5. Kapitel, 2. Szene

»Ich weiß, in welche Richtung wir müssen«, wiederholte Simon Segur. Drehte sich zu den anderen, blickte sie lauernd an. Ihm war klar, dass jetzt ein neuer Satz kommen würde, ein neuer Grund und damit die endgültige Ablehnung. Wer würde die Worte in scheinbar mitleidvollem, aber im Seelengrund erleichtertem Ton formulieren? Simon tippte auf Lorielle oder Mike.

Joshua Gillroy schnalzte mit der Zunge.

Also du, alter Freund, dachte Simon. Du. Dann sag es, sag es ein letztes Mal und schweig.

»Wir können nicht an Land«, sagte Joshua ohne ihn anzuschauen, drückte am Rand einer Kerze herum, schob das weiche Wachs hin und her. Hin und her. »An Land … herrscht die Medusa.«

Die fünf Seelords schwiegen. Das Gespenst der Stille pirschte sich erwartungsgeil an ihren Tisch, lauernd und grinsend. Die Medusa. Die verfluchte Gorgone, die gottlose Vernichterin der Menschheit.

»Ach, und woher weißt du das?« Simon gab seiner Stimme einen höhnischen Klang. »Wann warst du denn das letzte Mal an Land?«

»Simon, wir …«

»Wir? Nein! Mach daraus ein ich. Ich gehe auf jeden Fall. Wir werden hier sterben, mein Freund. Ein Tod der Langeweile, des Vergessens. Oder des Verhungerns, wenn sich die Vorräte erschöpfen, und das werden sie. Und wann, glaubst du, ist unsere letzte Kerze verbrannt?« Simon packte eine von ihnen und löschte den Docht mit seiner Faust. »Wir sind«, machte er weiter, verschärfte den Ton in seiner Stimme. »Wir sind die letzten. Fünf Seelords, ausgebildet und gerettet – wozu? So tragt ihr Schiffe von Meer zu Meer, die Botschaft von uns, den Frieden umher. Das werden wir nicht schaffen, Mârins. Nicht, wenn wir in diesem Sarg hocken und uns die Zehen abfrieren!«

»Trotzdem.« Auch Lorielle schien nicht überzeugt. »Alles ist besser, als vom Blick der Medusa erwischt zu werden.«

Simon ballte die Fäuste. Zwang ein Lächeln in sein Gesicht. Beides schmerzte. „Wir wissen nichts. Nichts, versteht ihr? Vielleicht ist die Medusa schon längst nicht mehr aktiv? Vielleicht sterben wir ohne Hoffnung und Wissen hier auf diesem vereisten Gespensterschiff, während an Land schon wieder der Aufbau beginnt? Ein neues Leben? Eine Welt nach der Gorgone?“

Wieder die Stille. Nur eine Kerze knackte leise, nur eine Windbö schaute durch das Bullauge herein, rüttelte kurz am Glas und zog dann enttäuscht weiter.

»Das ist Schwachsinn, Simon«, sagte Joshua Gillroy. »Und du weißt es.«

Natürlich, überlegte Simon. Joshua würde diesen Köder nicht schlucken – er war zu clever. Die Pathetik war auch eher für Theo und Lorielle gedacht: Die beiden hatten am meisten zu verlieren, wenn sie sich nach draußen wagten, hinein ins Eis und an Land. Lorielle und Theo, die hatten wenigstens sich, hatten erschöpfte Körper in der Nacht und den warmen Atem des anderen.

Simon nickte. Setzte sich müde zu ihnen an den Tisch – er hatte gepredigt, aber seine Gemeinde wollte nicht hören. Langsam kratzte er den letzten Rest Brei von seinem Teller. Kaute mechanisch. Er hatte sie nicht überzeugt. Er war ein guter Soldat, aber ein schlechter Redner. Als Prediger war er einen Dreck wert.

»Simon hat recht.«

Vier Köpfe drehten sich zu Mike – vom Bären hatte das keiner erwartet. Der immer hungrige, Witze reißende Mike wollte seine heilige Kombüse verlassen?

»Was ist denn mit dir los?«, fragte Theo.

