5. Kapitel, 1. Szene

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»Wir sind die letzten. Erinnert ihr euch an den …« Simon zögerte. War sich unsicher, ob er das richtige Wort benutzte. »Den … Funkspruch?« Joshua nickte ihm zu, also war das Wort kein Joker – sie alle kannten es noch.

Der Tag war vergangen in Schweigen. Stumm wie die bereits erstarrte Leiche von Francis im Frachtraum VII, so gingen die fünf Mârins ihrem Alltag nach. Es gab dafür keinen Grund, nur eine verbissene Notwendigkeit, die sie am Leben erhielt. Ohne jedes Wort hatten sie ihr Training absolviert, ihre Muskeln ermüdet, ihre Waffen gereinigt. Sie hatten Eis zu Trinkwassser geschmolzen, Kontrollgänge gemacht, ihre Vorräte zum tausendsten Mal durchgezählt und in ihrem Logbuch den Tod eines Seelords verzeichnet. Erst jetzt in der Nacht, nach dem Leeren ihrer Dosenration, hatte Simon von diesem letzten Funkspruch angefangen. Keiner von ihnen wusste, wie lange sie schon auf der MS Cohiba festsaßen, keiner erinnerte sich an ein Leben ohne Eis. Ihr Logbuch – Theos Idee – reichte gerade mal 412 Tage zurück. Ein Logbuch ohne wirkliche Geschehnisse, ohne Einträge, die mehr enthielten als Tag und Wetter. Abgesehen von jenem letzten Kontakt mit anderen Menschen, den sie am fünfzehnten Tag ihrer Aufzeichnung erlebt hatten.

»Der Funkspruch der USS Gibraltar.« Theo zog seinen Jackenkragen höher, um Lorielles Kratzstriemen zu verdecken und räusperte sich. »Natürlich. Das schrille SOS im Äther. Aus dem Hintergrund Schüsse und Schreie. Dann eine andere Stimme. Ruhig, aber am Ende. Ein Admiral Nitzel.«

»Nickel«, korrigierte Lorielle.

Theo warf ihr eine müde Kusshand zu. »Wie auch immer. Ich weiß es noch genau – und habe den Eintrag ja selbst geschrieben. Ihr könnt es nachlesen im Logbuch. Jedenfalls, dieser Admiral Nippel-oder-so meldete Meuterei im großen Ausmaß. Explosionen. Alles ging den Bach runter auf der USS Gibraltar. Dann seine … letzten Sätze.« Theo zögerte, suchte nach dem genauen Wortlaut. Er fand ihn rasch – diese Wörter hingen so fest in seinem Kopf wie ein Anker am Meeresgrund. »Nickel sagte: MS Cohiba, ihr seid die letzten. Mastbruch und Schotbruch, Mârins. Es tut mir Leid. Keine der anderen Schiffstädte existiert mehr, das ist so sicher wie der Sonnenaufgang im Osten und der Polstern im Norden. Lebendige Träume und Tage ohne Stillstand! Die USS Gibraltar meldet sich ab.« Theo hielt inne, rieb sich die Augen. »Dann ein Knall, eine letzte, große Explosion und … Rauschen.«

»Dreimal Aye, Kap‘tai.« Mike kratzte an seinem dicht behaarten Arm herum. Die Kerzen in der Kombüse schickten nicht nur Licht sondern auch Wärme, soviel zumindest, dass die fünf Seelords ihre Jacken nicht brauchten. Schon lange nutzten sie die Messe nicht mehr für ihre Mahlzeiten, sondern blieben gleich hier in der Kombüse. Die Messe war zu groß, zu kalt. Und zu leer. Mike ließ seinen Arm in Ruhe, schaute zu Simon. »Das wissen wir alles. Und?«

Sie alle blickten jetzt Segur an – den Daumen ihrer Fünferhand. Theo war älter als er, wenn Alter denn in dieser Welt noch messbar war, aber Simon war ihr Daumen oder – wie jetzt – ihr Zeigefinger: Er würde die Richtung weisen.

»Wir …«, sagte Simon und musterte nacheinander die vier. »Wir müssen runter von der Cohiba. An Land.«

Still saßen sie an dem verschrammten, festgeschraubten Tisch, warfen Schatten im Licht der dreißig aufgestellten Kerzen und genossen das Licht. Die Wärme.

