4. Kapitel, 2. Szene

Während Simon Segur an Deck stand und mit dem Wahnsinn kämpfte, die Arme, den Kopf und die Augen nach oben gerissen zum flammenden Funkmast, während die Haare an seinem Körper sich aufrichteten, zitternd in der elektrischen Luft, brannte über ihm das Elmsfeuer.

Und unten im Bauch der MS Cohiba, dort verschoben sich knarrend Metallwände, gepresst vom Eis. Die Kombüse lag dunkel, das Geschirr getrocknet, die geleerten Nahrungsdosen gestapelt. Nichts regte sich, kein Insekt lebte an Bord, keine Maus hatte die Kälte auf Dauer ertragen. Nichts rührte sich in dieser Nacht, nur die Schiffswände und Metallstreben, klagend oder klirrend im Eis.

Und vier Mârins, vier der fünf letzten Seelords. Noch atmende, lebendige Körper, geboren, geborgen und doch gefangen im Bauch ihrer metallenen Mutter. Die MS Cohiba wachte über sie und hielt sie fest, eine so führsorgliche wie eifersüchtige Mutter. Ein Bauch, ein Zuhause, eine Wohnstatt, aber eben auch Kerker und Galgen und Gruft.

Mike, der Bär, wimmerte im Schlaf. Er zuckte unter den Schlägen einer Erinnerung, die er tagsüber und wach nie mehr haben würde. Ein Ausbilder hatte ihm – nicht Leutnant Ross, denn Mike war älter als Simon und Joshua – zum Eid der Mârins Prügel verabreicht. Rhythmisch und böse. Mike würde sich nie mehr erinnern an sich selbst als schreiendes, heulendes Kind. Nur im Traum, in den Armen der MS Cohiba, sah er die Prügel kommen. Fühlte den Schmerz. Hörte die Schläge, das Schmatzen und Knacken auf seiner Haut, aber auch die Stimme des Leutnants: »Den Frieden zu wahren, gerüstet zum Streit, mit flatternden Fahnen im eisernen Kleid. So tragt ihr Schiffe von Meere zu Meer, die Botschaft von uns, den Frieden umher.« Jedes Wort ein Schlag. 28 Wörter, 28 sich verstärkende Schläge, bis der letzte einen noch jungenhaft dünnen Unterarmknochen brach. Mike, der Bär, krümmte sich auf seiner Koje zusammen, ohne dass der Schlaf ihm Erholung schenkte. Seine Koje, seine Kabine, denn Platz hatten sie wahrlich genug, jeder einen Raum für sich allein, einen, der für 12 Männer oder Frauen gedacht war. Seine zotteligen Haare klebten verschwitzt an der Stirn. Der Bär zuckte im Traum.

Lorielle und Theo lagen zusammen, liebten sich erst keuchend, dann stöhnend, dann schreiend. Endlich wieder Wärme auf der Haut, endlich ein immerhin Minuten anhaltender Augenblick ohne Eis im Körper. Sogar im Kopf taute es zwischen Küssen und Reiben, zwischen Umarmen und Streicheln. Theo packte Lorielles Locken, kurz geschnitten und kunstlos, er vergrub sich darin und roch das Shampoo, das sie alle benutzten. Er zögerte, ließ los, bat Lorielle mit seinen Lippen schmeichelnd um einen neuen Kuss. Wir unterscheiden uns, dachte er dabei, nur noch durch die Haare. Die gleiche Seife, die gleiche Kleidung. Der gleiche Körper mit Muskeln, egal ob Mann oder Frau, egal ob alt oder jung. Derselbe grade aufgestreckte Rücken, derselbe Mârin-Stolz. Und derselbe müde, erstarrte Gesichtsausdruck. Wenn wir an einem Tisch sitzen, ja, nur an den Haaren könnte man uns unterscheiden: Lorielle mit ihren kurzen Locken, Mike mit seinem Bärenfell auf dem Kopf, Simon mit eisglattem Schwarzhaar, Joshua mit seiner Glatze und ich, tja, ich in grau. Nur die Haare, dachte Theo, nichts anderes. Wir unterscheiden uns nicht.
Stumm wälzte er sich von ihr.
Ihre Augen leuchteten im Kerzenlicht.
Aber er sagte kein Wort.

Joshua Gillroy in seiner Kabine – er lag reglos auf dem Rücken. Stramm, die ausgestreckten Arme an den Hüften, die Hände an der Naht – ein guter Mârin. Er hatte die Ausbildung der Seelords geschluckt, bis kein Blut mehr in seinem Körper floss, sondern Loyalität und der Glaube, ein Mârin sei wichtiger als alles andere. Welche Farbe hatte dieser Lebenssaft? Er wusste es nicht.
Kein Stöhnen entkam seiner Kehle. Kein Traum plagte ihn, keine Einsamkeit quälte. Wenn Joshua ausatmete, wich ein kleiner weißer Nebel aus seiner Nase, eine wässrige Atemwolke in kalter Nacht – mehr nicht.
Er schlief ruhig.

Die MS Chohiba wachte über sie alle.

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2 Gedanken zu “4. Kapitel, 2. Szene

  1. Ich finde es wirklich gut. Ich mag die Geschichte und die Art, wie Du schreibst.
    Und mir gefällt der Absatz, der mit Und beginnt … Allerdings bin ich an dem eifersüchtig hängengeblieben. Irgendwie finde ich diesen Ausdruck zu sperrig zwischen den anderen Worten.
    Das ist aber wirklich das Einzige.
    … aber auch Kerker und Galgen und Gruft … meine Lieblingsstelle.

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  2. Danke. Dieses „… eine so führsorgliche wie eifersüchtige …“ klingt wirklich etwas hakelig. Muss ich überlegen, danke jedenfalls auch für diesen Hinweis. Natürlich ist das alles ja noch nicht in Stein, Papier oder Pixel gemeißelt – die große Schwierigkeit wie Herausforderung solcher Projekte ist ja, dass die Schluss-Überarbeitung fehlt. Und das ist ja mit das wichtigste …

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