Mike kratzte sich durch seine Zottelhaare. »Ich … ich hatte einen Traum letzte Nacht. Zwei, glaube ich, aber an den ersten kann ich mich nicht erinnern. Aber der zweite … ich weiß nicht warum, aber …«

»Oh nein!« Schrill lachend unterbrach ihn Lorielle. »Mikes Traumbotschaften aus der höheren Sphäre, ha! Hör‘ bloß auf mit dem Mist. Wenn du glaubst, dass ich nur wegen ein paar beschissener Visionen …«

»Visionen?«, rief Theo dazwischen und packte sie am Arm. Fast wütend starrte er sie an. »Du auch?«

Lorielle stöhnte leise und drückte sich an ihn. Legte ihre Arme um ihn, roch am Hals Theos Haut, spürte seine Bartstoppeln an ihrer Wange.

Sie alle, das wurde schnell klar, hatten denselben Traum gehabt. Abgesehen von Simon natürlich, der die Nacht über gewacht hatte – sein Elmsfeuer-Alp war real gewesen. Und abgesehen von Gillroy, der seine Kameraden mit spöttischen Augen musterte. »Ich träume nie«, sagte er nur, lauschte skeptische den Worten der anderen. Mike, Lorielle und Theo, sie hatten von einem Ball aus Feuer geträumt, der direkt über ihre schlafenden Körper entlangrollte, eine Spur aus Flammen über ihre Haut ziehend, heiß, brennend und knisternd. Hin und her rollte die Feuerkugel, bis schließlich jeder Fetzen ihrer Haut brannte. Die Hitze war mörderisch gewesen, im Traum, vernichtend. Endlich sei der Feuerball zurückgewichen, erzählten die drei, abwechselnd, stockend und sich gegenseitg ins Wort fallend, habe über ihren verkohlten Körpern geschwebt, so als begutachte er sein Werk, seine Malerei aus mit Feuer getränktem Pinsel. »Dieser Feuerball starrte mich an«, brummte Mike, »wie ein oberster Admiral vom Dienst, stieg dann hoch in die Nacht und verschwand.«
Lorielle nickte zögernd. »Mein Körper«, sagte sie leise, »flackerte noch einmal auf und zerfiel zu Asche. Ganz ähnlich wie …«
» … das Skelett in der Bibliothek«, beendete Theo ihren Satz. »Und in meinem im Feuer schrumpfenden und zerplatzenden Kopf glühte ein einziger Befehl: Folge …«
» … dem“, brummte Mike.
» … Stern.“ Lorielle flüsterte das Wort, rückte von Theo ab.
Joshua applaudierte spöttisch. »Sagt ihr drei ein Gedicht auf, oder was?«

Die drei ignorierten ihn. Und Simon Segur, er starrte sie an. Blickte dann auf seinen sauber gewischten Teller, auf die Kerzen, auf Joshua, der nur mit den Schultern zuckte. Es war bereits tief in der Nacht, das Eis klirrte nur ganz leise, die Cohiba streckte ab und an ihre Knochen aus Stahlträgern und quietschte gequält.

Endlich, dachte Simon Segur. Endlich leben wir wieder.

Die fünf Mârins zerredeten den nächsten Tag, mischten die Ja’s mit den Nein’s und bekamen ein: Vielleicht. Simon drängte, aber er peitschte sie nicht. Geduldig widerlegte er Einwand um Einwand, blendete ihre Ängste mit leuchtend gemalter Hoffnung, fechtete mit Joshuas logischen Einwänden heftige Zweikämpfe aus. Und er kämpfte mit sich. Natürlich hatten sie recht mit ihren Zweifeln: Wahrscheinlich kam keiner von ihnen durch, erreichte niemand von ihnen das Ziel – wo es auch liegen mochte. Aber hier an Bord der MS Cohiba wartete nichts mehr auf sie, außer Vergessen und Ödnis. Auf dem Schiff würden sie leben, ja, vielleicht noch Monate und Jahre, dreimal Aye, Kap’tai. Auf dem Eis würden sie Sterben innerhalb von Stunden oder Tagen – auch das stimmte.

Als die Sonne am Ende dieses Tages auf dem Eis ausrutschte und untertauchte, als die Sterne Löcher in die Nacht stanzten und die Kerzen ausgebrannt waren, entschlossen sich die letzten Seelords, die MS Cohiba zu verlassen.

