Hanns-Josef Ortheil über Schreibblockaden

Bei meiner aktuellen Lektüre, dem Roman „Liebesnähe“ von Hanns-Josef Ortheil, sprang mir folgendes Zitat übers Schreiben ins Auge, das sich mit der berühmt-berüchtigten Schreibblockade auseinandersetzt:

„Blockaden entstehen anscheinend, wenn der Kontakt und die Nähe zu Themen und Dingen verlorengegangen sind, dann nämlich schreibt man ins Leere, und das Geschriebene hat keinerlei Verbindung mehr zu den eigenen Wahrnehmungen und Gefühlen. Sätze aufzuschreiben, die nicht durch die eigenen Gefühle gestützt und von ihnen getragen werden, führt nicht weiter.“
(Liebesnähe, btb-Verlag 2013, S. 379)

Hanns-Josef Ortheil
Quelle: Hans Weingartz via Wikipedia. http://www.pass-weingartz.de/hw.htm

Spannend an diesen Zeilen finde ich die Psychologie dabei: Schreibblockaden entstehen, wenn unsere Gedanken, Gefühle und Schreibfinger nicht mehr in direktem Kontakt zu dem stehen, was da auf dem Bildschirm erscheint. Eine Selbstverständlichkeit, eigentlich, aber so deutlich formuliert, hatte ich mir das nie klar gemacht – obwohl ich natürlich „wusste“, dass all unsere Texte von den beiden Atlanten Gefühl und Wahrnehmung getragen werden.

Das Zitat geht übrigens mit einem hilfreichen Tipp gegen Schreibblockaden weiter:

„In solchen Notfällen ist es am besten, mit der Beschreibung der erstbesten Details zu beginnen, zu denen zumindest noch eine geringe Gefühlsbeziehung besteht.“

Diese Gefühlsnähe, möchte ich hinzufügen, gilt nicht nur für Liebesromane, wie „Liebesnähe“ nun mal einer ist (und wahrlich kein schlechter!), sondern für jegliche Art von Text. Auch über die Wachstumsentwicklung von Kriebelmückenlarven kann man nicht (literarisch) schreiben, wenn keinerlei emotionaler Nähe dabei ist. Ohne diese Nähe empfindet auch der Leser, die Leserin keine Nähe, wird nicht angesprochen und nicht berührt.

Also, falls jemand von Schreibblockaden betroffen sein sollte: Sucht das Detail im Text, das ihr spürt und fühlt!

Leidet von Euch jemand manchmal unter dieser berühmtesten aller Schreibkrankheiten? Habt Ihr ein Hausmittel dagegen? Oder gar ein Heilmittel?

Und: Gibt es sie überhaupt, die Schreibblockade? Manchmal halte ich sie nämlich für einen reinen Mythos, bin ich doch nie einem Autor mit Blockade begegnet – und auch ich wurde bisher davon verschont. Vielleicht hat sich nur jemand aus unserer Zunft, schreibfaul und müde, diese perfekte Ausrede ausgedacht?

Wirklich sicher bin ich mir nicht …

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5 Gedanken zu “Hanns-Josef Ortheil über Schreibblockaden

  1. Mir gehts so wie dir – ich hatte noch nie eine richtige Schreibblockade. Allerdings schon öfter mal Schwierigkeiten, weiterzuschreiben. Letzten Herbst hab ich es so gelöst, dass ich diese kreativen Probleme dann einem Protagonisten in den Mund gelegt habe. Das Aufschreiben ging ganz leicht, weil mich das Thema ja stark beschäftigt hat und emotional besetzt war … und danach war ich wieder mitten in der Geschichte, und die schwierige Phase vorbei.
    Was machst du, wenn du an eine schwierige Stelle kommst?

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    1. Das ist ja mal witzig – die eigenen Probleme auf Deine Figur abwälzen 🙂
      So kreativ war ich in dieser Beziehung noch nie. Wenn ich Probleme bekomme, folgt das Übliche: Spazierengehen, Kopf-ablenken, Mindmap-Kringelei. Wenn gar nichts geht, geht immer der Klassiker: Automatisches Schreiben, ohne Schere im Kopf, ohne Satzzeichen, wenn’s sein muss, hinein in den Rausch schreiben 🙂

      Gefällt 1 Person

  2. Sehr passend, das Zitat. Und zur Frage – ja, es gibt sie, die Schreibblockaden. Ortheils Diagnose könnte durchaus stimmen. Ob sein Rezept hilft, werde ich beim nächsten Mal ausprobieren. Was bisher – zumindest gelegentlich – hilft: Rausgehen, fotografieren, den Kopf auf andere Gedanken bringen. Ist aber weder neu noch von mir, aber eben mit Ortswechsel verbunden, den man manchmal nicht mag/kann/braucht.

    Und jetzt reblogge ich den post, weil es dabei um einen Dauerbrenner bei uns AutorInnen geht.

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    1. Danke für den Kommentar (und das Rebloggen freilich auch). Und außerdem natürlich für die ehrliche Antwort. Und ja, Bewegung ist bestimmt eins der besten Rezepte, wahrscheinlich je besser, desto mehr Bewegung (ich denke da an Kampfsport oder sowas 🙂 ). Oder die gegensätzliche Alternative (die auch ohne Ortswechsel möglich): Meditieren bis der Kopf sich leerdampft.
      Falls Du Ortheils Tipp mal ausprobieren solltest, würde mich seine Nützlichkeit übrigens sehr interessieren! Andererseits wünsche ich, dass es noch sehr, sehr lange dauern möge, bis Du ihn einsetzt 🙂
      Liebe Grüße!

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