagen: Das tut wirklich weh. Deshalb bin ich so glücklich über die neuen technischen Möglichkeiten und werde – ein bisschen wie in „Jurassic Parc“ – meine uralten Dateien längst verstorbener, will sagen vergriffener Bücher per Book-on-demand wiederbeleben.

Bis es soweit ist, habe ich eine neue Rubrik ins Leben gerufen, die meine noch lebenden Papierkinder vorstellen, also das, was so schön neutral „lieferbare Titel“ heißt. Ein erstes Baby stelle ich hier vor.

Jonas Torsten Krüger_Bücherregal

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4 Gedanken zu “Neue Rubrik oder: Wie Bücher sterben.

  1. Boah, ist das traurig! Mit Tränen in den Augen lockst Du mich nun weiter zu Deinen alten Babys …
    Ergiebiges Thema. Als Leser finde ich es sehr schwer, entsprechende Auswahl in tausenden Neuerscheinungen pro Monat auszuwählen. Wie finde ich Qualität unter eigenpublizierten Büchern? Welches Werk ist trotz fehlendem Lektorats gut zu lesen? Und dann gibt es ja noch die Preisfrage … 0,99 Cent. Das allein muss man sich mal überlegen. Nach monatelanger Arbeit, vielleicht sogar Jahren, viel Herzschmerz und Herzblut; verkauft man sein Baby für nicht mal einen Euro?
    Es gibt diese Autoren, die sich unter Wert verkaufen. Und es gibt eine Menge Schrott. Eine große Menge.
    Allerdings habe ich es auch erlebt, dass Werke, die man selbst herausbringt, alte Sachen, die im Verlag entstanden sind, wieder pushen können. Das ist doch mal was!
    Uns jedenfalls drücke ich die Daumen, welchen Weg auch immer wir für unsere „Kleinen“ wählen mögen.

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  2. Und wieder einmal kann ich nur sagen: Wie recht Du hast. Ich frage mich nur, wie alle anderen sich durch die Neuerscheinungen beißen können? Obwohl ich ein Vielleser bin – so viel Hunger habe ich dann doch nicht. Und ja, diese 99-Cent-Preise sind schon brutal. Nicht, dass man in nem Publikumsverlag pro Stück mehr verdient (7% pro verkauftem Buch, das sind noch nicht mal 1 Euro), allein die Wertigkeit, die so vermittelt wird! Denn ein Buch ist allemal mehr wert als eine Tafel Billigschokolade …
    Und zum Schluss: Danke für’s Daumendrücken! Da drücke ich gleich zurück 🙂

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  3. Das ist ja mal ein interessanter Einblick….Wie Schade ….früher hatten Bücher einfach mehr Chancen gelesen zu werden…Ich habe in den Büchereien oft unbekannte Autoren und Bücher gewählt…aber heute…der Markt wird überschwemmt und die Qual der Wahl…Ich finde es als User schön, soviel Auswahl zu haben…aber manchmal vermisse ich die gemütliche alte Zeit und das durchstöbern der Regale…

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    1. Ja – die Masse an Publikationen drückt die Chancen für jede einzelne Veröffentlichung drastisch. Ich würde sogar soweit gehen: Kafka und Co hätten heute keine Chance mehr (außer als Indies 🙂 ).
      Aber so isses halt. Dafür haben wir alle mehr Möglichkeiten als je zuvor. Liebe Grüße!

      Gefällt 2 Personen

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