6. Kapitel, 1. Szene

In dieser Nach zwang Simon den Schlaf herbei. Er erinnerte sich an kleine Pillen, die man schlucken konnte, erinnerte sich an Alkohol – jetzt einen Schluck Bier, eiskalt war’s hier ohnehin, sich vollschütten und wegdämmern. Aber nichts davon war übrig, keine dröhnenden Pillen, keine Flasche mit Schlummertrunk. So benutzte Simon jene Methode, die ihm sein Lehrer beigebracht hatte: Leutnant Nathan Ross. Der war mehr als ihr Ausbilder gewesen, oh ja, er war eben Gustaf-Otto-Tango-Tango für die jungen Mârins, ein GOTT, der sie formte und schmiedete. Ross bläute ihnen ein, dass ein Seelord überall und jederzeit den Schlaf wie einen Mantel anziehen musste: Jede Stunde Erholung war kostbar. »Ihr könnt es mit Atemzählen und Meditations-Scheiß versuchen«, hatte er sie angeschnauzt, »aber ich habe den ultimativen Tippkick für euch, Mârins: Wenn ihr die Augen zumacht und nicht sofort wegpennt, dann stellt euch mein Gesicht vor. Richtig gehört, meine verhasste Fresse, ihr Dreckkrümel unter meinen schiefgetrampelten Stiefelsohlen! Mein Gesicht, meine Stimme, die euch in die Eier tritt und einen Befehl gibt, den ihr sofort befolgt. So wie jeden meiner verfluchten Befehle, weil ihr gar nicht anders könnt. Weil ihr alles tut, was ich will, und das noch bevor ich mein Maul richtig aufreiße. Also, ihr Scheißer, stellt euch mein Gesicht vor, wie ich euch den Befehl gebe zu schlafen. Und dann seid brave Mârins, seid liebe Seelord-Schäfchen. Und schlaft.«

Wenn GOTT einen anhauchte, erwachte man zum Leben oder versank im Traum. Es funktionierte: Simon stellte sich die verfluchte Visage von Leutnant Nathan Ross vor, seine kleinen, von der Tabakpflanze gebräunten Zähne, die wilden Augen mit ihren Gebüschen aus Brauen darüber und die immer blank polierte Metallplatte, die seine rechte Wange einnahm. Leutnant Nathan Ross gab lautlos brüllend den Befehl. Und Simon Segur schlief ein.

 ***

»Theo?« Lorielle flüsterte. Schlief er schon? Nein, sie kannte seinen Atem,  jeden Schnarcher und Seufzer im Bett.

»Was?« Auch er leise, aber mürrisch. »Lass uns schlafen, Lorielle, wir gehen früh los.« Aber er streckte den Arm aus. Sie rollte sich auf die Seite und ihren Kopf auf seine Brust. Schloss die Augen, als er ihr durch die Haare streichelte und kleine Kreise auf die Schläfen schrieb.

»Was ist?«, fragte er.

Sie drückte sich an ihn, hörte sein Herz schlagen, laut und langsam, eine verlässliche Trommel, ein starker Takt. Erst nach Minuten ließ sie los, stemmte sich hoch, suchte in der Dunkelheit ihrer Kabine nach dem Schimmern seiner Augen. Entdeckte sie, fand das Weiß seiner Iris, aber auch das Weiß der wölfisch wirkenden Zähne.

Lorielle würgte ihre Angst hinunter – jetzt konnte sie nicht mehr zurück. »Dein Traum«, flüsterte sie. Ließ ihren Kopf wieder auf seine Brust gleiten. Bloß nicht mehr diese Zähne in der Dunkelheit sehen, diese zwei drohenden Linien in der Nacht. Sein Herz, das war besser. Oh ja. Verlässlich und stark. Die Augen schließen, einfach Kind sein, das Angst vor der Dunkelheit hat und sich an den Teddy pressen. Lorielle erinnerte sich an kein Stofftier. Nur eine vage Ahnung von mürber Wolle und rieselnder Füllung, muffig und feucht. Einfach ein Kind sein …
Fluch und Schande! Lorielle riss die Augen wieder auf, schob sich abermals  an Theo hoch und nahm sein Gesicht in ihre beiden Hände. »Wie hat er aufgehört?«
Stille. Von draußen die nächtliche Stimme des Eises, kristallen und rau flüsternd, über ihnen das seufzende Skelett der MS Cohiba.
»Ich bin gestorben«, antwortete Theo leise.
Lorielle nickte nur.