»Besser«, fasste Joshua zusammen, »mit einem Ziel vor der Nase zu sterben, als mit dem Nichts vor Augen zu leben.«

Er war es auch, der beide Hände zum Gruß der Seelords hob: »Einmal ein Mârin …«
Die anderen taten es ihm nach. Fünf Münder schworen. »… immer ein Mârin.«

Simon Segur lächelte.
Noch lieber hätte er geweint.

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5 Gedanken zu “5. Kapitel, 2. Szene

  1. Der Landgang – ich fiebere ihm entgegen!
    Die erste Hälfte des Kapitels hat einen ungewöhnlich langen Atem, danach zieht das Tempo an. Worüber ich stolperte: „verschärfte den rauen Ton in seiner Stimme“, scharf und rau, zu viele Adjektive für mich in dem kurzen Nebensatz. Aber ich meckere nur auf hohem Niveau 🙂
    Einen Fehler habe ich auch entdeckt: Er hatte sie nicht überzeug(t) …
    Und zu der eifersüchtigen Cohiba ist mir noch was eingefallen: Wie wär’s mit „besitzergreifend“?
    Ungeduldigwartende Grüße, Julia

    Gefällt 1 Person

    1. Wie immer sage ich meinen Dank 🙂 „Rau“ ist gestrichen (da hattest Du völlig recht), das „t“ zum „überzeug“ hinzugefügt, bei der Cohiba muss ich noch überlegen. Und wahrscheinlich kürze ich am Anfang ohnehin noch, obwohl ein wenig Ruhe und langer Atem immer auch schön sind. So lange es nicht so ruhig wird, dass man einschläft 🙂

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  2. Sehr schön, Aufbruchsstimmung! Ich bin ziemlich neugierig, was es mit dieser Medusa auf sich hat, das hast du gut hinbekommen 😉
    Ich muss sagen, dass ich den Anfang in diesem Text nicht als zu langatmig empfinde (aber vielleicht hast du ihn ja bereits gekürzt?), man bekommt endlich etwas greifbarere Informationen, weshalb die Crew auf dem Schiff vor sich hin vegetiert.

    Zwei Dinge sind mir jedoch negativ aufgefallen.
    Von „Oh nein! Schrill lachend unterbrach ihn Lorielle […]“ bis „[…]spürte seine Bartstoppeln an ihrer Wange.“ verstehe ich nicht wirklich, warum wer so handelt, oder spricht, wie er es eben tut.
    Lorielle macht sich lustig über Visionen, Theo packt sie am Arm, fragt: „Du auch?“ – sehr verwirrend, zumindest für mich. Vielleicht kapier ich’s auch einfach nicht. Ebenso die Reaktion Lorielles, die sich daraufhin an Theo schmiegt. Großes Fragezeichen.

    Die zweite Szene mit dem gemeinsamen Sätzebeenden finde ich persönlich enorm klischeehaft. Und unfreiwillig komisch. Ich habe mir versucht, vorzustellen, wie Lorielle wartet, dass irgendjemand das Wort „dem“ ausspricht, um „Stern“ aufsagen zu können. Es ist klar, dass du verdeutlichen willst, dass alle drei die Vision hatten: du kannst ja auch schreiben, dass sie es alle gleichzeitig aussprachen: „Folge dem Stern.“ Oder Joshua macht sich über das gemeinsame Sätze-beenden lustig, das würde, wie ich finde, zu dem zynischen Charakter passen und die Szene nicht mehr so aufgesetzt dramatisch wirken lassen. Dass sie so auf mich wirkt, kann aber auch einfach an meiner eigenen Person liegen. Ist ja alles subjektiv.

    Von diesen beiden Punkten abgesehen finde ich, dass der Post zu deinen besseren gehört.

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  3. Auch Dir wie stets meinen Dank! Die Idee mit einem spöttischen Joschua-Kommentar ist wirklich super – habe ich gleich eingebaut. Merci! Was die Klischeehaftigkeit angeht, bin ich mir noch nicht so ganz sicher – Kitsch und Klischee gehören ein Stück weit ja zum Genre. Das richtige Maß zu finden, ist aber echt schwierig. Na, mal schauen – spätestens nach Beendigung des Manus, wenn die Generalüberholung kommt, werde ich sicher noch genug ändern …

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