»Tolle Idee, Segur.« Theo grinste müde. »Wirklich. Und wohin willst du gehen? Wir wissen verdammt noch mal nicht, wo wir sind! Klar? Die Seekarten machen keinen Sinn, die Sterne verraten uns nicht unsere Position. Willst du in den Sonnenuntergang marschieren, wie ein …« Cowboy, jaulte der Erinnerungs-Joker in seinem Kopf. Aber Theo sprach das Wort nicht aus, fuhr sich nur durch die Grauhaare und machte dann weiter. »Scheiße, Segur, nicht mal ein Kompass zeigt mehr nach Norden. Also wohin willst du? Hattest du plötzlich eine göttliche Eingebung? In welcher Richtung liegt denn dein Land, Mârin?«

Simon nickte. »Du hast es eben selbst gesagt – die Worte des Admirals: Wir folgen nach Osten dem Sonnenaufgang, nach Westen ihrem Untergang oder im Norden dem Polstern. In eine dieser Richtungen werden wir gehen.«

»Und in welche, verdammt?« Theo fasste es nicht. »Willst du eine Münze werfen? Und bei der falschen Richtung plötzlich im Wasser stehen und ersaufen? In der Eiswüste erfrieren?«

»Ich weiß, in welche Richtung wir müssen.« Simon wandte sich ab von Theo, drehte sich auch vom Tisch weg, folgte mit seinen Augen dem mattgelben Sternenhimmel der dreißig Kerzen. Feuer und Licht. Er erzählte den Vier nichts vom Elmsfeuer in der Nacht. Sagte kein Wort von der gespenstischen Flamme, die für ihn gebrannt, mit ihm getanzt, die ihm Glut von ihrer Glut geschenkt hatte – leuchtende Brüder wurden sie, Simon Segur und das Elmsfeuer. Auf die Kerzen starrend, kehrte er zurück aufs Deck der MS Cohiba, zurück in die letzte Nacht. An ihrem Ende, als die Wolkengebirge in sich zusammenfielen, das Gewitter sich auflöste und im Osten eine erste Ahnung von Dämmerung sich zu regen begann, hatte das Elmsfeuer als kugelförmiger Blitz seinen Platz am Funkmast verlassen, hatte Simon knisternd und blendend umkreist, neckend, spielerisch, bis es flirrend nach Norden flog, plötzlich stoppte, zurückzublicken schien zu Simon, so, als wenn es blinzeln würde, komm doch, komm doch mit, Mârin, dann sich weiter drehend, langsam, ganz langsam exakt in nördlicher Richtung verschwand. Folge dem Stern, flüsterte das Elmsfeuer in Simons Kopf – und er würde es tun.

Er musste es.

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5 Gedanken zu “5. Kapitel, 1. Szene

    1. Ja, jetzt geht’s richtig los. Ich hoffe, dass alles so funktionieren wird, wie ich mir das denke 🙂
      Die Spannung ständig am Laufen zu halten – auch das fasziniert mich bei Leuten wie King. Na, schaun wir mal … Liebe Grüße zurück!

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  1. Super Abschnitt. Ich fand ihn tatsächlich flüssiger zu lesen, da du hier etwas konkreter wurdest, weniger mit Metaphern und Vergleichen gemalt hast, dafür die Handlung mehr Raum eingenommen hat. Wie Julia bereits angemerkt hat, da wird die Spannung ganz schön angehoben.

    Was ich einzig etwas verwirrend empfinde ist, dass die Perspektive recht sprunghaft wechselt. In einem Abschnitt wird noch aus Simons Sicht erzählt, dann wieder aus der von Theo. In einem anderen Kapitel bekommt man wiederum Einblick in Mikes Gedanken – da du dich zwar sehr klar ausdrückst, ist zwar immer klar, um wen es gerade geht, aber ich persönlich finde das etwas inkonsequent. Wenn aus der Perspektive eines anderen Charakters erzählt wird, finde ich es etwas aufgeräumter, wenn man als Leser weiß: „okay, die Geschichte findet gerade aus der Sicht von Charakter XY statt!“.

    Davon abgesehen – wenn man die Geschichte ganz klar aus der Sicht von Simon erzählt bekommt, entwickelt sich, wie ich finde, das Potential, mehr und mehr als Leser an seiner Wahrnehmung zweifeln zu lassen, ihn als unzuverlässigen Erzähler (sowas kann auch prächtig funktionieren, wenn man nicht in der Ich-Perspektive erzählt, meine ich) zu verdächtigen. Das würde vielleicht noch einen weiteren Spannungs-Kick geben. Aber ich weiß ja nicht, wohin du mit deiner Story willst – vielleicht passt es auch überhaupt nicht. Nur als kleines Gedankenspiel.

    PS.: im Vorletzten Abschnitt hast du einen kleinen Tippfehler:“Chohiba“ statt „Cohiba“ 😉

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    1. Wieder vielen Dank – „Cohiba“ wurde korrigiert. Generell bin ich Freund des auktorialen Erzählens, da kann ich mich irgendwo „einklinken“ und muss mich nicht auf eine Figur beschränken. Was Du über die Perspektivierung auf Simon beschreibst, mit dem Ziel, an seiner Wahrnehmung und damit auch als Erzähler zweifeln zu lassen, finde ich hoch interessant! Darüber muss ich echt mal lange nachdenken …
      Ich habe gerade gesehen, dass Du auch ein produktives Wochenende hattest – komischerweise bekam ich aber keine „Neue-Beitrag“-Mail dazu. Schöne Woche!

      Gefällt 1 Person

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