Wie Künstler ticken – Monet malt den Tod

Letztes Jahr war ich mit meiner Liebsten im Frankfurter Städel; wir besuchten die Ausstellung „Monet und die Geburt des Impressionismus“. Wie diese Kunstereignisse so sind, war auch dieses: sehr schön und sehr voll. Das ist aber ein anderes Thema. Jedenfalls gefiel uns die Ausstellung umso mehr, je weiter wir sie durchschlenderten.

Und dann hing da plötzlich dieses Bild von 1879 aus dem Musée d’Orsay an der Wand:

Claude_Monet_-_Camille_Monet_sur_son_lit_de_mort
Quelle:  Wikipedia (User RIbberlin)

Es ist Monets erste Frau, die da liegt: Camille. Grad mal 32 Jahre alt. Und sie stirbt. Ein Gemälde des Sterbens, des Übergangs. Nicht, dass es mir wirklich „gefallen“ würde: Claude_Monet_-_Camille_Monet_sur_son_lit_de_mort_2

Es wirkt merkwürdig kalt. Ein eigenartiges Netz aus Pinselstrichen in Graublau, Rosa und Violett. Das Gesicht, der Mensch, die geliebte Frau verliert sich in diesem Netz, löst sich auf in Farbhieben. Verschwindet eben. Fahl und schemenhaft – nicht gerade das, was ich „schön“ nennen könnte. Aber freilich ungeheuer beeindruckend und auch erschreckend.

Denn genauso, dachte ich beim Anschauen, ticken wir Künstler. Wir leben unser Leben, wir nehmen teil, ja – und doch stehen wir auch stets außerhalb. Wir schauen zu. Wir beobachten. Wir wandeln das, was wir sehen und erleben, bereits im Moment des Erfahrens ein Stück weit in Kunst um. So wie Monet die Abstufungen der Totenstarre in unterschiedlichen Violett-Tönen erlebt, sieht und malt.

Wirklich erschütternd fand ich dann die Aussage des Künstlers selbst, der an einen Freund schrieb:

Meine Augen hafteten starr an der tragischen Schläfe. Und ich ertappte mich dabei, wie ich dem Tod in den Schattierungen des Kolorites folgte, das er in allmählichen Abstufungen dem Antlitz auflegte. Blaue, gelbe, graue Töne – was weiß ich.
So weit war es mit mir gekommen. Ganz natürlich war der Wunsch in mir rege geworden, das Bild von ihr festzuhalten, die für immer von uns ging. Doch ehe mir der Gedanke kam, die mir so lieben, vertrauten Züge aufzuzeichnen, vollzog sich vorher in mir automatisch die organische Erschütterung durch die Farbe, und die Reflexe nahmen mich wider meines Willen während eines unbewussten Vorganges gefangen, in dem der alltägliche Lauf meines Lebens einsetzte.

Ja, so ticken die Künstler. Monet erlebt einen schrecklichen Augenblick, er begleitet seine geliebte Frau beim Sterben und gleichzeitig sieht er Farben und Formen. Er lebt im Augenblick – und doch auch in seiner Kunst, er „ertappt“ sich dabei, wie er über die Farbigkeit nachdenkt. Bei uns Schriftstellern ist’s ähnlich, nur dass wir nicht so sehr optische Reize wahrnehmen, sondern die Wirklichkeit schon beim Erleben synchoron in Wörter formen. Mir geht es jedenfalls so, dass ich bereits am formulieren eleganter Sätze bin, während ich noch in der aktuellen Situation stecke. Ich beobachte etwas, ich höre einem Gespräch zu, ich erlebe einen nicht-alltäglichen (oder eben gerade alltäglichen) Moment, und noch während das passiert, forme ich Sätze im Kopf.

Schon fast schizophren, oder?

Aber so ticken wir eben, wir Künstler.

Und noch eines: Habt Ihr das kleine Herz entdeckt in der rechten unteren Ecke? Am „t“ von Monets Signatur? Ich glaube nicht, dass er es absichtlich eingefügt hat – das hätte er wohl besser gekonnt. Sieht mir eher wie ein verlaufener Farbfleck aus. Ich möchte aber gern glauben, dass Monet, als er die Form dieses Fleckes sah, traurig lächelte, nickte und vielleicht weinte. Ihn aber mit voller Absicht so stehen ließ.

Claude_Monet_-_Camille_Monet_sur_son_lit_de_mort_3

 

 

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4 Gedanken zu “Wie Künstler ticken – Monet malt den Tod

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