***

Früh war Simon wach: ausgeruht und entspannt. Er stand auf dem Oberdeck, starrte in die Richtung, in der das Elmsfeuer verschwunden war, starrte nach Norden. Die Sonne zog sich an ihrem unsichtbaren Faden rechts von ihm am Himmel hinauf, kletterte gleichmäßig und sicher, kippte ihr Licht auf die weite Fläche aus Eis. Simons Rucksack lag gepackt an Deck, auf dem Rücken wie ein pelziger Käfer. Die P 12 steckte gereinigt und mit 15 Patronen im Magazin, neun Millimeter, im Holster an seiner Hüfte. Unter dem Mantel natürlich, nah am warmen Körper. Sie hatten immer wieder Zielübungen veranstaltet – die Waffenkammer der MS Cohiba war noch gut bestückt, oh ja, denn auf diesem Meer gab es keinen Feind. Nur die Kälte, und die war unbesiegbar. Auch die Medusa bekämpfte man nicht mit Kugeln: Gegen sie kämpfte man gar nicht. Sondern floh.
Die P 12 jedenfalls zeigte sich unempfindlicher gegen die Kälte, als sie gedacht hatten. Erst nach Stunden in der Kälte froren Pufferstange und Schlagbolzenfeder ein.

Simon stützte sich auf die Reling, schaute nach Norden und grüßte die Sonne mit einem Blinzeln. Im Rucksack lagen Trockennahrung für vier Wochen, Kerzen, Streichhölzer, Ersatzmunition, sein abgenutztes Zick-Zack, das Dreimannzelt mit Isoliermatte und sein muffiger Schlafsack. Dazu Kletterausrüstung und jede Menge Seil. Keine Wäsche zum Wechseln – niemand interessiert dein Dreck an der Unterhose, wenn du krepierst.
Simon lächelte.
Irgendwo dort draußen wartete der Stern darauf, dass sie ihm folgten.

Dann hörte er die anderen kommen, hörte ihre Schritte auf der vereisten Decktreppe, hörte sie sich sammeln hinter ihm. Simon schnappte noch einen Zug kalter, seine Lunge kratzende Eisluft. Tastete nach dem Messer in der einen Brusttasche, nach der Sonnenbrille in der zweiten. Er zog sie heraus und setzte sie auf. Dunkelte den Tag ein, färbte ihn braun.

Drehte sich um.

»Können wir?«

»Nein.« Joshua grinste ihn an, ein schiefes Lächeln zwischen Verwunderung und Mitleid. »Nicht, ohne uns von Francis zu verabschieden.«

Simons Schultern wollten zucken, sie wollten ›na und?‹ sagen, aber er hielt sie still. Nickte nur und ging sogar vor, rüber nach Achtern, wo sie Francis hingetragen hatten, denn der sollte nicht allein im Dunkeln der Frachthalle liegen. Sein Körper war überzogen mit einer dicken Moosschicht aus Raureif, er funkelte wie eine Skulptur und erinnerte sie alle an die Opfer der Medusa. Sie standen im Kreis, versuchten Gebete, fanden keine Worte. Sie schauten Simon an, aber diesmal bezwang er sich nicht rechtzeitig und zuckte bloß mit den Schultern.
Was konnte man sagen?
Nichts.

»Auf dass deine Seele«, murmelte schließlich Theo, immerhin so laut, dass die anderen ihn verstehen konnten, außer Francis natürlich, der hörte nichts mehr, der hatte es hinter sich. »Auf dass deine Seele die Bewegung findet, die dein Körper verlor. Der liegt starr, aber du tanzt. Irgendwo. Hoffen wir. Farwell, Mârin.«

»Farwell«, murmelten Lorielle, Mike und Joshua. Ließen den Körper in der Sonne liegen – was sonst? In wochenlanger Arbeit ein Loch ins Eis hacken für eine Seebestattung? Verbrennen ging auch nicht – das letzte Holz hatten sie schon vor Monaten – oder Jahren? – aus vertäfelten Salons gerissen. Einen Moment nur stellte Simon sich vor, wie sie mit Kerzen versuchten, den vereisten Körper zu verbrennen. Und wieder mischte sich unter das Grauen, das er bei diesem Bild spürte, ein großes Gelächter. Ein hysterisches Kichern.

So flüsterte auch er nur: »Farwell«.

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3 Gedanken zu “6. Kapitel, 1. Szene

  1. Gefällt mir sehr, der Beitrag. Da kommt echtes Survival-Feeling auf. Man bekommt den Eindruck, dass Nathan Ross eigentlich ein ziemlich fürsorglicher Mensch war, wenn auch auf eine ziemlich verdrehte Weise. Da empfindet man es schon fast als seltsam, dass einige der überlebenden Mârins ihn auch nach seinem Tod noch verachten. Das Buchstabieren „Gustaf-Otto-Tango-Tango“ finde ich ein wenig zu viel, das metaphorische Gott-Sein beschreibst du ja schon ausführlich genug. Und schreibt man Farewell nicht mit „e“? Oder wolltest du das eindeutschen?

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  2. Danke für’s Feedback. Ja, mit dem Farwell, ähnlich wie mit Marins für Marine wollte ich ein bisserl Neu-Sprach kreieren. Bin mir aber noch nicht sicher …
    Danke auch für den Gustav-Otto – ich dachte, ich brauch das nochmal, aber offenbar habe ich (mal wieder) die Klugheit der Leser unterschätzt 🙂

    Gefällt 1 Person

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